Der Duft eines Satzes – Seite 1

Es geht um ein Attentat auf den Generalgouverneur: Bomben werden gebaut, Bewegungsprofile des Opfers erstellt, Spitzel und Gendarmen ausgekundschaftet. Ein Leben auf einem schmalen Grat, jeden Tag von Auslöschung und Verderben bedroht. Vor allem aber kämpfen die fünf Terroristen, die den großen Coup planen, mit der Langeweile. Sie treffen sich in Cafés und konspirativen Wohnungen, um Zeit totzuschlagen. Sie reden und reflektieren, jammern und räsonieren in guter russischer Tradition über Gott und den Teufel, über Tod und Verdammnis, Sein und Nichts. Am Schluss ist zwar der Gouverneur tot, aber auch von der mörderischen Verschwörergruppe lebt nur mehr der Icherzähler, der sich in einem Versteck verbarrikadiert hat. "Blut zeugt Blut", sagt er. "Rache lebt von Rache. Wo soll ich hingehen, wo soll ich hinfliehen?"

Der Roman Das fahle Pferd von Boris Sawinkow ist eine Expedition in den Kopf eines Attentäters, ein literarisches Brevier über die Psychologie des Terrors. In einer Serie von Vignetten, von knappen, lakonischen Dialogen wird der tatsächliche Mordanschlag auf den Großfürsten Sergej Alexandrowitsch Romanow, der 1891 Generalgouverneur von Moskau wurde und als Despot und Menschenschlächter galt, zu einem existenzialistischen Albtraum verdichtet. "Sawinkow war ja einer der ersten professionellen Terroristen", erzählt der in Wien lebende Alexander Nitzberg, der den in dieser Woche auf Deutsch im Verlag Galiani erscheinenden Roman übersetzt hat. "Jemand, der einen Beruf daraus gemacht hatte, Attentate zu planen und durchzuführen. Ein moderner Gewaltunternehmer, der Hotelzimmer mietete, um Attentate vorzubereiten, potenzielle Opfer ausspähte, nach Geldgebern suchte und mit Auftraggebern verhandelte."

Nitzberg, der 1969 in Moskau in eine Künstlerfamilie hineingeboren wurde, aber schon seit seiner Kindheit in Deutschland und Österreich lebt, ist ein kleiner, kompakter Mann mit schöner, modulationsfähiger Stimme, der er mit sublimen Tonfärbungen und ironischen Lagenwechseln unendlich viele Nuancen abgewinnen kann. Man spürt, dass er, in Dortmund, zunächst Klavier, Viola und Komposition studiert hat, ehe er in Düsseldorf zu den Geisteswissenschaften, zu Germanistik und Philosophie wechselte.

Seit einigen Jahren gilt Nitzberg als einer der sprachgewaltigsten literarischen Übersetzer aus dem Russischen. Vor allem seine Übertragungen des Klassikers Der Meister und Margarita von Michail Bulgakow und der Werke des in der Stalinzeit verfemten Avantgardisten Daniil Charms bescherten ihm viel positives Echo: "Danach war ich, wie man so sagt, da." Dieser Erfolg habe ihm die Möglichkeit eingeräumt, sich Autoren aus der Nische zuzuwenden, die im Westen unbekannt seien, Geheimtipps wie dem als "russischen Rimbaud" verehrten Dichter und Emigranten Boris Poplawski, dem Essayisten und Kunsthistoriker Abram Efros – oder eben Boris Sawinkow.

Der Topterrorist, der aus gutbürgerlichem Hause stammte und von Lenin später als "der Bourgeois mit der Bombe" bezeichnet wurde, handelte ursprünglich aus antizaristischen Motiven, doch nach dem Sieg der Oktoberrevolution richtete sich sein Furor auch gegen die Bolschewiki, die ihn prompt verhaften ließen. "Er blieb für die Sowjets in einem gewissen Sinne trotzdem eine Legende", sagt Nitzberg. "Sie zeigten ihm gegenüber sehr viel Respekt. Er war natürlich eine Gestalt, in der sie alle, als sie noch Kinder waren, ein Vorbild gesehen hatten." Dennoch stürzte Sawinkow im Frühjahr 1925 aus einem Fenster im fünften Stock des Moskauer Lubjanka-Gefängnisses in den Tod.

