Jetzt müssen sie also wieder beweisen, wie hip die Insel ist. Hip zu sein, das ist für Wilhelmsburg und für seine Kreativen wichtig, zum Beispiel ist auch das Pop-up-Festival sehr hip, das gerade im Reiherstiegviertel gefeiert wird. In zwölf leer stehende Läden sind für fünf Wochen überwiegend junge, gut aussehende Menschen eingezogen, die nun auf der Insel fair gehandelte Mode verkaufen, skandinavische Designklassiker, Wiesenblumen. Und weil die Läden nur für eine gewisse Zeit "aufpoppen" wie Werbung auf einem Computerbildschirm, heißt das ganze Pop-up-Festival. Man könnte es auch "Schaut her, wie toll wir sind"-Festival nennen. Oder Trotzreaktion.

Ein Jahr ist es her, da hatten innerhalb weniger Wochen auf der Insel ein Café, zwei Bars und zwei Boutiquen geschlossen – alles Läden, an denen ebenfalls das Label "hip" klebte – und schon war im Norden der Elbe vom Ende des Wilhelmsburg-Hypes die Rede. Hamburger Medien schrieben, die Bemühungen seien gescheitert, das lang geschmähte Viertel zu beleben. Inhaltlich war das ebenso Unsinn wie das Lob, mit dem der Stadtteil die Jahre zuvor übergossen worden war.

Trotzdem reagierten die Wilhelmsburger bockig. "Die Wilhelmsburger" meint natürlich nicht alle, es meint die kreative Avantgarde, die in den vergangenen Jahren ins Reiherstiegviertel im Nordwesten der Insel gezogen ist und die seitdem daran arbeitet, das Viertel und seinen Ruf aufzuhübschen. Vielen in Wilhelmsburg mag es vollkommen egal sein, wie über sie geurteilt wird. Aber nicht jenen, die hier das Image und die Zukunft gestalten wollen. In den Berichten vor einem Jahr erkannten sie sich und ihre Umgebung nicht wieder – und dachten sich als Reaktion das Pop-up-Festival aus.

Muss ein Viertel auf Kritik gleich so extrovertiert antworten? Wilhelmsburg schon.

Wilhelmsburg ist wie ein pubertierender Teenager, der den Eltern beweisen will, dass er schon zu den Erwachsenen gehört. Und gleichzeitig viel lässiger ist als die Eltern. Ein Stadtteil der nach einer turbulenten Kindheit seine Identität sucht. Und doch dabei auf die Unterstützung der Erwachsenen angewiesen ist. Wilhelmsburg ist trotzig. Und das ist vielleicht die größte Hoffnung für die Insel.

Wenn es zwei Vorzeigegesichter für die selbstbewussten Wilhelmsburger Jungkreativen gibt, sind das Kerstin Schaefer und Marco Antonio Reyes Loredo. Beide sind Mitte 30. Er hat aus der gemeinsamen Küche ein Fernsehstudio für "Konspirative Küchenkonzerte" gemacht und wurde mit der TV-Show für den Grimme-Preis nominiert. Sie hat ihre Magisterarbeit über die "Wilde 13" geschrieben, die Buslinie, die quer über die Insel führt. Daraus wurde ein Buch, ein Film, eine Aufführung am Thalia-Theater. Gemeinsam hat das Paar auch das Pop-up-Festival organisiert.

Der Wilhelmsburger verteidigt sich, selbst wenn ihn keiner angreift

Kerstin Schaefer wartet an der S-Bahn-Haltestelle Veddel. Sie sagt, nirgendwo lasse sich Wilhelmsburg authentischer erleben als im Bus 13 und setzt sich nach hinten, um die Fahrgäste besser beobachten zu können.

Vor acht Jahren sind Schaefer und Loredo nach Wilhelmsburg gezogen. "Wilhelmsburg", das meint in ihrem Fall das Reiherstiegviertel. Dort, knapp 20 Minuten von der Innenstadt entfernt, ziehen Studenten in die Gründerzeitbauten und Künstler in die leer stehenden Fabriken, nicht etwa in die Hochhausklötze weiter südlich auf der Insel. Fast schon selbstverständlich, dass auch alle zwölf Geschäfte des Pop-up-Festivals im Reiherstiegviertel liegen, dem Zentrum des Wandels.

"Wir hatten das Gefühl, der Stadtteil ist noch nicht so fertig, hier kann man noch was bewegen", erzählt Kerstin Schaefer, während der Bus am Spreehafen entlangfährt, dem Reiherstiegviertel entgegen. Dort stand damals noch ein Zollzaun mit Stacheldraht, die sichtbarste Grenze zwischen Wilhelmsburg und der Stadt.