Seit Jahren nutzt Manuel Valls, der Premierminister Frankreichs, die kollektive Urlaubspause, um für sich politisch zu werben. Braun gebrannt, in Mokassins und ohne Krawatte tourte er die vergangenen Wochen durch Südfrankreich und seine Alpen. Der Sozialist schwärmte von der "Menschlichkeit eines Frankreichs, das schön ist, wo es großzügig ist". Und betonte im nächsten Satz, dass "Ausländer ohne Asylrecht an die Grenze" gefahren werden müssten. Auch über Roma, die angeblich nicht in die französische Gesellschaft passen, zieht er gelegentlich her. Das kommt bei der Basis gut an.

Valls, geboren im spanischen Katalonien, hat erst mit 20 Jahren die französische Staatsbürgerschaft angenommen. Doch wie kaum ein anderer beschwört der heute 53-Jährige die Republik und ihre Verfassung. Er wirkt dabei unverbrauchter und authentischer als die meisten anderen französischen Politiker. Wie kein anderer durchbricht er das starre Links-rechts-Schema der französischen Politik. Seine politische Karriere startete er als zupackender Bürgermeister in einer Pariser Vorstadt. Später, als Innenminister, machte er sich als harter Hund einen Namen. "Der linke Sarkozy" wird Valls von manchen genannt – seine Stationen gleichen denen des früheren Präsidenten Nicolas Sarkozy von den rechtskonservativen Republikanern. Valls bekommt Zustimmung aus allen politischen Lagern, sogar von Rechtsradikalen.

Wenn Valls in den konservativen Dörfern Südfrankreichs auftritt, freuen sich daher die dortigen Kandidaten seiner Partei. Im Dezember werden sie bei Regionalwahlen ins Rennen gehen. Er selbst denkt längst weiter: an die Präsidentschaftswahlen 2017.

Deren Ausgang ist ungewiss. Viel steht auf dem Spiel. Erstmals darf sich die Kandidatin des rechtsradikalen Front National, Marine Le Pen, ernsthafte Siegeschancen ausrechnen. Allen Umfragen zufolge läge sie im ersten Wahlgang vorn. Doch wer träte dann bei der entscheidenden Stichwahl gegen sie an? Zwei bekannte Gesichter bestimmen bislang das Feld der Kandidaten: der sozialistische Amtsinhaber François Hollande und sein rechtskonservativer Vorgänger Nicolas Sarkozy. Dieselben also, die schon bei den Präsidentschaftswahlen 2012 den zweiten Wahlgang bestritten hatten. Zwei Altpolitiker, die viele Franzosen für die hohe Arbeitslosigkeit und die seit sieben Jahren währende Wirtschaftskrise verantwortlich machen. Gibt es denn keinen Besseren?, fragen sie sich. Manuel Valls weiß das. Es ist seine Chance.

Nach dem Attentat auf das Satiremagazin Charlie Hebdo waren laut Umfragen über 60 Prozent der Franzosen mit dem Premierminister zufrieden: ein Traumwert, den seit Jahren kein Regierungspolitiker mehr erreicht hat. Vor allem nicht Hollande, der der unbeliebteste Präsident der Fünften Republik ist. Das nährt Gerüchte. "Wird Valls Hollande abschießen?", fragte das linke Wochenmagazin Marianne kürzlich . Ein ehemaliger Berater Hollandes pflichtete bei: "Ganz Paris stellt sich diese Frage."

Vielleicht muss es gar kein Abschießen werden: Könnte, ja müsste ein zermürbter, unpopulärer Hollande am Ende seiner Amtszeit dem dynamischen Valls nicht den Vortritt lassen? Der Parteirechtsaußen könnte sowohl Sarkozy als auch Le Pen Stimmen abjagen. Wäre das in Zeiten von immer mehr Wechsel- und Nichtwählern nicht die einzige Siegeschance?