Nicht die möglichen Parallelen zu den Gotteskriegern und Selbstmordattentätern, zu den Terroristen und Söldnern in den Religionskriegen und asymmetrischen Auseinandersetzungen der Gegenwart hätten ihn an dem Buch Das fahle Pferd in erster Linie interessiert, meint Nitzberg, sondern dessen literarische Qualität. Die konzise Sprache ohne unnötigen Zierrat des Romans aus dem Jahr 1913, die Verbindung von schmucklosem Protokoll mit symbolistischen Bildern zeigt eine moderne Haltung, die, ausgehend von Dostojewski, direkt zu den gesellschaftlichen und künstlerischen Turbulenzen des 20. Jahrhunderts hinüberleitet: "Die Tatsache, dass der Roman aus einem so gefährlichen Leben heraus entstanden ist, macht ihn eigentlich besser, weil er dadurch noch mehr Dringlichkeit besitzt."

Es geht nicht nur um den Inhalt eines Textes

Wenn man mit Alexander Nitzberg spricht, bemerkt man schnell, dass er das Übersetzen nicht als Brotberuf versteht, sondern als Lebensaufgabe. Er, der selbst Lyriker ist und auch als Rezitator eine gute Figur macht, spricht mit einer gewissen milden Herablassung über Leute, die im Übersetzen lediglich einen professionellen Transfer von einer Sprache in die andere sehen: "Oft höre ich den Vorwurf: Warum übersetzt der nicht einfach das, was da steht? Ich würde sagen: Ein Großteil der Arbeit besteht genau darin, sich zu fragen: Was steht da eigentlich?" Es gehe nicht nur um den Inhalt eines Textes, sondern auch um die sinnlichen Ebenen eines literarischen Werkes: "Mir reicht es nicht, dass der sogenannte Sinn im Hinblick auf die Bedeutung eines Satzes übersetzt ist. Ich will auch den Duft dieses Satzes haben, seinen Rhythmus, seine Kürze oder Länge."

Das Schlimmste, was man einem Übersetzer antun könne, sei die lobende Formulierung: "Dieses Buch wurde sehr einfühlsam übersetzt." Er empfinde das geradezu als persönliche Beleidigung: "Das heißt doch nur, dass es eine glatte Angelegenheit ohne Ecken und Kanten ist. Ich will keine einfühlsamen Übersetzungen, die sollen weh tun, und das ist auch gut so."

Alexander Nitzberg kann, wenn es um sein Metier geht, schnell polemisch werden. Übersetzer wie der verstorbene Harry Rowohlt sind für ihn Leute, die Literatur als Tummelplatz ihrer eigenen Maschen und Manierismen begreifen und nicht dem Werk, sondern nur ihrem eigenen Ruhm dienen.

Und wenn er Homer lesen möchte, greift er lieber zu der mehr als 200 Jahre alten Übersetzung von Johann Heinrich Voss als zu der aktuelleren Übertragung von Raoul Schrott: "Ich glaube, bei Schrott liegt ein grundsätzlicher Irrtum vor. Er glaubt, dass die heutigen Leser mit dieser alten Sprache nichts mehr anfangen können. Also versucht er, das in einen zeitgenössischen Jargon zu transformieren. Doch mit dieser Haltung unterschätzt man sein Publikum. Man bezieht sich auf Otto Normalverbraucher und weiß, was er versteht und was nicht. Aber die Sprache weiß das nicht. Es gibt so viele Register, und da gehört eben der Ton von Luther auch dazu. Ich persönlich habe geradezu ein Faible für altmodische Wörter aus der Barockzeit wie Marmel, Leu oder Fittich."

Die streitbare Attitüde hat Alexander Nitzberg nicht nur Freunde eingetragen. Er sei unter den bedeutenden Übersetzern aus dem Russischen zweifellos der Streitlustigste, schrieb Michael Braun in der Frankfurter Rundschau, und verwerfe die meisten kanonischen Übersetzungen moderner russischer Poesie und Prosa als mehr oder minder fehlerhafte Freveleien am Urtext.

Nitzberg begegnet den Scharmützeln an der Wortfront mit philosophischer Gelassenheit und ungebrochenem Kampfgeist. Interessanterweise ist er der Meinung, dass man in Österreich viel herzhafter über Literatur streiten könne als in Deutschland, dass Kunst an seinem Wohnort allgemein viel eher als ergiebige Kampfzone begriffen werde. Dies sei auch der Grund, warum es ihn nach langen Jahren in der deutschen Bundesrepublik wieder nach Wien verschlagen habe: "In Deutschland gibt es so eine Art Knigge, wie man mit seinen literarischen Kollegen umgeht. Die ganze schreibende Zunft sind meine Kollegen, und Kollegen beleidigt man nicht – das ist unfein. Darüber kann ich nur lachen. Kollege heißt für mich: Wir haben denselben Chef und schieben Schicht in derselben Fabrik – und das tun wir nicht. Ich finde, in der Kunst ist die Idee der Konkurrenz sehr viel angebrachter. Das heißt ja nicht, dass man verfeindet ist. Es gibt auch eine gesunde Konkurrenz."