Endlich dürfen Katholiken über Sex reden. Und dann wissen sie nicht, was sie einander sagen sollen. In einem Monat fängt die Familiensynode in Rom an, doch es ist gerade merkwürdig still. Das konservative Lager versinkt im Gebet, auf dass die Lehre unberührt bleiben möge. Etwas Ruhe hat sich diese Fraktion verdient, sie hat sich in einem langen Wahlkampf aufgerieben. Vor allem ihre Spitzenmänner Raymond Burke und Vitus Huonder haben für die katholische Ehe und gegen die Verweiblichung, Verweichlichung und andere Bindegewebsschwächen getrommelt. Das liberale Lager war auch nicht faul, es hat Positionspapiere verabschiedet. Sie alle preisen die Vielfalt der Lebensentwürfe, allerdings mit eher unvielfältigem Vokabular. Grob gesagt soll sich jeder mit seinen Lebensbrüchen "wertgeschätzt" und "angenommen" fühlen. Jeder, bis auf Burke und Huonder vielleicht.

Franziskus wollte eine Debatte. Was er bisher bekam, war eine Selbstvergewisserung der Kombattanten. Die Konservativen stehen noch strammer als sonst, die Liberalen erklären das Bibbern zur Reformbewegung. Der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode, einer der deutschen Abgesandten für Rom, sagte in einem Interview mit der Herder Korrespondenz: "Meine große Sorge ist, dass die Synode in den Lagern verharrt und am Ende nur Sieger und Besiegte übrigbleiben." Es darf keine Gewinner und Verlierer geben, dafür beten auch andere Amtsbrüder. Warum nur so skrupulös? Die Kirchengeschichte ist voll von Siegern und Besiegten. Die Unfehlbarkeit des Papstes kam beim Ersten Vatikanischen Konzil 1870 auch deshalb zustande, weil die deutschen Bischöfe überstimmt wurden. Unter Protest reisten sie ab und mussten fortan die Unfehlbarkeit hinnehmen. Auch beim Zweiten Vatikanum gab es bei allen wichtigen Dokumenten Mehrheiten und Minderheiten. Wer unterlag, musste sich arrangieren. Oder eine eigene Kirche aufmachen. So brutal ist das nun mal, wenn der Heilige Geist durch Abstimmungsergebnisse eingefangen werden soll.

Warum soll es nun sanfter zugehen? Rituell warnen deutsche Bischöfe vor überzogenen Erwartungen an die Synode. Courage hört sich anders an. Tatsächlich sind die Erwartungen der Basis eher zu niedrig als zu hoch: Die meisten Katholiken sind mit dem Sexkram durch. Das mit der Synode sehen sie eher sex-symbolisch: Rom soll ein paar Hüftschwünge machen, das Korsett leicht lockern, das reicht. Keine Details, bitte. Franziskus kommt an der Basis gerade deshalb so gut an, weil er seinen Untertanen nicht – wie die Vorgänger – mit Unterleibsgeschichten auf die Nerven geht.

Weil das Thema Sexualmoral weder ganz oben noch ganz unten erotisierend wirkt, sollte die katholische Kirche die Sache so schnell wie möglich hinter sich bringen. Dazu gehört die klare Ansage: Wenn Bischöfe in einer vatikanischen Aula abstimmen, geht es um Definitionsmacht. Wer die wirklich will, muss Mehrheiten organisieren, cool und leidenschaftslos. Die Konservativen haben es leicht. Ihnen reicht eine Sperrminorität. Sie müssen nicht siegen, um zu triumphieren. Sie hoffen auf die Schwäche der anderen.

Das liberale Lager scheut den Griff nach der Macht. Es verschanzt sich hinter dem Evangelium von der Barmherzigkeit, das Kardinal Walter Kasper verkündet hat. Das klingt putzig, allen Wohl und niemandem Wehe. Doch das Gleichnis vom barmherzigen Vater lässt sich auch polarisierend lesen: Die interessanteste Figur ist der brave Sohn. Er muss aushalten, dass sein Bruder in der Fremde herumhurt, abgebrannt heimkehrt und vom Vater keine Strafe, sondern ein Fest bekommt. Als der Brave nachfragt, warum er niemals eine Belohnung erhalten habe, bekommt er zu hören: Die Nähe zum Vater sei Belohnung genug. Da dürfte er sich wie ein Loser gefühlt haben, aber er musste damit fertig werden.

Beim Stichwort Barmherzigkeit fällt den Liberalen nur der empathische Blick auf den Sündersohn ein. Sie nehmen sich der Katholiken in "irregulären" Situationen an, der Wiederverheirateten, der Homosexuellen, der unverheiratet Unkeuschen. Zur Wahrheit der Barmherzigkeit gehört aber auch: Sie ist eine Zumutung für die Lehramtstreuen. Bevor Franziskus in Rom einzog, bekamen die Braven eine Papst-Party nach der anderen spendiert, jetzt sollen sie das Geschirr sauber machen und dankbar sein. Na und? Jahrelang mussten sich die Liberalen vom Lehramt herunterputzen lassen. Warum tun sie sich so schwer damit, mal andere zum Spüldienst abzukommandieren? Trauen sie ihrer Wahrheit nicht?

Papa Franz klopft bisher weder seinen liberalen noch seinen konservativen Söhnen auf die Schulter. Eine Schlagseite ist aber erkennbar: Wiederverheiratete seien nicht exkommuniziert, sagte er kürzlich. Es gebe Ehen, die nicht zu retten seien. Das Festhalten an Regeln mache nicht das Christentum aus. Wenn neun von zehn Katholiken kein Problem damit haben, die Lehre zu ignorieren, dann hat die Lehre ein Problem. Sähe Franziskus das anders, hätte er sich den Aufwand um die ungeliebte Verknüpfung von Ehe- und Sexualmoral sparen können. Schafft es das liberale Lager vor lauter schlotternden Knien nicht, Ende Oktober eine Zweidrittelmehrheit zu gewinnen, muss Franziskus selbst ran. Man könnte es ja vor lauter Demokratie- und Debattensimulation fast vergessen: Der Mann ist Papst.