Es gibt ja keine Stille mehr. Das lastende Schweigen am Familientisch und in den Ehen, das in alten Romanen hier und da noch erwähnt wird, ist inzwischen eine ähnlich antiquierte Kulturtechnik wie das Telefonieren am Münzfernsprecher oder das Häkeln von Toilettenpapierhüten. Das muss man nicht bedauern. Zu groß waren die Nachteile der reglementierten und hierarchisierten Kommunikation in der alten Kontrollgesellschaft, in der man sich noch bequem mit einer Handvoll Floskeln und strapazierfähiger Redewendungen durchs Leben schweigen konnte. Und zu verlockend ist das freie Dauergequassel aller mit allen in der neuen Überinformationsgesellschaft, für das es nirgends in der Geschichte ein Vorbild gibt.

Doch die neue Redefreiheit hat einen Preis. Und der ist nicht unbedingt kleiner als jener, den man in Zeiten der stabilen rhetorischen Machtverhältnisse bezahlte. Er ist nicht direkt mit Händen zu greifen und auch nicht in Tortendiagrammen zu erfassen. Er betrifft eher ein gesellschaftliches Klima als eine Zahlenkurve, ist eher eine Frage der Stimmung als des Faktenchecks. Sagen wir es so: Obwohl inzwischen ununterbrochen geredet wird, darf man nichts mehr sagen. Bei der unendlichen Vervielfältigung des Redens scheint sein eigentlicher Zweck abhandenzukommen.

Man hält das angesichts der schieren Masse des Kommentierens kaum für möglich: Aber nicht erst seitdem die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender ihre Sendungen in panischer Angst vor ihren Zuschauern zensieren und vorübergehend aus dem Verkehr ziehen, fällt auf, dass die Redefreiheit mit der schieren Vermehrung des Redens nicht etwa größer, sondern kleiner wird. Und dass der alte Normierungsdruck nicht verschwindet, sondern nur seine Gestalt verändert. Und auch seine Reichweite, die nicht weniger unübersichtlich ist als die neuen Wege der Kommunikation. Er ist plötzlich überall.

Das macht es so schwer, ihn zu greifen, denn so wie man das Wetter nicht an jeder Wolke ablesen kann, ist er in keinem Einzelbeispiel ganz enthalten. In der alten Sprich-nur-wenn-du-gefragt-wirst-Gesellschaft waren Absender und Adresse der Disziplinierung namentlich bekannt. Schuld an der Verengung des Diskurses waren wahlweise der Obrigkeitsstaat, das Patriarchat, die Kirchen, die totalitären Parteien und noch ein paar andere mächtige Großkontrolleure. Bei Nichtbefolgen der Redeordnung drohten Gefängnis, Irrenhaus, Scheiterhaufen, Gulag oder Fegefeuer. Allenfalls unterhalb des Radars der Macht gab es Nischen einer undressierten Kommunikation. Noch heute schwärmen DDR-Veteranen von der herzlichen und aufrichtigen Atmosphäre in den unbeobachteten Winkeln des Spitzelstaates, in denen unzensiertes Sprechen möglich war.

Seitdem Normierung und Kontrolle aber nicht mehr von oben eingefordert, sondern von jedem Einzelnen freiwillig an sich selbst verübt werden, ergießt sich das uneigentliche und heuchlerische Sprechen wie der süße Brei im Grimmschen Märchen bis in die letzten Winkel der Gesellschaft. Zugbegleiter der Deutschen Bahn versuchen sich am Bordmikro als Supergeil-Star Liechtenstein, Verliebte reden über ihre Liebe wie Kreditberater über eine Immobilienfinanzierung, während die Kreditberater sich aufführen, als seien sie Freizeitanimateure in einem Mittelklassehotel. Alles scheint möglich im freien Spiel des dressierten Gequatsches, nur eines nicht: das Spiel zu verlassen, den Zugbegleiter um Ruhe, den Kreditberater um Nüchternheit, den Geliebten um Aufrichtigkeit zu bitten, den Voraussetzungen des unechten Geredes zu widersprechen. Früher hätte man gesagt: die Systemfrage zu stellen.

Man könnte das Problem auch so beschreiben: Während man in der autoritären Gesellschaft nur zu gehorchen brauchte, muss man heute gehorchen und das auch noch gut finden. Die Konditionierung setzt sich bis ins Innerste fort. Die neue Zeit will den Menschen ganz. Sie will seine Zustimmung. Der Berliner Philosoph Byung-Chul Han attestiert der postautoritären Gesellschaft deshalb eine "Hyperaktivität" des zwanghaften Einverstandenseins mit sich selbst. Dieses "Übermaß an Positivität", das aus der "Überproduktion, Überleistung oder Überkommunikation" komme, schließe jede echte Nachfrage aus, bedrohe unsere Abwehrkräfte, mache uns krank und sei aber in unserem geschwächten Immunsystem nur schwer zu lokalisieren. Wie in einem perfekt passenden Schuh, den wir kaum spüren, sitzen wir auf diese Weise in den Weltbildern unserer Zeit fest, deren Borniertheit erst spätere Generationen ganz ermessen werden.

Vergleichsweise leicht fällt es da noch, über die Grenzen des politischen Redens zu sprechen. In jeder Saison gibt es einen Messias, der in irgendeinem Buch die Tabus ans Licht zerrt, vor denen die "politische Mitte" zurückschreckt oder in denen es sich der "linke Mainstream" gemütlich macht. Thilo Sarrazin, Udo Ulfkotte, Henryk M. Broder und viele andere Berufsprovokateure sind auf das Tabubrechergeschäft spezialisiert, das die unausgesprochenen Vorannahmen der politischen und medialen Leitkultur einreißen will. Und immer häufiger begegnen uns Journalisten Gesprächspartner, die an unserer Toleranz zweifeln und uns an den Kopf werfen: "Was ich Ihnen sage, werden Sie nie drucken." Und manchmal haben sie damit sogar recht. Nicht nur die ARD hat Angst vor ihrem Publikum. Nicht nur dort siegt gelegentlich die Public Correctness über die Meinungsfreiheit.