Fast unwirklich erscheint in der Ära von Angela Merkel eine Gestalt wie Franz Josef Strauß: Auf einzigartige Weise steht er quer zum Modus der Bundesrepublik. Auch wenn die CSU zum 100. Geburtstag ihren Mitgründer und größten Vorsitzenden noch einmal prächtig kanonisieren wird, um postum ein wenig vom Glanz des Titanen abzubekommen – man wird spüren, wie leer gefegt von Exzentrikern heute die öffentliche Arena ist.

Strauß zielte in vielen Anläufen aufs Kanzleramt, weil er Macht wollte, auch weil er Politik im Sinn hatte: als Bundesminister seit den fünfziger Jahren, als bayerischer Ministerpräsident, in der Bundestagswahl von 1980. Das Kanzleramt blieb ein Traum, unerfüllt.

Drei Biografien des Politikers erscheinen nun: Der politische Journalist Peter Siebenmorgen laboriert am unauflösbaren Rätsel Strauß, und er verbirgt das Rätselhafte, das Zwiespältige zum Glück auch nicht hinter Leerformeln. Neben Siebenmorgens respektgebietender Arbeit wirkt die Biografie von Horst Möller, ehemals Direktor des Instituts für Zeitgeschichte, wie eine brave Nachzeichnung des Politiker-im-Übermaß-Lebens. Eine "singuläre" Verbindung von Geist und Macht, Reflexion und Konzeption verkörpert für ihn dieser Hochverehrte, er "drängte immer zur Tat". So wird Strauß seiner Exzentrik beraubt, er war in der Tat komplexer, ob man ihn mag oder nicht. Das journalistisch lockere Buch von Werner Biermann (eine Aktualisierung der Ausgabe von 2006) über die Familie Strauß klingt da erheblich unverkrampfter, auch wenn es konventionell das Bekannte durchbuchstabiert, immerhin ohne Retuschen.

Was war exzentrisch an Strauß? Er stellt eine große Ausnahme dar, weil er sowohl in den 20 Jahren der Konsensrepublik als auch in der neuen Konfliktdemokratie seit 1968/69 zu einer konstruktiven Rolle nur selten fand – von der Phase als Verteidigungsminister abgesehen. Gerade mit der kulturellen Zäsur, die mit der Protestgeneration der 68er einhergeht, kommt er gar nicht zurecht und auch nicht mit dem ersten großen Machtwechsel 1969 hin zur sozialliberalen Koalition. Mit der Liberalisierung der Republik hat er nichts zu tun. Das Destruktive, mit dem er ohnehin kämpft, kommt ihm in der Folge noch häufiger in die Quere. Peter Siebenmorgen nennt ihn, unter dem Strich, einen "gebrochenen Helden".

Es stärkt diese Biografie, dass Siebenmorgen nicht penibel sämtliche Affären noch einmal im Detail erzählt. Die interessantere Frage bleibt, welchen Anteil Strauß am Selbstverständigungsprozess der Westrepublik hatte. Diese Frage will Siebenmorgen erhellen. Setzt man die Mosaiksteine der Biografie zusammen, kristallisiert sich neben viel Vertrautem nun ein anderes Strauß-Bild heraus.

Überrascht ist man von der geballten Ladung an Vorbehalten, Kritik, Zweifeln, die ihm schon in den fünfziger Jahren in der CDU, aber auch in seiner eigenen Partei entgegenschlägt, vor und nach seiner Wahl an die Spitze der CSU 1961. Strauß’ politische Agenda und die Grundlinien der Union passen offenbar an vielen Stellen schlicht nicht zusammen.

Als es darum geht, ob die Deutschen in irgendeiner Form atomar ausgerüstet und an der Verfügung über Nuklearwaffen "beteiligt" werden sollten, zeigen sich ernsthafte Haarrisse auch zwischen CDU und CSU. Diese "Atomfrage", im Bündnis mit den Franzosen oder notfalls auch ohne sie, daran erinnert Siebenmorgen, spielt schon bei der Entscheidung für den Starfighter eine Rolle, da er nuklear bestückt werden konnte. Sie führt zu der Kontroverse 1957 mit den Göttinger Atomphysikern, Carl Friedrich von Weizsäcker an der Spitze. Im Hintergrund aber geht es um das Selbstverständnis der Bundesrepublik. Die "Atomfrage", das zeigt sich, ist letztlich eine Chiffre für das Verlangen nach Emanzipation, nach voller Anerkennung der Bundesrepublik, nach einer autonomen Rolle. Auch dieses Verlangen treibt Strauß "im Übermaß" an, es bleibt sein Leitmotiv. Selbst Adenauer glaubt 1962, er spiele mit einem Atomkrieg. All das kollidierte auch mit dem Denken in der Union.

"Ziemlich nahe", glaubt Siebenmorgen, habe Franz Josef Strauß ursprünglich den ostpolitischen Ideen gestanden, wie Willy Brandt sie mit Egon Bahr entwickelte. Es gebe aber einen "Unterschied ums Ganze". Weil das "Herumdoktern" an einer austarierten Konstellation in Mitteleuropa sehr heikel sei, sei das Vertrauen in die Kunstfertigkeit der Handelnden und der Glaube an deren Integrität umso wichtiger. In den Augen von Strauß aber verfolgten Brandt und Bahr eine "verborgene Agenda". Strauß und seinen Unionsfreunden müsse man zugutehalten, schreibt Siebenmorgen, dass sie dabei "echte Sorge" angetrieben habe.