Es ist eine ultimative Machtgeste, und wer sich ihrer bedient, der will sagen, dass seine Macht ewig währt: indem er nicht nur Gegenwärtiges, sondern auch Vergangenes zerstört. So machen es derzeit die Apokalyptiker des "Islamischen Staates", die zuletzt in Palmyra einen Tempel sprengten und einen Archäologen enthaupteten. Die Idee ist nicht neu, ihr antikes Vorbild heißt Herostratos: Im Jahr 356 vor Christus steckte der Grieche eines der sieben Weltwunder in Brand, den Tempel der Artemis in Ephesos. Die Stadt ließ Herostratos hinrichten und verbot die Nennung seines Namens für alle Zeit. Doch die Rache misslang. Bis heute bezeichnet das Wort Herostrat einen Menschen, der aus Größenwahn Großes zerstört. Bis heute stellt sich die Frage, wie der herostratische Wahn zu bekämpfen sei.

Die Unesco versucht es mit Appellen.

Zuerst verurteilten die Weltkulturbeschützer die Zerstörung antiker Stätten im irakischen Hatra, Nimrud und Chorsabad, dann entsetzten sie sich über die Attacken des IS gegen Palmyra, nun bangen sie um Sanaa, die Hauptstadt des Jemen, wo die Bomben der Saudis am Montag einschlugen. Doch was nützen Nachrufe? Die Unesco sollte lieber präventiv agieren und den Sicherheitsrat der UN alarmieren, bevor das nächste Weltkulturerbe in die Luft geht.

Im Falle des IS wäre das nicht so schwer. Denn es gibt eine erklärte Vernichtungsabsicht gegen "Unislamisches", es gibt religiös begründete Ziele. Archäologen warnten deshalb schon lange vorm Einmarsch des IS in Palmyra – doch nichts geschah. Niemand erinnerte die UN auch nur an ihre Schutzverantwortung, die bedrohte Menschen ebenso betrifft wie Kultur. Die Unesco könnte jetzt wenigstens eines tun: dem Sicherheitsrat erklären, was eine damnatio memoriae ist, lateinisch für Verdammung des Angedenkens. Es ist der Versuch, Geschichte symbolisch auszulöschen. Das gelingt natürlich nie ganz. Aber wenn man die Barbarei nur beklagt, anstatt sie zu verhindern, geht Unwiederbringliches verloren. In Syrien sind es derzeit Moscheen, Kirchen, Klöster, Handschriften und vor allem: Tausende Menschenleben.

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Siehe auch Wissen: Was treibt den IS an? Fragen an den Konfliktforscher Wilhelm Heitmeyer.