Als der alte Kontinent nach zwei Weltkriegen in Trümmern lag, betraten "brave boys, ehrlich, einfach, sauber, wie es nur Amerikaner sein können", Europa. "Allein die Amerikaner können sich mit so freier und lächelnder Grazie unter schmutzigen, verhungerten, unglücklichen Menschen bewegen. Das ist kein Zeichen von Unempfindlichkeit: Es ist ein Zeichen von Optimismus und gleichzeitig von Arglosigkeit." Im Gegensatz zu den Europäern glaubten die Amerikaner, "dass man Elend, Hunger, Leiden, dass man all dies bekämpfen kann, ... dass es gegen jedes Übel ein Heilmittel gibt. Sie wissen nicht, dass das Böse unheilbar ist."

Das sind keine Zitate aus dem neuen Buch von Jonathan Franzen, sondern aus Curzio Malapartes berüchtigtem, ziemlich krassem Nachkriegsroman Die Haut (1949), in dem er den Amerikanern prognostiziert, dass sie von der Schuld Europas infiziert werden würden: "Es trifft sich immer so nach einem Kriege. Es sind stets die Besiegten, welche die Kultur in die Siegerländer bringen." Und die Kultur der Europäer bestand aus Sicht Malapartes aus fortgesetzten, mythischen Gewaltexzessen, die im Zweiten Weltkrieg lediglich gipfelten – was die strahlend lachenden "boys" nicht begreifen können. Der alte Kontinent sollte den neuen in einen Kalten Krieg ziehen, der so kalt bekanntlich nicht war.

Als der Zweite Weltkrieg endgültig endete, und das geschah 1989, befindet sich in Jonathan Franzens neuem Roman Unschuld (Purity) der amerikanische Reporter Tom Aberant in Berlin und trifft dort auf den jungen ostdeutschen Oppositionellen Andreas Wolf, der ihn in ein schreckliches Verbrechen einweiht. Wolfs Vater gehört als Staatssekretär der politischen Elite des Landes an, seine Mutter ist Anglistin. Er überwarf sich mit ihnen wegen eines regime- und elternkritischen Gedichts und wohnte fortan in einer jener Kirchen, die den Widerstand organisierten. Dort verführte er nicht nur all die jungen Frauen, die sich politisch engagierten, er verliebte sich in die Unschuld und Schönheit eines unnahbaren 15-jährigen Mädchens, in Annagret, die missbraucht wurde – und zwar, vielleicht ein bisschen naheliegend, von einem bösen Stasispitzel. Andreas Wolf also erzählt Tom Aberant inmitten des revolutionären Trubels, dass er diesen Stasispitzel umgebracht habe, um Annagret zu retten, und dass dessen Leiche noch an einen sicheren Ort gebracht werden müsse – woraufhin ihm der Amerikaner, der viel von Moral, aber wenig von der mythisch-tragischen Verstrickung des Menschen weiß, hilft, den Ermordeten zu vergraben. Tom Aberant wird Komplize, und Europa, genauer die "Republik des schlechten Geschmacks", wie die DDR bei Franzen heißt, legte noch einmal die Saat des Bösen in die USA.

Andreas Wolf steigt nach dem Zusammenbruch des Ostblocks zu einem der weltbekanntesten Whistleblower auf. Anders als Assange gilt er als moralisch überaus integer, obgleich sich ein illustrer Kreis von Frauen mit amerikanischem Weltverbesserungsdrang in Bolivien um ihn scharen, die ihn als Feministen feiern und zu ihm ins Bett steigen. Von hier aus herrscht Wolf nicht nur über ein Imperium von Hackern, die größere und kleinere politische Skandale entlarven – er herrscht auch über die Handlung von Franzens Roman. Man entdeckt erst nach und nach, dass viele Figuren, allen voran die zentrale, nämlich Purity, die von allen Pip genannt wird, von ihm gelenkt werden. Wolf treibt die junge, auf sympathische Weise unausgeglichene Frau, die von Gelegenheitsjobs lebt und in einer heruntergekommenen WG wohnt, nicht nur nach Bolivien, sondern zielstrebig zur Lösung ihres Lebensrätsels, nämlich der Frage, wer ihr Vater ist. Das wird ihr nämlich von ihrer Mutter beharrlich verschwiegen, und das soll auch hier verborgen bleiben, denn Franzen entfaltet anhand der Herkunftsfrage über Hunderte von Seiten und einer Fülle von Charakteren eine kriminalromanhafte Spannung, die erst spät aufgelöst wird. Pip ist dabei eine fast schon bildungsromanhafte Figur, die sich mit Schwierigkeiten an einer freien, individuellen Entwicklung ihrer Persönlichkeit versucht, um ein höheres, ein positives Ziel zu erreichen: die Versöhnung ihres unklaren und zerrütteten Familienhintergrunds.

