Jahrtausendelang hatten Frauen Angst, ungewollt schwanger zu werden. Heutzutage fürchten viele eher das Gegenteil. Das Risiko, ungewollt kinderlos zu bleiben, ist inzwischen ebenso groß. Das hat sich aber noch nicht überall herumgesprochen. In der Sexualaufklärung jedenfalls geht es in erster Linie immer noch darum, wie man vermeidet, ein Kind zu bekommen; seltener darum, was gegen unerwünschte Kinderlosigkeit zu tun ist.

Das hat Folgen. Die meisten jungen Erwachsenen wünschen sich zwei oder drei Kinder, im Schnitt 2,2. Tatsächlich ist die Kinderschar fast überall in Europa kleiner. Diese "Fruchtbarkeitslücke" schwankt von Land zu Land, über den Kontinent verteilt liegt sie bei 0,35 Kindern. Die Ursachen dafür sind komplex. Persönliches mischt sich mit Gesellschaftlichem, mal hat der Beruf Schuld, mal fehlt der Partner. Am Ende geht es fast immer um die Biologie. Anfang 40 sollte die Familienplanung (für Frauen) abgeschlossen sein.

Wann aber sollte sie beginnen? Früh! Das legt eine Studie niederländischer Forscher im Fachblatt Human Reproduction nahe. Die Wissenschaftler haben Geburtenraten sowie die Erfolgsquoten der natürlichen wie der künstlichen Befruchtung in ein mathematisches Modell gegossen und den Zeitpunkt errechnet, wann eine Frau mit dem ungeschützten Geschlechtsverkehr spätestens beginnen sollte, wenn sie sichergehen will, dass aus ihrem Kinderwunsch auch Familienwirklichkeit wird.

Möchte sie nur ein Kind haben, sollte sie mit 32 beginnen. Mit 27, wenn sie sich zwei Kinder wünscht. Und bei dreien bereits mit 23 Jahren. Die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft sinkt mit jedem Lebensjahr und auch immer schneller. Mit 38 Jahren liegt die Chance, noch zwei Kinder zu bekommen, bei 50 Prozent. Die Reproduktionsmedizin kann die Uhr zwar zurückdrehen, aber nur um wenige Jahre, und je älter eine Frau ist, desto weniger wirkt die Hilfe aus dem Labor.

Im Prinzip ist das vielen Frauen klar. Im Detail jedoch – das zeigen viele Befragungen – vertun sie sich gewaltig. Sie setzen den Zeitpunkt, an dem die Fruchtbarkeit nachlässt, viel zu spät an und überschätzen gleichzeitig die Wirksamkeit der künstlichen Befruchtung. Aufklärung bereits in der Schule könnte hier helfen. Auch Frauenärzte sollten das Thema häufiger ansprechen, etwa bei den Routineterminen, zu denen viele Frauen kommen.

Und die Männer? Sie haben das Problem der schwindenden Zeugungskraft sehr viel seltener – sind aber gleichzeitig oft selber das Problem. In einem Alter, in dem man früher schon Großvater wurde, überlegen sie heute, ob sie sich wirklich schon erwachsen genug für ein Kind fühlen. Diese verbreitete Daueradoleszenz der Männer kostet viele Frauen wertvolle Zeugungszeit – und viele Paare den Traum vom zweiten oder dritten Kind.

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