Ich besuche ein Seminar. Es geht um Führung. Früher hielten Führer Reden oder Waffen oder beides. Kurz darauf waren meist viele Menschen tot. Im Seminar halten wir Stifte oder Zettel oder beides. Auf einen schrieb der Seminarleiter: "Führen heißt Prozesse moderieren." Ich bin mir da nicht ganz sicher.

Über Prozesse diskutierte ich zuletzt in einem Nagelstudio. Dort feilte eine Kosmetikerin an mir herum. Wir kennen uns schon lange. Meist reden wir über das Wochenende oder meine Nagelhäutchen. Diesmal erzählte sie von ihrem Freund, einem Sänger. Sie haben seit Jahren eine offene Beziehung. Auf seinen Wunsch. Für die Karriere. Seine Fans müssen träumen dürfen, sagt er. Die Kosmetikerin träumt von Haus und Kindern. "Das mit uns wird schon. Das ist halt ein Prozess bei ihm", sagte sie. "Dir ist klar, dass er mit seinen Fans schläft?", sagte ich. Sie weinte.

Ich war mal Praktikant bei einer bankrotten Zeitung. Um sie zu retten, verkündete der Herausgeber eine digitale Offensive. Da er aber zu alt sei für die digitale Welt, würde der Chefredakteur sich um diesen Prozess kümmern. Der Chefredakteur nickte und erklärte, dass es für die Einzelheiten einen Digitalbeauftragten gebe. Der Beauftragte besaß schmale Anzüge und schmale technische Geräte. Er sagte, er wolle sich mit den Jungen im Hause treffen. Den Digital Natives. Wir trafen uns, aßen Kekse, tranken Tee und redeten, bis wir uns hassten. Dann war mein Praktikum vorbei.

Vor Kurzem starb der Herausgeber. Die Zeitung ist schon länger tot. Meine Kosmetikerin ist jetzt Single. Sie sagt, sie fühle sich sehr lebendig.