Wer sollte eigentlich das Geld verdienen? Wohin mit Kindern, während man Geld verdiente? Und wie ging es eigentlich dem Nachwuchs in diesen ganzen Turbulenzen? Die Frage nach den Kindern wurde in feministischen Zirkeln als so störend empfunden, schimpfte eine amerikanische Feministin, als würde man die Gespräche Erwachsener mit der Frage nach der Apfelsaftpulle unterbrechen. Beim Thema Kinder waren sich viele Feministinnen mit Herrn Schröder einig – Gedöns. Kleine Kinder. Mit kleinen Händchen. Soll man nicht drauf schlagen. Ende. Wer Kinder hatte, war in die Falle gelaufen, schön blöd. Ich erinnere mich an einen Streit mit einer meiner kinderlosen Freundinnen, es ging darum, ob Alleinerziehende nicht mehr Unterstützung bräuchten, aber das galt offensichtlich als Belohnung einer Entscheidung, von der man abgeraten hatte – wollte man etwa noch mehr Frauen ermutigen, Kinder zu bekommen?

So gerieten in den fetten Jahre der Bundesrepublik die Kinder sehr vielen aus dem Blick, es wurde die Chance verspielt, Strukturen aufzubauen oder auch nur zu fordern, die das Leben mit Kindern normal gemacht hätten. Etwa so: Man hat Jobs, man hat Kinder, die Kinder haben Ganztagsschulen, man hat, mit etwas Glück, auch jemanden, der erwachsen ist und den man liebt. Überhaupt das Glück. Die Vorstellung, dass das Leben mit Kindern beglückend sein kann, lag natürlich unter Kitschverdacht.

Die meisten berufstätigen Mütter in Deutschland sind noch heute wegen geringfügiger Beschäftigung nicht in der Lage, ihren Unterhalt zu verdienen. Für sie zahlt der Herr. Für die Alleinerziehenden Herr Schäuble. Nur die neue Karrierefrau schafft durch und hat höchstens mal ein Kind. Ein defizitäres Bildungssystem und ausgefeilte steuerliche Vorteile für die klassische Familie des frühen 20. Jahrhunderts sorgen dafür, dass alles an seinem Platz bleibt. Ich kann mich nicht erinnern, von feministischer Seite auch nur einmal gehört zu haben, das Existenzminimum eines Kindes sei in selber Höhe wie das jedes anderen deutschen Staatsbürgers steuerfrei zu stellen. Kinder als Bürger?

Die Geburtenraten sind in den letzten 50 Jahren auf 50 Prozent implodiert. Das ist kein Naturgeschehen. In Skandinavien, wo deutsche Familien so gern Urlaub machen, könnten sie beäugen, wie es ginge – nie käme eine Schwedin auf den Gedanken, ihren Beruf aufzugeben, wenn sie Mutter wird, wie unverantwortlich wäre das denn, man muss Kinder ja ernähren! Das Armutsrisko der alleinerziehenden Schwedin ist um zwei Drittel niedriger als bei uns. Nur in Irland ist die Armut Alleinerziehender noch höher als in Deutschland – 50 Prozent. Spitzenleistung!

Man blickt auf Generationen von Frauen, auf ihre wundervollen Ausbildungen, wie sie sich bemüht haben, welche Vorstellungen sie hatten. Es trifft ja keine Dummen. Man hätte nur die Augen aufmachen müssen, nicht nur beim Wimperntuschen.

Dieser Artikel ist eine Langversion des in der ZEIT Nr. 37 erschienenen Textes.