Die Demonstration war minutiös vorbereitet: Mit einer ausgeklügelten "Fünf-Finger-Strategie" wollte die autonome Antifa am 2. Juni 2012 die Polizei überrumpeln, um so den Neonazi-Aufmarsch zum "Tag der deutschen Patrioten" zu verhindern. Doch es kam anders. Gleich beim Start in Hamburg-Barmbek ließ die Polizei die Demonstranten in einen Kessel laufen. Schon damals habe man den Eindruck gehabt, die Polizei habe gewusst, was geplant war, erinnert sich Rote-Flora-Aktivist Andreas Blechschmidt, seinerzeit Anmelder der Demonstration. Heute sagt er: "Die hatten Einblick in die gesamten internen Überlegungen."

Woher er das weiß? Seit Ende August steht ein anonym verfasstes Dossier im Netz, das die Geschichte einer verdeckten Ermittlerin mit dem Aliasnamen "Maria Block" erzählt und das aufdeckt, wie sie die Strategie für den 2. Juni 2012 verriet.

Es ist bereits der zweite große Enttarnungsfall innerhalb eines Jahres: Erst im November hatte eine ebenfalls anonyme linke Gruppe die Identität der Polizeibeamtin Iris P. enthüllt, die zwischen 2000 und 2006 das Umfeld der Roten Flora ausgeforscht hatte.

Der neue Fall ähnelt dem ersten. Mehr als drei Jahre lang, von 2009 bis 2012, soll die heute 32-jährige Polizeibeamtin aus Halle an der Saale die linke Szene ausgeforscht haben – vor allem in antirassistischen Initiativen soll sie unterwegs gewesen sein, aber auch bei Klima-Protestlern und in der Antifa. Dabei zeigte sich die Hamburger Polizei erstaunlich unbekümmert bei der Tarnung ihrer Ermittlerin. Entlarvt werden konnte sie unter anderem, weil sie einige Jahre zuvor auf dem Titelbild einer Polizeigewerkschafts-Zeitung zu sehen war. Nur fünfeinhalb Jahre später – im Frühjahr 2009 – tauchte dieselbe Beamtin unter falscher Identität und mit szenetypischen Dreadlocks bei einem offenen Treffen der sogenannten AntiRa-Kneipe in der Hafenstraße auf.

Sie erzählte ihren neuen Genossen, sie stamme aus Halle, habe als Kellnerin in Lübeck gearbeitet und sei nach dem Ende einer Beziehung nach Hamburg gekommen, um Abstand zu gewinnen. Die Mutter sei früh verstorben, der Vater lebe in Frankreich und helfe ihr finanziell, ansonsten finanziere sie sich über einen Minijob als Pflegekraft einer Rentnerin. Dass sie öfter nicht zu Treffen kam und Verabredungen absagte, erklärte sie mit einer chronischen Darmkrankheit.

Den neuen Freunden aus der Politszene fiel auf, dass ihre Genossin selten mit zu Konzerten oder Solipartys kam und dass in ihrer Wohnung in Wilhelmsburg statt der szeneüblichen Politplakate ein gerahmtes Garfield-Poster über dem Sofa hing. Doch diese "gewisse Nicht-Angepasstheit von ›Maria Block‹ an sogenannte Szenecodes" fanden einige "gerade auch gut", wie es im Dossier der Enttarnungsgruppe heißt.

Wenn die Details des Dossiers zutreffen, hat sich die Beamtin wahrhaft mit Leib und Seele für ihre neue Aufgabe eingesetzt. Ein paar Monate nach ihrem Einstieg habe sie ein sexuelles Verhältnis mit einem Aktivisten begonnen. Eine Ermittlerin, die mit den "Zielpersonen" ihrer Ermittlungen ins Bett geht? Im ersten Spitzelfall, dem der Ermittlerin Iris P., hatte die Innenbehörde solche Affären für komplett unzulässig erklärt. Iris P. war während ihrer Spitzeltätigkeit mehrere Liebesaffären mit Frauen aus der Szene eingegangen – ein Umstand, der zum sofortigen Abbruch des Einsatzes hätte führen müssen. Angeblich hat Iris P. ihre Einsatzleiter über ihre beruflich-intimen Beziehungen aber nicht informiert.

Das Szene-Dossier zu Maria B. zitiert überschwängliche Mails ("Hey Süße", "Knutscher"), in denen sie ihre Kampfgefährten zur Mithilfe beim Plakatieren, zur Vorbereitung eines antirassistischen Kongresses oder zu Tresenschichten für eine Soliparty aufruft ("Könnten uns vorher bei mir zum Vortrinken treffen"). Bei einem Vorbereitungstreffen zur Anti-Nazi-Demo im Juni 2012 habe sie den Slogan "Nazis die Beine brechen" ins Spiel gebracht. Immer wieder habe Maria B. versucht, "radikalere bis militante Positionen öffentlich anschlussfähig zu machen, die für den Rahmen unangebracht waren", so ist es in dem Dossier formuliert.