Carlo Bradaschia steht vor einer fensterlosen Halle, von der eine blaue Röhre im Format eines U-Bahn-Tunnels abzweigt. Langsam weist der Physiker mit dem Zeigefinger durch die Toskana: in die Ferne, nach Westen, immer an dem Rohr entlang, das erst nach drei Kilometern am Horizont in einem halbrunden Bau endet. "Dort hört die Anlage auf", erklärt er. Dann dreht sich Bradaschia um exakt 90 Grad nach rechts, in Richtung Norden, und zeigt auf ein zweites, identisches Rohr – ebenfalls drei Kilometer lang und im selben Blauton lackiert.

Das Observatorium ist so prägnant, dass es sich leicht auf dem Satellitenbild finden lässt: zwei scharfe, wie mit dem Geodreieck gezogene Linien in einem braun-grünen Flickenteppich aus Äckern und Weiden. Der rechte Winkel im Kilometermaßstab fungiert als Superpräzisionslineal: In beiden Röhren laufen Laserstrahlen hin und her. Dann treffen sie sich in der fensterlosen Halle. "Indem wir die Überlagerung der Laserstrahlen beobachten, messen wir winzigste Längenänderungen", sagt Bradaschia, Physiker am European Gravitational Observatory in Pisa. "Änderungen von einem Billiardstel Millimeter, viel weniger als der Durchmesser eines Atomkerns."

Der Riesenaufwand für die Minimessung gilt einer der skurrilsten Vorhersagen aus Einsteins allgemeiner Relativitätstheorie: dass die Schwerkraft als Welle durch Raum und Zeit eilt. Es ist zudem die letzte große Idee des Genies, die noch nicht durch Messung bestätigt oder widerlegt wurde.

Vielleicht ist es ein epochales Stück Physik. Oder Einsteins letztes Hirngespinst.

Um das zu klären, wurden in den USA, Deutschland und Italien vier Riesendetektoren gebaut. Aber weder Virgo in der Toskana noch eine der anderen Anlagen fing auch nur den Hauch einer Welle auf. Darum haben die Physiker ihre Apparate in Italien und den USA nun aufgemotzt. "Das erhöht die Chancen auf eine Entdeckung drastisch", sagt Karsten Danzmann, Direktor am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik in Hannover. Noch im September hoffen die Forscher auf erste Daten.

Auf sie wartet die Wissenschaft mit Spannung. Als Albert Einstein 1915 seine allgemeine Relativitätstheorie vorstellte, zeichnete er ein komplett neues Bild der Gravitation. Bis dahin hatte gegolten, dass die Anziehungskraft ohne jeglichen Zeitverzug zwischen zwei Massen wirkt – egal, wie weit diese voneinander entfernt sind. Einstein glaubte hingegen, Schwerkraft entstehe, weil Masse den Raum und die Zeit krümme. Das Entscheidende: Die Raumzeit lasse sich nicht unendlich schnell verbiegen, sondern nur mit Lichtgeschwindigkeit.

Geraten irgendwo im Weltall mächtige Massen in Wallung, etwa indem zwei Schwarze Löcher kollidieren, sollte das regelrechte Dellen in die Raumzeit schlagen, die lichtschnell durch den Kosmos rasen – und dabei die Bahn der Erde kreuzen könnten. Theoretisch.

Der bis dato einzige Hinweis, dass Gravitationswellen mehr sind als ein Hirngespinst, stammt aus dem Jahr 1979. Mit einem Radioteleskop hatten die US-Astronomen Russell Hulse und Joseph Taylor ein Neutronensternpärchen inspiziert und festgestellt, dass sich die beiden kompakten Sternleichen mit der Zeit immer enger umkreisten. Ganz offensichtlich verloren sie Energie – indem sie Gravitationswellen abstrahlten? 1993 erhielten Taylor und Hulse den Physik-Nobelpreis. Im Frühling vergangenen Jahres wollten Forscher dann am Südpol mit dem Teleskop Bicep2 Spuren von Gravitationswellen in kosmischer Hintergrundstrahlung gemessen haben. Doch ihr Fund entpuppte sich als Ente (ZEIT Nr. 6/15).