Der polnische Reporter Ryszard Kapuściński reiste sein ganzes Leben. Und überall, in Asien oder Afrika, beschäftigte er sich mit dem Fremden, dem "Anderen". Und natürlich war er auf seinen Forschungsreisen nach dem "Anderen" irgendwann auf sich selbst gestoßen, weil er natürlich in jedem Land selbst der "Andere" war. Schon bald sprach er von sich selbst als "mein Anderer".

Mein Anderer – was für ein wundervoller Gedanke. Er bedeutet, dass ich mich nur ein paar Kilometer weiter als üblich bewegen muss, um zu begreifen, dass jeder der Andere ist; er bedeutet, dass man sich schon aus der Welt nehmen müsste, wenn man behaupten wollte, man würde niemals der Andere sein; ja, von was für einer globalisierten, wirtschaftsliberalisierten, modernen Welt würde man sprechen, wenn man behaupten wollte, der Andere hätte hier nichts zu suchen? "Der Baum", so schrieb Kapuściński, "braucht Wurzeln, um zu wachsen, und zugleich muss er begreifen, dass er nicht das einzige Geschöpf im Wald ist."

Kapuściński war ein Anhänger der Philosophie von Emmanuel Levinas. Dem Entstehen der Massengesellschaft und der Gleichgültigkeit gegenüber dem Anderen setzte Levinas seine Ethik der Achtung entgegen.

Der Mensch sei ein verrücktes Tier, schreibt Levinas, er sei sogar fähig, einem Anderen gegenüberzusitzen, ihn anzusehen und in dessen "Antlitz die unendliche Fremdheit zu betrachten". Und dann würde ihn plötzlich die ganze Menschheit ansehen und sagen: "Du wirst keinen Mord begehen." Die "Spur des Unendlichen" im Antlitz des Anderen mache diesen "unendlich kostbar". Klingt ein wenig verrückt, auch etwas esoterisch, aber es funktioniert.

In Antalya gibt es einen Schlachter, direkt unter meiner türkischen Wohnung. Der Schlachter schlachtet wegen der Hitze vorwiegend nachts, quasi direkt unter meinem Bett, er zerhackt auch die Lämmer eineinhalb Meter unter meinem Kopf. Und wenn er mal gerade nichts zerhackt, flext der Nachbar an seinem Balkon herum.

"In eurer scheiß Türkei gibt es überhaupt keine bürgerliche Nachtruhe!", habe ich vom Balkon runter geschrien. Nicht gerade die Kapuściński-Schule, dachte ich, denn schließlich bin ich ja hier der Andere.

"Kes sesini, eniste!, das heißt so viel wie "Halt’s Maul, Verwandter", antwortete der Schlachter, so werden alle Fremden genannt, die eine türkische Frau geheiratet haben. Ich wollte runterlaufen, Nazire, meine Schwiegermutter, hielt mich fest, es sei nicht klug, mit einem türkischen Schlachter in seiner Schlachterei zu streiten.

Während er also unten weiter herumhackte, las ich eineinhalb Meter darüber Levinas.

Mir träumte, ich sei in Deutschland Ethik- und Achtungsminister oder Bundesbeauftragter für die Anderen und flöge mit Angela Merkels Regierungshubschrauber über das Land und werfe über Sachsen Kapuściński- und Levinas-Bücher ab. Man brauche auch etwas Bildung, telefoniere ich der etwas irritierten Bundeskanzlerin durch, die eigentlich mit ihrem Hubschrauber nach Bayreuth wollte. Je weniger Bildung, umso anfälliger sind die Menschen für schlichte Erklärungen, mache ich der Kanzlerin deutlich.

"Mach, was du willst!", sagt sie, und ich lande mit dem Hubschrauber im Ministerium für Bildung und Forschung und führe sofort eine Reform der bundesdeutschen Lehrpläne durch: Migrationskunde, Kolonialismuskunde, Kunde der US-Außenpolitik und der westlichen Verbündeten, dazu Kapuściński-Kunde, Praxis in Levinasismus – und für Sachsen ein Auslandsjahr in Syrien.

Dann wachte ich auf, ging aus dem Haus, trank mit meinem gestrigen Feind einen Tee und betrachtete das Antlitz des Schlachters.

Moritz Rinke, Dramatiker und Romanautor, lebt in Berlin. Zuletzt erschien seine Essaysammlung "Erinnerungen an die Gegenwart" (2015) bei Kiepenheuer & Witsch.