Los geht’s! Er kommt, er kommt, raunt es durch die Reihen, die Bläser der Musikkapelle heben ihre Trompeten an, vorm Bierzelt haben Honoratioren und Händeschüttler Position bezogen, der Tutzinger Kirchturm strahlt im Abendlicht, die Landtagsabgeordnete streicht ihr Dirndl glatt, und da gleitet sie auch schon heran, die schwarze Limousine. Heraus faltet sich der Minister, was dauert, bei der Gestalt und Größe. Schließlich steht er da, 194 Zentimeter wuchtige Politprominenz, Hälse recken, Köpfe drehen sich. Aber dann hat die Marke Söder ein Problem: Denn Markus Söder muss aufs Klo.

Marke Söder? Was soll das denn heißen?

Markus Söder, das sofort zur Klarstellung, ist nicht nur Bayerischer Staatsminister der Finanzen, für Landesentwicklung und Heimat sowie derzeit wahrscheinlichster Demnächst-Ministerpräsident des Freistaats. Er ist auch derjenige deutsche Landespolitiker, der sich entschlossen wie kein anderer als Marke inszeniert: volksnah, konservativ, kraftstrotzend. Den Namen des brandenburgischen Regierungschefs – irgendwas mit W? – kennen nur politische Feinschmecker. Söder kennt jeder, man könnte ihn SöderTM nennen, weil er bekannt ist wie eine Trademark, ein McDonald’s der Politik, geliebt, gehasst, auf jeden Fall präsent. SöderTM sagt immer zu allem was, zu Flüchtlingen (zu viele), zu Grenzkontrollen (zu wenige), zum Euro (zu weich), zum Internet (zu langsam). Die Marke Söder saß dieses Jahr bei Jauch, Lanz, Illner und Plasberg, sie twittert und postet Fotos auf Facebook. Söders Follower kennen seine Frau (schlank), seinen Privatwagen (Smart), sein Volksschulzeugnis (sehr gut), sein Kinderzimmerposter (Strauß) und seit Kurzem auch seinen "Sommerbart", gewachsen während des Italienurlaubs.

Selbst wenn Markus Söder weg ist, die Marke Söder ist immer da. Wie passt dazu eine Pinkelpause?

In Tutzing, einer kleinen Gemeinde am Starnberger See, wo der Minister vor 1.000 Menschen in einem Bierzelt reden soll, lassen die Bläser ihre Trompeten sinken, stirbt in den Maßkrügen der Schaum von "König Ludwig" hell und dunkel , geschieht etwas Sonderbares: Vor 1.000 Augenpaaren tritt Markus Söder seinen langen Weg zu einem Toiletten-Container an, vorbei am Zelt, dessen Seitenwände der Hitze wegen geöffnet sind wie Vorhänge. Er tut so, als sähe er die Gäste nicht. Und die Gäste tun so, als sähen sie ihn nicht. Der Mensch Söder kann sich erleichtern, die Marke Söder bleibt unbeschädigt. Größeres Einvernehmen zwischen Volk und Volksvertreter kann es kaum geben.

Dann, wie nach überspulter Werbepause, Tusch, Einmarsch, "Hallo!", "Servus!", "Grüß Sie!", "Freut mich!", rhythmisches Klatschen, ein Schluck Bier und federnd hinauf ans Rednerpult. Erster Satz: "Vielen Dank für die Begrüßung. Das war ... angemessen."

Stadionjubel, vorwiegend männlich.

Markus Söder, 48, CSU, hat in Bayern eine Akzeptanz erreicht, die ihn als politisches Phänomen auch bundesweit bedeutsam macht: ein politisches Urvieh, das sich modernster Kommunikationsmittel bedient. Ein Kraftmeier, der polarisiert und dem zugleich vorgeworfen wird, keine Überzeugungen zu haben. Ein Egobrocken, der nicht verhehlt, dass es ihm um Macht und Posten geht, der sogar ironisch damit spielt – ausgerechnet in der Ära des moderaten Merkelns, in der andere Politiker ihre Ambitionen kleinreden und vorgeben, zu warten, bis ein Amt an sie herangetragen wird.