DIE ZEIT: Frau Rahner, genügte es nicht, dass der Papst eine Umfrage zur Sexualmoral macht? Wozu noch eine Umfrage durch junge Theologen?

Johanna Rahner: Der Vatikan hat zwar seine Umfragebögen an alle Gläubigen adressiert, aber den üblichen Amtsweg über die Bischofskonferenzen gewählt. Die Theologiestudenten dagegen waren selber in den Gemeinden, um zu fragen und zu diskutieren. Sie wollten nicht nur das Leitungsamt, sondern die Gläubigen hören.

ZEIT: Zählt es, was Laien denken? Manche finden, wenn das katholische Lehramt sich am Kirchenvolk orientiere, sei das Anpassung an den Zeitgeist, also untheologisch.

Rahner: Unsinn! Natürlich ist es theologisch, den sensus fidelium, also den Glaubenssinn der Glaubenden, zu erforschen. Durch sie wird Gott im Leben konkret. Die Theologie muss diesen Sinn erfassen und mit den anderen Ebenen des Glaubens verbinden: mit Lehramt, Tradition und Schrift. Das Zweite Vatikanische Konzil befand schon vor 50 Jahren, dass jeder einzelne Gläubige Anteil hat am Verständnis und an der Weitergabe des Glaubens. Deshalb legt Papst Franziskus solchen Wert auf Dialog. Das ist keine Leutseligkeit, sondern Theologie im besten Sinne.

ZEIT: Warum stößt er damit auf Abwehr in Teilen der römischen Kurie?

Rahner: Weil Mitte des 19. Jahrhunderts die Idee aufkam, allein das Lehramt sei im Besitz der Wahrheit und verteile sie von oben nach unten. Der Fachbegriff dafür lautet Instruktionstheorie: Gott offenbart sich quasi lehrsatzhaft, und die Kirchenspitze gibt die Inhalte lehrend weiter. Tatsächlich sind Offenbarung und Glaube aber keine Doktrin, sondern Begegnung, Dialog, Kommunikation. Die zentrale Einsicht des Zweiten Vatikanums wird von manchen Konservativen immer noch abgelehnt, und so kommen Plattitüden über den Katholizismus zustande: Was Glaubende heute denken, stehe im Gegensatz zur Wahrheit, über die dürfe man nicht abstimmen, Kirche sei keine Demokratie.

ZEIT: Ist sie eine?

Rahner: Die Kirche ist Kirche und als solche offen für das Denken und Empfinden der Glaubenden in ihrer Zeit. Wenn ich das Zeitgeist-Argument schon ernst nehmen soll, dann muss ich fragen: Wer garantiert denn, dass das Lehramt nicht einem Zeitgeist oder Ungeist anheimgefallen ist, den es mit dem Heiligen Geist verwechselt?

ZEIT: Ein großes katholisches Reizthema bleibt die Empfängnisverhütung. Es gibt Theologen, die sagen, hier könne und dürfe sich lehramtlich nun wirklich nichts ändern.

Rahner: Es hat sich doch längst geändert! Nachdem der Konzilpapst Paul VI. seine sogenannte Pillen-Enzyklika verfasst hatte, nahm die Deutsche Bischofskonferenz 1968 in der Königsteiner Erklärung offiziell die Position ein: Es ist in das katholische Gewissen der Gläubigen gelegt, ob sie Kondom oder Pille benutzen.

ZEIT: Warum wird das nicht laut gesagt?

Rahner: Vielleicht, weil manchen Kirchenhierarchen die Erkenntnis nicht ganz geheuer ist, dass der sensus fidelium theologisch unverzichtbar bleibt: Das Lehramt kann nichts entscheiden gegen die Gläubigen, es ist nur unfehlbar, wenn es den unfehlbaren Konsens der ganzen Kirche repräsentiert. Nun zeigt die Umfrage der Studenten: Die Kirchenspitze muss dringend einen neuen Konsens mit den Gläubigen finden. Sie muss einsehen: Es gibt nicht nur die eine Wahrheit – die nur sie kennt.

Johanna Rahner lehrt Dogmatik an der Katholisch-Theologischen Fakultät in Tübingen.