Los geht’s! Er kommt, er kommt, raunt es durch die Reihen, die Bläser der Musikkapelle heben ihre Trompeten an, vorm Bierzelt haben Honoratioren und Händeschüttler Position bezogen, der Tutzinger Kirchturm strahlt im Abendlicht, die Landtagsabgeordnete streicht ihr Dirndl glatt, und da gleitet sie auch schon heran, die schwarze Limousine. Heraus faltet sich der Minister, was dauert, bei der Gestalt und Größe. Schließlich steht er da, 194 Zentimeter wuchtige Politprominenz, Hälse recken, Köpfe drehen sich. Aber dann hat die Marke Söder ein Problem: Denn Markus Söder muss aufs Klo.

Marke Söder? Was soll das denn heißen?

Markus Söder, das sofort zur Klarstellung, ist nicht nur Bayerischer Staatsminister der Finanzen, für Landesentwicklung und Heimat sowie derzeit wahrscheinlichster Demnächst-Ministerpräsident des Freistaats. Er ist auch derjenige deutsche Landespolitiker, der sich entschlossen wie kein anderer als Marke inszeniert: volksnah, konservativ, kraftstrotzend. Den Namen des brandenburgischen Regierungschefs – irgendwas mit W? – kennen nur politische Feinschmecker. Söder kennt jeder, man könnte ihn SöderTM nennen, weil er bekannt ist wie eine Trademark, ein McDonald’s der Politik, geliebt, gehasst, auf jeden Fall präsent. SöderTM sagt immer zu allem was, zu Flüchtlingen (zu viele), zu Grenzkontrollen (zu wenige), zum Euro (zu weich), zum Internet (zu langsam). Die Marke Söder saß dieses Jahr bei Jauch, Lanz, Illner und Plasberg, sie twittert und postet Fotos auf Facebook. Söders Follower kennen seine Frau (schlank), seinen Privatwagen (Smart), sein Volksschulzeugnis (sehr gut), sein Kinderzimmerposter (Strauß) und seit Kurzem auch seinen "Sommerbart", gewachsen während des Italienurlaubs.

Selbst wenn Markus Söder weg ist, die Marke Söder ist immer da. Wie passt dazu eine Pinkelpause?

In Tutzing, einer kleinen Gemeinde am Starnberger See, wo der Minister vor 1.000 Menschen in einem Bierzelt reden soll, lassen die Bläser ihre Trompeten sinken, stirbt in den Maßkrügen der Schaum von "König Ludwig" hell und dunkel , geschieht etwas Sonderbares: Vor 1.000 Augenpaaren tritt Markus Söder seinen langen Weg zu einem Toiletten-Container an, vorbei am Zelt, dessen Seitenwände der Hitze wegen geöffnet sind wie Vorhänge. Er tut so, als sähe er die Gäste nicht. Und die Gäste tun so, als sähen sie ihn nicht. Der Mensch Söder kann sich erleichtern, die Marke Söder bleibt unbeschädigt. Größeres Einvernehmen zwischen Volk und Volksvertreter kann es kaum geben.

Dann, wie nach überspulter Werbepause, Tusch, Einmarsch, "Hallo!", "Servus!", "Grüß Sie!", "Freut mich!", rhythmisches Klatschen, ein Schluck Bier und federnd hinauf ans Rednerpult. Erster Satz: "Vielen Dank für die Begrüßung. Das war ... angemessen."

Stadionjubel, vorwiegend männlich.

Markus Söder, 48, CSU, hat in Bayern eine Akzeptanz erreicht, die ihn als politisches Phänomen auch bundesweit bedeutsam macht: ein politisches Urvieh, das sich modernster Kommunikationsmittel bedient. Ein Kraftmeier, der polarisiert und dem zugleich vorgeworfen wird, keine Überzeugungen zu haben. Ein Egobrocken, der nicht verhehlt, dass es ihm um Macht und Posten geht, der sogar ironisch damit spielt – ausgerechnet in der Ära des moderaten Merkelns, in der andere Politiker ihre Ambitionen kleinreden und vorgeben, zu warten, bis ein Amt an sie herangetragen wird.

Sein Ministerium gleiche "eher einer Redaktion"

Vielleicht ist Markus Söder mit seiner Art der letzte Vertreter eines alten Politikstils, womöglich auch der erste eines neuen. Was für ein Charakter setzt da gerade zum großen Sprung an?

Es ist den Versuch wert, in jene unbekannte Sphäre vorzudringen, die hinter der Markenfassade verborgen liegt. Söder war ja auch mal Sohn, war Schüler, Student, Politik-Anfänger. Irgendwo zwischen Marke und Mensch muss die Antwort auf die Frage zu finden sein, wer dieser Politiker ist. Welche Sehnsüchte er bedient. Und was ihn antreibt.

