Der Mann, der die Wurst nach Vietnam brachte, hat breite Schultern und ist fast zwei Meter groß. Unter den eher zierlichen Vietnamesen wirkt der Deutsche wie Gulliver auf Reisen. "In Hanoi habe ich gelernt, mich zu ducken, um meinen Gesprächspartnern auf Augenhöhe zu begegnen", sagt Michael Campioni. "Zu Hause in Deutschland erinnert mich meine Frau immer daran, dass ich mich wieder gerade machen kann."

Den 67-Jährigen verbindet eine lange Geschichte mit Vietnam. Vom Ufer aus blickt er über den Stadtsee von Hanoi. "Hier habe ich vor 15 Jahren die ersten Würste gegrillt", sagt er nostalgisch gerührt. "Wir haben sie kostenlos verteilt, die meisten haben vorher noch nie eine deutsche Wurst gegessen."

Heute sind xuc xich, wie die Würste hier genannt werden, fast allen Vietnamesen bekannt. Jeder Supermarkt zwischen Hanoi und Ho-Chi-Minh-Stadt hat sie im Sortiment. Die gelb-grünen Werbeschirme von Campionis Wurstfabrik Duc Viet leuchten auf den Straßen. "Wir haben es geschafft, die Esskultur eines ganzen Landes zu verändern", sagt er stolz. Denn während in seiner deutschen Heimat viele Leute von vegetarischen Lebensmitteln schwärmen und sogar klassische fleischverarbeitende Betriebe neuerdings pflanzliche Frikadellen herstellen, läuft es in Vietnam genau andersrum.

"Das ist Wahnsinn, in Deutschland sind fast alle mittelständischen Wursthersteller pleite, in Vietnam erzielen wir dagegen eine traumhafte Rendite", schwärmt der Firmenchef. Das vergangene Jahr war für Duc Viet ganz besonders erfolgreich, da stieg die Produktion um gut 60 Prozent. Etwa 150 Millionen Würste verkaufte allein sein Unternehmen.

Viele Vietnamesen kannten Thüringer Würste noch aus DDR-Zeiten

In Tan Lap, etwa 30 Kilometer südlich von Hanoi, laufen die Maschinen, die Nachfrage steige ständig, sagt Campioni. Dutzende Mitarbeiter mit bunten Hauben, weißen Overalls und Gummistiefeln, die wie Sanitäter in einem Krankenhaus aussehen, schwirren um Zerlegetische herum, auf denen sich Schweinefleisch stapelt. Große Fleischwölfe mahlen die Brocken, bevor sie mit aus Deutschland importierten Gewürzen und Bindestoffen versetzt und zu einer cremigen Masse verrührt werden. "Das ist die Füllmasse, die in die Därme gepresst wird", sagt Campioni. "Wir machen Thüringer, Nürnberger und Wiener, alles genau nach traditionellen deutschen Rezepten. Es gibt nur ein Zugeständnis an den vietnamesischen Geschmack: Wir nehmen etwas weniger Salz."

Die Fabrik beschäftigt 300 Mitarbeiter, die bis zu 500.000 Würste pro Arbeitstag herstellen. "Wir haben die Grenzen unserer Leistungskapazität fast erreicht", sagt Campioni, der das operative Geschäft inzwischen abgegeben hat und im Aufsichtsrat sitzt. "Wir müssen investieren, denn wir wollen in drei Jahren 60 Tonnen Fleisch pro Tag verarbeiten, doppelt so viel wie heute." Eine neue Tiefkühlhalle wird gebaut, ein neuer Räuchertunnel ist geplant. Etwa 80 Prozent der Investitionen werden aus Eigenmitteln finanziert.

Als er vor 40 Jahren nach Vietnam kam, wäre ihm so etwas niemals in den Sinn gekommen. Der gelernte Elektromaschinenbau-Ingenieur sollte sich eigentlich als Hausmeister um die Botschaft der DDR in Hanoi kümmern. Das Land war nach Jahren des Krieges weitgehend zerstört. Campioni, der den Krieg damals nur aus sowjetischen Filmen kannte, war schockiert von den Zuständen im Land und zugleich beeindruckt vom Lebensmut und Einfallsreichtum der Vietnamesen. "Sie konnten so gut wie alles reparieren, da waren sie selbst uns in der DDR voraus", sagt der gebürtige Erfurter.