Inzwischen sehen sogar seine linken Parteigenossen in ihm ihren besten Präsidentschaftskandidaten. Seine mögliche Kandidatur müssen die Beteiligten allerdings so lange wie möglich unter Verschluss halten, damit die Operation Valls auch wirklich gelingen kann. Deshalb spricht offiziell niemand darüber. Hinter verschlossenen Türen aber sind sich große Teile der Pariser Elite einig: Niemand will eine Wiederholung von Hollande vs. Sarkozy.

"Frankreich befindet sich im Krieg"

Wenn Hollande bis 2017 als designierter Kandidat der Sozialisten durchhielte, um mit seinem Rückzug einen Überraschungseffekt zugunsten von Valls auszulösen, wäre die französische Politik wieder aufregend. Für Hollande wäre eine solche Rochade die vielleicht letzte Chance, nicht als Versager, sondern als grundanständiger Staatsmann in die Geschichte einzugehen. Als Teamspieler, dem die eigene Macht nicht alles bedeutet, könnte er sich für höhere Aufgaben in Europa empfehlen, wo seine in Paris viel geschmähte Konsensnatur Gold wert sein kann. Andernfalls blühen ihm Schmach und Schande: ein dritter Platz im ersten Wahlgang der Präsidentschaftswahlen hinter Sarkozy und Le Pen. Tatsächlich lässt der Präsident bei keiner Gelegenheit unerwähnt, dass er eine erneute Kandidatur nur anstrebe, sollten sich im Jahr 2016 die Arbeitslosenzahlen deutlich verbessern. Das klingt inzwischen so, als wolle er sich die Hintertür für einen vorzeitigen Abgang offenhalten.

Schon hat es den Anschein, als lasse der Präsident den Aufsteiger Valls neben sich strahlen. Er überlässt seinem Premierminister die populärsten Politikfelder: die Ausländer- und Sicherheitspolitik. Nach den Attentaten im Januar stellte sich Hollande in die erste Reihe der internationalen Staatschefs, die in Paris gegen den Terrorismus demonstrierten, und schwieg. Das Wort führte dagegen Valls: "Frankreich befindet sich im Krieg." Dabei gelang es dem Premier in einer heute schon historischen Rede, das ganze Parlament unter stehendem Applaus hinter sich zu bringen – einmalig seit den Tagen de Gaulles.

"Seit Januar ist der Ernst Teil meines Lebens. Er verlässt mich nicht mehr", sagt Valls seitdem gern. Das lässt ihn staatsmännisch erscheinen, so wie es viele Franzosen mögen. Ein solches Image erlaubten frühere Präsidenten ihren Premierministern nie. Hollande verschafft Valls sogar außenpolitischen Raum: Ausdrücklich lobte der Premier am vergangenen Wochenende Angela Merkel und die "mutige deutsche Flüchtlingspolitik", während der Präsident mal wieder schwieg.

Nicht dass die beiden Freunde wären. Die beiden Sozialisten sind geradezu eingespielte Kontrahenten, wie einst ihre Mentoren François Mitterrand (Hollande) und Michel Rocard (Valls). Als Hollande 2005 als Parteichef die EU-Verfassung befürwortete, stimmte Valls bei der Volksabstimmung dagegen. Als sich Hollande 2011 für die Präsidentschaftskandidatur in der Partei bewarb, trat Valls gegen ihn an. Erst danach reihte sich Valls ins zweite Glied ein. Dennoch warnte Hollandes ehemalige Lebensgefährtin Valérie Trierweiler davor, ihn zum Premierminister zu machen: "Wenn du Valls nimmst, gibst du ihm das Auto und den Schlüssel." Hollande beförderte Valls im April 2014 trotzdem in das zweitwichtigste Amt.

Valls weiß, dass er Hollandes Amtsbonus respektieren muss. Wer es sich als Premierminister mit dem eigenen Präsidenten verscherzt, ist beim französischen Publikum unten durch. Am Ende wird die Entscheidung über seine Zukunft bei seinem alten Rivalen Hollande liegen.