Markus Söder hat drei Pressesprecherinnen und seit Mai auch einen hauptamtlichen Chef einer Abteilung namens Kommunikation und Planung: Michael Backhaus, bis vergangenen Herbst stellvertretender Chefredakteur der Bild am Sonntag. Ehemalige Mitarbeiter Söders sagen, sein Ministerium gleiche "eher einer Redaktion". Was geschieht, wenn man dort anfragt mit der Bitte, den Minister mehrere Wochen zu begleiten, zu beobachten, zu befragen? Welche Termine bietet das Team an? Was, glaubt es, sollte ein Journalist wissen? Welches Bild will Söder von sich zeichnen lassen?

Schon diese erste Reaktion porträtiert ja den Porträtierten.

Denkbar wäre: Der Finanzminister präsentiert sich im Büro, beim Aktenstudium, und bringt den Reporter durch ein Gespräch über seinen 50-Milliarden-Euro-Haushalt oder den Stand der Verhandlungen zur Stabilisierung der Landesbank gleich mal an den Rand der Überforderung. Wer nicht explizit um diese Demütigung bittet, bekommt eine Tabelle, die an den Terminplan eines Wanderzirkus erinnert und den Minister in die Rolle des politischen Schaustellers rückt: Maibockanstich im Hofbräuhaus München, CSU-Großkundgebung in Schweitenkirchen, Nachtfest auf der Kaiserburg Nürnberg, Eröffnung eines Samba-Festivals in Coburg, Fährfahrt zur Insel Herrenchiemsee. 123.298 Kilometer ist der Minister im vergangenen Jahr durchs Land gefahren, hatte 1.200 Auftritte und Termine, fast vier jeden Tag. Besonders wichtig ist der Pressesprecherin, die fortan bei jedem Treffen dabei sein wird, ihren Chef bei einer Bierzeltrede zu präsentieren. Deshalb Tutzing.

Vorn am Pult, etwa eine Körpergröße oberhalb des Publikums, steht also Söder, die Beine gespreizt wie Cristiano Ronaldo vorm Freistoß, die Stimme so weich wie Sascha Hehn in der Schwarzwaldklinik. Jeans, Poloshirt, Segelschuhe, als wohne er direkt um die Ecke. In der Regel, sagt er, begegne er die ganze Woche über nur "Lobbyisten, Bürokraten und Streithähnen. In München, in Berlin – und, ganz schlimm: in Brüssel."

Hundertfaches Nicken.

"Da ist es doch schön, mal bei vernünftigen Leuten zu sein."

Hundertfaches Klatschen.

Eine Stunde lang zeichnet Söder das Bild einer chaotisch-gefährlichen Welt. Islamischer Staat, Ukraine, Griechenland. "Aber es gibt ein Land, das stabil und stark ist, und das ist Deutschland. Und warum ist Deutschland so stark? Weil es dort einen Stabilitätskern gibt – das ist Bayern!" Die Erdachse, sie verläuft an diesem Abend genau durch Tutzing und folglich auch exakt durchs Rückgrat des Finanzministers, der den Wohlstand der Einheimischen wahrt. Alle wollen ja was abhaben vom bayerischen Glück, die Griechen, die Asylbewerber, Brüssel, Berlin, aber da ist Söder vor: "Bayerisches Geld ist am besten in Bayern aufgehoben." Und: "Jemand, der in Bayern lebt, muss zuerst an Bayern denken, bevor er sich um jemand anderen kümmert!"

Fast jede seiner Aussagen leitet Söder ein mit einer Moderation wie "Es kann nicht angehen", "Sagen wir doch, wie es ist", "Jetzt mal ehrlich". Mit der Attitüde eines Minderheitenführers vertritt er die Mehrheitsmeinung im Zelt. Söder arbeitet mit der Rhetorik des aufrichtigen Egoisten. Von seinen Zuhörern fordert er nichts, weder mehr Steuern noch Lust auf Veränderung oder gar Toleranz Schwächeren gegenüber. Seine Rede, über weite Strecken frei gehalten, ist stets mit so viel Witz gewürzt, dass er auch skeptische Zuhörer mitnimmt, und sei es nur wegen der Folklore. Als er über die "kalte Progression" schimpft, kumpelt er ins Publikum, dabei handele es sich um etwas Schlimmeres als einen "Umzug bei schlechtem Wetter". Da lächelt seine Pressesprecherin. Und Kommunikationschef Backhaus, auch dabei, wispert inmitten des Jubels informell ins Reporter-Ohr: "Volltreffer!"

