Mario Furrer-Egli lacht. "Ja", sagt der Hotelier aus dem schweizerischen Blatten, "früher haben wir gedacht: 'Lass den mal machen. Der ist jung, der soll sich mal austoben. Aber Trainer? Na ja ...'" Der, über den der Hotelbesitzer aus dem Wallis spricht, ist Martin Schmidt, und aus dem jungen Mann ist inzwischen der 48 Jahre alte Cheftrainer des FSV Mainz 05 geworden.

Mit seinem Aufstieg in die Bundesliga ist die Anerkennung in der Heimat auf ein den dortigen Bergen angemessenes Niveau gestiegen. 39 von 40 Schweizer Viertausendern stehen im Kanton Wallis; Schmidts Bekanntheitsgrad hat die höchsten Gipfel erreicht. Selbst wenn auf der Belalp-Hütte, in deren Nähe der kleine Martin einst im Sommer die Kühe des Großvaters gehütet hat, an einem kühlen Frühsommernachmittag nur drei Gäste sitzen: Um ein Foto mit den weiblichen Fans kommt der Coach beim Heimaturlaub nicht herum.

"Die öffentliche Wahrnehmung hat sich in den vergangenen Monaten diametral verändert", sagt der Fußballlehrer. Mit seiner Beförderung zum Trainer der 05-Profis schoss er im Februar ins Rampenlicht, nach viereinhalb arbeitsintensiven und erfolgreichen, aber verhältnismäßig beschaulichen Jahren bei der zweiten Mannschaft in Mainz.

Im Juni 2010 war es, als die Verantwortlichen der Mainzer U23 einen lässigen Typen mit etwas längerem Haar und einem Deutsch mit lustigem Akzent als neuen Coach vorstellten. Der erste Eindruck: locker, kommunikativ, sympathisch. Ein akribischer Arbeiter mit einer klaren Vorstellung davon, wie sein Fußball aussehen soll. Aber kein Fachidiot mit einem in engen Bahnen verlaufenden Berufsleben.

Parallel zu seiner aktiven Fußballerkarriere nämlich, die ihn bis in die Zweite Schweizer Liga führte, aber nach mehreren Kreuzbandrissen schon mit 27 Jahren endete, arbeitete der gelernte Automechaniker im Toyota-Team bei der Deutschen Tourenwagenmeisterschaft und betrieb zehn Jahre lang eine eigene Werkstatt als Autotuner. "Das war mein Leben, in meinen Adern floss Benzin", sagt er. "Aber von heute auf morgen habe ich das Interesse daran verloren." Schmidt sattelte um, wurde Fußballtrainer in Raron und Thun. Aber er "hätte nie davon geträumt, eines Tages für einen Verein wie Mainz 05 arbeiten zu dürfen".

Als ihn dieses Angebot tatsächlich telefonisch erreichte, "ist ihm vor Schreck fast der Hörer aus der Hand gefallen", erinnert sich der Mainzer Manager Christian Heidel an den ersten Kontakt. Thomas Tuchel, damals der Trainer von Mainz 05, hatte ein paar Monate zuvor bei einem A-Jugendturnier gegen Thun verloren, der Gegner war taktisch überlegen. "Das konnte er nicht vertragen, aber es machte Martin für ihn und uns interessant." Aus diesem Interesse erwuchs nach dem ersten Treffen in Mainz der Wunsch, Schmidt zu verpflichten. "Ich hatte von Anfang an ein gutes Gefühl", sagt Heidel. "Martin kam ehrlich rüber, er war witzig, wir hatten ein unglaublich angenehmes Gespräch."

Der Manager hatte Angst vor einer Art Schattentrainer

Der Umworbene empfand es nicht anders. "Nach zwei Sekunden wusste mein Herz, dass ich das machen will", sagt Martin Schmidt. Danach schaltete sich der Verstand ein und warf Fragen auf wie die, was aus dem familienbetriebenen Geschäft für Arbeitsbekleidung werden würde. Letztlich aber gab es keine Argumente gegen die Entscheidung des Herzens – zur Saison 2010/11 stieg der Schweizer bei Mainz ein. Inzwischen befindet er sich hier in seiner sechsten Saison.

Ob es richtig gewesen wäre, Schmidt schon im Sommer vorigen Jahres zum Nachfolger des ausgestiegenen Tuchel zu machen, darüber lässt sich nur spekulieren. Heidel hatte zwei Kandidaten in die Auswahl genommen. Der Schweizer war der eine, der andere war der Däne Kasper Hjulmand, der letztlich den Zuschlag erhielt. Für Hjulmand sprach die internationale Erfahrung, die er mit seinem vorherigen Klub FC Nordsjælland in der Champions League gesammelt hatte – mit den 05ern scheiterte er allerdings in der Qualifikation zur Europa League.

Heidel hielt außerdem eine klare Zäsur für angebracht. "Martin war mit Thomas eng befreundet, und ich hatte ein bisschen Angst, wir könnten plötzlich eine Art Schattentrainer haben."