Franzens Buch ist das Musterbeispiel eines analytischen Romans: Die eigentliche Handlung liegt vor seinem Beginn und erfüllt sich sehr langsam in zahlreichen, miteinander verwobenen Handlungssträngen – wie nebenher wird damit eine Art Gemütspanorama der DDR und der USA entfaltet, werden der zerschundene und verdorbene Osten Deutschlands und die korrupte, dekadente, aber zugleich kurios-idealistische USA kunstvoll in den Blick genommen. Der Roman wimmelt nur so von Veganern, Pazifisten und anderen Weltverschwörern der Mittelschicht und Upperclass, die unter ihrem mehr oder weniger heimlichen Alkoholismus und ihrer Sexsucht leiden ("Schwanz" ist womöglich die am häufigsten benutzte Vokabel des Romans, es gibt kaum einen Protagonisten, der nicht auf dessen Eigenleben stark fixiert wäre). Seit das repressive, aber sinnstiftende Familienkorsett bürgerlichen Zuschnitts weggefallen ist, leidet man sehr an der Selbstverwirklichung, die man andererseits nicht mehr missen will – schon Korrekturen und Freiheit, Franzens Weltbestseller der nuller Jahre, kreisten um diesen Befund.

Purity, so der Titel des Romans, den man besser mit Reinheit statt mit Unschuld hätte übersetzen sollen, ist Programm. Rein ist das madonnenhafte Mädchen, das Wolf in der Kirche erblickt, die mit ihm zur Mörderin und Partnerin wird. Rein ist der Kapitalismus, der seine Wurzeln im Puritanismus hat und die Welt durch Umweltzerstörung und Ungerechtigkeiten besudelt. Rein ist die Idee des Sozialismus und führt schnurstracks zum Gulag. Rein sind die Netzaktivisten und denken doch nur an ihren Ruhm und ihre Eitelkeit. Wenn man dem Roman, dessen versierte Vielschichtigkeit, souveräne Figurenführung und psychologisch feine Entfaltung der Charaktere bewunderungswürdig sind, etwas vorhalten kann, dann vielleicht dies: Reinheit ist eine derart universale Kategorie, dass sie auf so gut wie alles passt, weshalb leider nicht allzu viel aus ihr folgt: Dass wir eine Reinheits- und Unschuldssehnsucht haben, aber schon immer alle und alles irgendwie besudelt ist. Dass wir vom Baum der Erkenntnis gekostet haben und aus dem Schlamassel nicht mehr herauskommen, sosehr wir uns abmühen. Dass unser Begehren (nach Sex, Mord und Fleisch) sich eben nicht abstellen lässt – trotz eifrig konsumierter Schlaftabletten. Reinheitsfantasien provozieren rasch Tautologien – weshalb zahlreiche Beziehungen in Franzens Buch jenes so vertraute Auf-der-Stelle-Treten von Ehen kennen, jenes Umkreisen der ewig gleichen Missverständnisse und das beständige Auseinanderklaffen von Anspruch und Wirklichkeit, das vielleicht manchmal etwas allzu ausführlich vorgeführt wird. Die Moral wäre, wenn schon prinzipiell alles beschmutzt ist, sich hier und da etwas zurückzunehmen und nicht immer alle um einen herum unnötig zu instrumentalisieren. Am Ende, auch in diesem großen Roman, sind alle Weisheiten schlicht und die Metapher erschöpft. Dass alles Streben Reinheitsstreben wäre, dürfte übrigens ein bevorzugt amerikanischer Gedanke sein.

Purity gipfelt in einem Gedankenspiel: Die sozialistischen Staaten mit ihren Spitzelwesen waren vom Wunsch beseelt, noch über die feinsten Geheimnisse ihrer Bürger, und seien es Belanglosigkeiten, informiert zu sein. Von dieser unguten Wissbegierde, so legt es Franzen nahe, seien auch die Netzaktivisten dieser Welt erfüllt – auch sie glaubten, Enthüllungen seien der Schlüssel für eine bessere Welt. Das Netz wie die DDR seien totalitär – mit jeweils starkem Anspruch, den Glauben an das Individuum durch den Glauben an das Kollektiv zu ersetzen: "Die Antwort auf jede Frage, ob groß oder klein, hieß Sozialismus. Ersetzte man Sozialismus durch Netzwerke, hatte man das Internet." In beiden sozialistischen Träumen würde das Kollektiv von wenigen Individuen manipuliert. Man misstraut dieser im Roman entfalteten Analogie doch sehr. Schon deshalb, weil die Diktatur über ein Gewaltmonopol verfügt, von der ein Netzaktivist nur träumen kann: Sie hat die Möglichkeit zur physischen Gewalt und zum Zugriff auf den Körper.

Gewiss sind auch die Internetkonzerne und Netzwerke mit ihrem Datendurst vom Drang beseelt, "unsere Existenz zu definieren", wie es in Purity heißt. In welcher Weise und in welchem Ausmaß sie agieren können, regelt aber noch immer der demokratische Rechtsstaat. Das Netz ist kein Exportschlager der DDR, das haben die braven, ehrlichen, sauberen "boys" schon alleine geschafft. Und es grenzt an eine Verharmlosung der Diktatur, sie als Vorspiel des bösen Internets zu begreifen. Franzens Roman entfaltet seine Wucht durch die Charaktere, die einen im besten Sinne anrühren und denen wir bis in ihre Abgründe hinein mit Lust folgen. Ein Roman, wie Franzen jüngst in einem Interview sagte, löst schließlich keine Probleme. Er verkörpert sie.