Seit fünf Monaten herrscht Krieg im Jemen, und schon jetzt sehe das Land aus "wie Syrien nach fünf Jahren". So beschreibt der Chef des Internationalen Roten Kreuzes, Peter Maurer, sein Entsetzen nach einem Besuch in der Republik im Süden der Arabischen Halbinsel. 21 Millionen von knapp 27 Millionen Jemeniten benötigen akut humanitäre Hilfe, meldet die Hilfsorganisation Save the Children. Im Jemen läuft eine Katastrophe ab, und mitzuverantworten hat sie ein Verbündeter Deutschlands: Saudi-Arabien.

Ende März begann eine von Saudi-Arabien geführte "Koalition" im Jemen zu intervenieren. Sie wollte den Vormarsch der vom Iran unterstützen Huthi-Rebellen stoppen, die den international anerkannten Präsidenten Al-Hadi vertrieben hatten. Für die Jemeniten bedeutete die Intervention vor allem eines: Luftschläge. Hinzu kommt mittlerweile eine De-facto-Blockade des ärmsten Landes im Nahen Osten. Die Koalition zerstörte den Hafen von Hudaida, das letzte Nadelöhr für Hilfsgüter im Norden des Landes. Wenn diese Zeitung erscheint, wird das Kinderkrankenhaus der Hauptstadt Sanaa womöglich seine Türen geschlossen haben: Es gebe keinen Treibstoff für die Generatoren mehr und keine Medikamente, berichten die Ärzte. Etwa 4500 Menschen sind der BBC zufolge bisher getötet worden. Die Mediziner fürchten nun ein Vielfaches an Toten – durch Unterernährung und fehlende medizinische Versorgung.

Die saudi-arabische Regierung scheint sich an zivilen Opfern ihrer Kampagne nicht zu stören. Die Kampfpiloten des Wüstenkönigreichs sind entweder erbärmlich ausgebildet oder erschütternd ruchlos. Immer wieder landen ihre Bomben in belebten Vierteln, auf Märkten oder neben Schulen. Anfang der Woche traf es eine angebliche Sprengstoffschmiede, die in Wahrheit eine Flaschenfabrik war: 34 Tote. Saudi-Arabien setzt Streubomben ein, die von der Mehrheit aller Staaten geächtet sind – nicht aber vom wahhabitischen Regime. Die gesamte Stadt Saada, sagte kürzlich ein Sprecher der "Koalition", betrachte man als militärisches Ziel. Amnesty International spricht vom Verdacht auf Kriegsverbrechen.

Sicher, auch die Huthi-Rebellen verstoßen gegen humanitäre Regeln. Aber Saudi-Arabien ist mit anderen Maßstäben zu messen, denn es ist ein erklärter "Partner" der Bundesrepublik Deutschland. Das Regime gilt als Stabilitätsanker, als Garant für Sicherheit in der Region. So haben deutsche Regierungen es immer wieder bekräftigt. Deshalb liefert Deutschland Waffen nach Riad, über die Jahre im Wert von vielen Milliarden Euro.

Aber welche Stabilität bitte schützt Saudi-Arabien gerade? Zwar engagiert sich Saudi-Arabien gegen die Dschihadisten des "Islamischen Staates", doch der Krieg gegen die Huthi ist dem Königshaus ungleich wichtiger, weil Saudi-Arabien in seiner Paranoia gegen den schiitischen Rivalen Iran gefangen ist. Anfang April warfen die Saudis übrigens deutsche G3-Sturmgewehre im Jemen ab, um lokale Verbündete zu unterstützen. Ob es Gewehre aus deutscher Produktion oder saudischer Lizenzherstellung sind, ist egal. Saudi-Arabien hat die vereinbarten Regeln gebrochen – das Land ist also nicht einmal verlässlich.

Bis vor ungefähr 15 Jahren hatte die saudische Außenpolitik einen Mehrwert für den Westen. Riad verhinderte eine Ausweitung des Iran-Irak-Krieges, stand mit dem Westen auf der Seite Kuwaits und gegen den Irak, versuchte 2002 den Nahost-Konflikt zu deeskalieren. In Kombination mit einer zuverlässigen Ölpolitik reichte das, um über die Innenpolitik und die Menschenrechtsdefizite hinwegzusehen. Warum das aber heute noch gelten soll, ist unersichtlich. Denn wie der Jemenkrieg ja gerade zeigt: Nicht einmal als berechenbares Gegengewicht zum Iran taugt Riad noch.

Im Gegenteil: Saudi-Arabien ist ein Risikofaktor geworden. Barbarische Kriegsführung sollte ein Ausschlusskriterium für Partnerschaft sein. Wenn es je einen anderen Grund als den Import von Öl und den Export von Waffen gegeben hat, der uns Saudi-Arabien politisch so hat ans Herz wachsen lassen: Jetzt ist die Zeit, die Beziehung zu Riad zu hinterfragen. Und wenn es nie einen anderen Grund gegeben hat: dann erst recht.