Martin Amis ist das Enfant terrible der englischen Literatur. Er sagt gerne Dinge, die vom britischen Publikum mit vergnügtem Entsetzen quittiert werden, zumal solche, die jeder Political Correctness hohnlachen. In Deutschland ist diese Art der sportlichen Bewunderung, ohne inhaltliche Bewertung der Provokation, nicht verbreitet, was auch erklären mag, dass der Hanser Verlag, bei dem bisher die deutschen Übersetzungen erschienen, vor dem jüngsten Werk zurückschreckte. Interessengebiet, ein Auschwitzroman, noch dazu aus der Täterperspektive erzählt und in jenem süffisant-lakonischen Plauderton, für den Amis berühmt ist, ist nun bei Kein & Aber in der Schweiz erschienen und wird dem Verlag noch viel Aufsehen verschaffen, im Guten wie im Bösen.

Indes handelt es sich um kein verharmlosendes Buch. Es versucht auch nicht, mit einer identifikatorischen Einfühlung in die Täter zu schockieren, wie es Jonathan Littell mit seinem SS-Roman Die Wohlgesinnten getan hat. Was Amis schildert und anschaulich machen will, ist das Skandalon des alltäglichen Mörderlebens – dass die Täter ihre Büros und ihre Routinen hatten, ein Arbeits- und ein Privatleben, dass sie die Probleme des Massenmordes lösen mussten und lösten, ohne zu kotzen und den Glauben an den "Führer" zu verlieren.

Nun, es wird im Buch dann doch viel gekotzt und noch mehr gesoffen. Namentlich der Lagerkommandant stabilisiert sich nur durch Alkohol- und Medikamentenmissbrauch. Der fanatische Antisemitismus und Rassenwahn dieses denkwürdig verkommenen Karrieristen reichen nicht aus, den Gestank der Massengräber und Verbrennungsanlagen zu ertragen. In der olfaktorischen Vergegenwärtigung beweist Martin Amis großes Talent; man kann auch den Roman nicht lesen, ohne mit Übelkeit zu kämpfen. Sollte jemand bisher Schwierigkeiten gehabt haben, sich das Grauen aus den bekannten Fakten der Vernichtungsmaschinerie abzuleiten, müsste er hier nur blättern, um sich zu entsetzen.

Ist das ein pädagogischer Gewinn? Wer Amis zur Nachhilfe braucht, dürfte schon immer recht hartgesotten, um nicht zu sagen: unbelehrbar durch Faktenwissen gewesen sein und dürfte insofern auch kaum durch eine literarische Aufbereitung zu erschüttern sein. Der Roman bestätigt eher die alte Vermutung, dass mit Fiktion nichts zu holen ist, was die reflektierte Zeugenschaft nicht schon gegeben hat, bei Primo Levi oder Imre Kertész, um nur die bedeutendsten Autoren unter den überlebenden KZ-Häftlingen zu nennen. Es gibt keinen anderen historischen Stoff, der so unerbittlich die Frage nach dem Nutzen seiner künstlerischen Behandlung aufwirft – und auch die Antwort, die Martin Amis gibt, ist nicht völlig geeignet, den Verdacht auf Ausbeutung des Stoffs zu Unterhaltungszwecken zu entkräften, die in der Popkultur schon üblich geworden ist.

Die New York Times hat den Autor einmal als "Meister der Neuen Widerwärtigkeit" bezeichnet (damit lustig unterstellend, dass es eine solche literarische Schule gebe), und in der Tat hat Amis auch den Auschwitzstoff mit peinlicher Sorgfalt daraufhin abgesucht, wo und wie sich seine Widerwärtigkeit noch steigern ließe. Dabei muss er auf das Privatleben der Täter gestoßen sein, auf ihre Gefühlswelten, überhaupt den Umstand, dass selbst verrohteste Menschen seelische Bedürfnisse haben und dass dort der schreiendste Gegensatz zur Mordpraxis zu finden sein dürfte. Eine Liebesgeschichte im Schatten der Leichenberge, womöglich sogar eine sehr deutsche, von deutscher Kultur getränkte – wäre das nicht der Gipfel des Widerwärtigen, das Obszöne schlechthin?

Und so hat Amis Goethes Werther- Roman nach Auschwitz verpflanzt. Lotte ist die Frau des Lagerkommandanten, angewidert von seinem Treiben, aber doch Mutter genug, um ihren Töchtern die Freude des Ponyreitens zu machen. Werther ist ein junger Offizier, der von seinem Onkel Martin Bormann protegiert wird und sich deshalb die Freiheit leichter Illoyalitäten nehmen kann; er leistet sogar Sabotageakten Vorschub. Die größte Illoyalität besteht indes darin, dass er eine Affäre mit der Kommandantenfrau sucht – das ist gefährlich, selbst für einen Bormann-Neffen, und der NS-Werther, hierin von der klassischen Vorlage abweichend, braucht seinen ganzen rittmeisterhaften Schneid als Frauenheld, um den Gefahren zu trotzen. Aber am Ende erfüllt sich das Liebessehnen nicht, selbst ganz am Ende nicht, als sich das Paar nach 1945 noch einmal trifft. Der Kommandant ist in Nürnberg zum Tode verurteilt worden, Lotte erhört ihren Werther dennoch nicht. Ihre Begründung ist über jeden moralischen Zweifel erhaben: "Sie und ich. Hören Sie. Überlegen Sie, wie entsetzlich es wäre, wenn aus jenem Ort etwas Gutes entstehen würde."

Schön. Das ist tatsächlich logisch – und tatsächlich schön im Sinne einer Tragödie, die eine Liebe an den Umständen ihrer Entstehung scheitern lässt. Vergessen wir einmal die Frage, was eine solche Geschichte zum Verständnis von Auschwitz beitragen könnte, und ersetzen sie durch die Frage, welches der Beitrag von Auschwitz zu einer Liebesgeschichte unter den Mittätern des 20. Jahrhunderts sein könnte. Nun, eben dieser: dass Liebe unmöglich wird. Dass überhaupt alles, was Menschen verbinden könnte, unter den Mitwirkenden des Mordens nicht mehr denkbar ist.

Und trotzdem – die moralische wie psychologische Richtigkeit dieser Einsicht hat etwas merkwürdig Unangemessenes, fast Zynisches, insofern sie das Unglück bei den Tätern zu fassen sucht. Gewiss hat auch ihre Seele Schaden genommen – aber was, zum Teufel, interessiert das angesichts des unfassbaren Leidens und Sterbens auf der Opferseite? Martin Amis, in seiner steten Suche nach Steigerung des Widerwärtigen, hat richtig erkannt, dass eine solche Steigerung nur noch in der Hinwendung zur Innenperspektive der Täter zu haben ist. Dort aber so etwas wie tragische Fallhöhe zu entdecken lässt das Widerwärtige in einen Ekel kippen, der auch das Buch erfasst. Vielleicht hat das der große Provokateur einkalkuliert: als Ergebnis eines Experiments, wie viel Einfühlung sich literarisch organisieren lässt und wo sie ihre Grenze findet. Dass Auschwitz eine solche Grenze markiert, hätten wir allerdings auch ohne ihn gewusst. Insofern bleibt die moralische Geste des Romans, bei aller Intelligenz und Kunstanstrengung, leer.