Bei manchen Filmkritikern liegt sie noch in der Allerlei-Schublade des Kleiderschranks: die Mördermaske mit dem zum Schrei aufgerissenen Mund als Zitat eines Gemäldes von Edvard Munch. Mitte der neunziger Jahre wurde der morbide Gimmick, mit dem man als Partyschreck punkten oder verwandte Kleinkinder traumatisieren konnte, als Werbemaßnahme vom Verleih des Horrorfilms Scream verschickt.

Schöpfer des maskierten Mörders mit dem Messer, der es hauptsächlich auf amerikanische Jugendliche abgesehen hatte, ist der Regisseur Wes Craven. Zu Beginn der siebziger Jahre leitet Craven gemeinsam mit Kollegen wie Tobe Hooper, George A. Romero und John Carpenter eine neue Ära des Horrorfilms ein. Sein Splatterfilm Das letzte Haus links (1972) über zwei Mädchen, die von entkommenen Straftätern sadistisch gequält werden, lässt sich auch als Verlegung des Kriegsschauplatzes Vietnam in die amerikanischen Vororte lesen. Gewalt ist bei Craven nie nur Effekt, sondern immer auch Reflex auf vorhergehende Gewalt: Atomtests, die in Hügel der blutigen Augen (1974) eine zu blutrünstigen Wilden degenerierte Familie hervorbringen. Eine Lynchjustiz, deren Opfer in Nightmare on Elm Street – Mörderische Träume (1984) in Teenie-Albträumen wiederkehrt: in Gestalt eines vernarbten Monsters mit Rasierklingen-Fingern. Cravens Traumrächer Freddy Krueger ist ein wunderbar pervertiertes Über-Ich der amerikanischen Gesellschaft – seine Attacken gelten mit Vorliebe hedonistischen Jugendlichen. Als Kind einer ultrakonservativen Baptistenfamilie, in der das Kino auf der Verbotsliste stand, wurde Craven gewissermaßen zum Spezialisten für Bestrafungsfantasien ausgebildet.

In seinem größten kommerziellen Erfolg, der Horrorfilmserie Scream, trieb Wes Craven sein Lebenswerk auf die Spitze. Der Mörder lässt sich hier nicht mehr als das Böse abspalten, er kennt die Schuld, die Traumata und das schlechte Gewissen seiner kreischenden Teenie-Opfer besser als sie selbst. Scream ironisiert, dekonstruiert und psychoanalysiert das Horror-Genre, macht seine Regeln zum eigentlichen Thema. In der zugleich lustigsten und schauerlichsten Szene sieht man Jugendliche, die sich in einem adretten Suburb-Häuschen Horrorfilmklassiker aus den siebziger Jahren anschauen. Bevor auch jenseits des Bildschirms das Massaker beginnt, wird einer von ihnen erklären, was man in solchen Filmen in jedem Fall vermeiden sollte: 1. Sex, 2. Alkohol, 3. Drogen, 4. zu sagen, man komme gleich wieder zurück.

Am vergangenen Montag ist Wes Craven, der Herr des Horrors, im Alter von sechsundsiebzig Jahren in Los Angeles gestorben.