Viele haben sich über die Entscheidung des WDR empört, Frank Plasbergs Talkshow Nieder mit den Ampelmännchen – Deutschland im Gleichheitswahn? aus dem öffentlichen Internetarchiv des Senders zu entfernen. Eine stärkere Geste der Distanzierung war kaum denkbar. Vergleichbare Akte rückwirkender Zensur kannten wir bisher eher aus dem Stalinismus, der dazu neigte, Fotos durch die Retusche missliebiger Personen zu säubern oder deren Lebensspuren gegebenenfalls ganz zu tilgen.

Viele haben den Beschluss aber auch gefeiert, vornehmlich jene, die ihn durch ihre wütenden Internetkommentare und öffentlichen Proteste herbeigeführt haben. Den feministischen Shitstorm im Netz muss man nicht rekapitulieren; er entzündet sich immer leicht und auch an weniger dümmlichen Beiträgen zur Frauenfrage (denn etwas Dummdreistes hatte die Plasberg-Sendung zweifellos). Es lohnt sich aber, einen Blick auf die abgemesseneren Formulierungen zu werfen, die der Deutsche Frauenrat für seine Missbilligung gefunden hat (www. frauenrat.de ist die Website der Bundesvereinigung der Frauenverbände und -organisationen). Die Vorwürfe scheinen zunächst etwas blass; "mit dem Thema Gleichstellung sei in der Sendung auf sehr unseriöse Art und Weise umgegangen worden", Moderation, Gästeauswahl und die eingespielten Filmchen hätten "das Thema der Lächerlichkeit preisgegeben".

Aber auch die offizielle "Programmbeschwerde der Gleichstellungsbeauftragten in NRW", die der Frauenrat zitiert, liest sich nicht auf Anhieb griffiger. Plasberg habe "den Standpunkt des neutralen Moderators verlassen, indem er 190 Genderprofessuren als 'Alltagswahnsinn' bezeichnete"; auch "Fachfrauen bzw. Fachmänner aus Wissenschaft und Verwaltung fehlten vollständig"; es seien vorzugsweise "polarisierende Beispiele ausgewählt" worden, um das gesamte Themenspektrum um Geschlechterforschung und Gleichstellung gezielt lächerlich zu machen". Namentlich die Schauspielerin Sophia Thomalla "wurde offenbar eingeladen, um Spott und Häme zu verbreiten, die Fragen, die sie erreichten, hatten keinen anderen Zweck, als das Thema unbeleckt (sic!) jeder Fachlichkeit lächerlich zu machen".

Man reibt sich die Augen. Reicht der Vorwurf, etwas lächerlich zu machen, zu polarisieren und die Beiladung von Fachleuten "aus Wissenschaft und Verwaltung" versäumt zu haben, für die Verbannung einer Sendung aus dem öffentlichen Gedächtnis? Muss überhaupt der Moderator, und sei es im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, im Umgang mit einer gesellschaftlichen Debatte neutral sein? Ist nicht auch er, allein schon in seiner Eigenschaft als Bürger und Zeitgenosse, ein Teilnehmer dieser Debatte und als solcher zu einer Meinung befugt? Offenbar nicht. Der juristische Hebel, mit dem die Programmbeschwerde eine Zeit lang Erfolg hatte, beruhte auf der Annahme eines Neutralitätsgebotes, das die Geichstellungsbeauftragten aus einem "Programmgrundsatz" des WDR ableiteten – "Wertende und analysierende Einzelbeiträge haben dem Gebot journalistischer Fairness zu entsprechen".

Wie ein journalistischer Beitrag aussehen muss, damit er auf alle fair wirkt, kann man sich freilich nur bei Verzicht auf jede Wertung vorstellen. Irgendjemand ist immer beleidigt. Und hier lag auch in Plasbergs Fall der Stein des Anstoßes. Man muss sich die Programmbeschwerde in ihrer ganzen bürokratischen Schwerfälligkeit und Würde vor Augen führen, in ihrer staatstragenden Blässe und argumentfreien Anklage, um zu verstehen: Hier sollte niemand überzeugt werden, hier wurde auf Evidenz gesetzt. Es ist beleidigt worden – und nicht etwa die Frauen schlechthin (sonst wäre der Fachausdruck "Sexismus" gefallen), sondern die öffentlich bestallten Anwältinnen der Frauensache, die Gleichstellungsbeauftragten und Genderprofessorinnen, die "Fachfrauen bzw. Fachmänner". Von "Fachlichkeit" ist überhaupt mit besonderem Pathos die Rede – als sei in der Geschlechterfrage ein objektiv gesicherter Erkenntnisstand erreicht, den infrage zu stellen schon ein Zeichen von Böswilligkeit wäre. Ähnlich wurde in den sozialistischen Staaten der Marxismus als "wissenschaftliche Weltanschauung" behauptet, an der nur Minderbemittelte, Irre oder der "Klassenfeind" zweifelten. Nun also der Frauenfeind.