Der Politiker Söder nimmt in diesem Jahr an einem ebenso unsichtbaren wie offensichtlichen Rennen teil. Seit Bayerns Regierungschef Horst Seehofer kundgetan hat, spätestens 2018 abzutreten, geht es in der CSU um die Nachfolge, wird jedes Tun und Lassen, jedes Reden und Schweigen möglicher Kandidaten als taktisches Manöver verstanden, um in ein Amt zu gelangen, das mit dem Wort "Ministerpräsident" nicht ganz beschrieben ist, dazu kommen ja noch späthöfische Bestandteile wie "Freistaatschef" und restrebellische Spurenelemente wie "Separatistenführer".

Derzeit sind drei Politiker im Rennen, sie stehen für drei unterschiedliche Stile.

Da ist Ilse Aigner, Oberbayerin, Wirtschaftsministerin. Sie wäre die erste Frau im Amt. In der CSU gilt sie als bayerische Merkel, mit allen Vor- und Nachteilen. Zum Beispiel, dass Journalisten selbst nach einstündigen Landtagsreden kaum prägnante Sätze im Block haben, während Söder Hunderte liefert.

Da ist Manfred Weber, Niederbayer, Fraktionschef der Konservativen im Europaparlament, ein Mann mit Welterfahrung, was einem in der CSU ebenfalls als Vor- und Nachteil ausgelegt wird.

Und dann ist da der Finanz- und Heimatminister Söder, ein Franke, kein Bayer, ein Protestant, kein Katholik, aber eben: Marke Söder. Im Januar hat er es als Laienschauspieler in eine Folge von Dahoam is Dahoam geschafft; in der Vorabendserie des Bayerischen Rundfunks spielte er sich selbst. Zu Ostern hat er in Ilse Aigners Heimat Oberbayern Urlaub gemacht. Für diesen Herbst ist ein segensreicher Besuch beim Papst geplant, in Rom, dem Zentrum des Katholizismus. Er versucht, Felder zu besetzen wie in einem Brettspiel.

Momentan liegt Söder vorn

Schon im ersten Gespräch mit der ZEIT legt Söder seine Strategie offen. So, wie es Bundeskanzler Gerhard Schröder einst darum ging, "Bild, BamS und Glotze" zu erobern, fühlt er sich in Bayern für die "drei B" zuständig: Bürgermeister, Beamte, Bauern. In einem konservativen Land muss der Vertreter einer konservativen Partei als Bewahrer und Beschützer auftreten. 60 Prozent der Bayern wählten "bürgerlich", sagt Söder, diese Mehrheit müsse er "zusammenhalten", gegen die Konkurrenz von Freien Wählern, Wirtschaftsliberalen und AfD. Anhänger von Grünen oder SPD zu überzeugen: unwichtig.

Momentan liegt Söder in seiner Partei vorn. Nach einer Umfrage des Bayerischen Rundfunks ist er der bekannteste und beliebteste der drei Konkurrenten. Auch der, dem die meisten Wähler das Amt zutrauen. Also derjenige, von dem die CSU annehmen kann, dass er ihre Macht sichert. In Söder-Rhetorik: "Den Elfmeter soll immer der schießen, von dem man am ehesten glaubt, dass er ihn reinmacht."

Mittlerweile ist Söder in eine Aufwärtsspirale sich selbst nährender Prominenz geraten: Wo er redet, sind die Festzelte voll, verkaufen die Wirte viel Bier, was Einladungen in größere Festzelte nach sich zieht, wo noch mehr Bier verkauft wird, weil da ja wohl der nächste Ministerpräsident zu sehen ist. Das Bierzelt ist der Raum, in den die Moderaten noch nicht vorgedrungen sind.

An einem Sommerabend schwebt Söder mit Flug LH2080 in Hamburg ein. Er ist zum fünften Mal bei Markus Lanz eingeladen, "kein einfaches Format", sagt er, ein unberechenbarer Gästemix aus Politikern und Promis, aber lohnend: 1,5 Millionen Zuschauer, freier Eintritt in zahllose deutsche Wohnzimmer. Die Sendung wird in einer alten Bootsmotorenfabrik aufgezeichnet, Kulissen aus hanseatischem Backstein-Rot, der Minister ist spät dran, die anderen Gäste sind schon da: der Komiker Oliver Pocher, die Sängerin Christina Stürmer, der Wirtschaftswissenschaftler Max Otte und ein Geo-Reporter, der sich einen Hirnschrittmacher einsetzen lassen musste.

Wie ein Boxer vor dem Kampf, unterwegs in einem unsichtbaren Konzentrationstunnel, stürmt Söder in die Garderobe, die kompliziert verkabelten Regieassistenten kommen kaum hinterher. Der Minister trägt einen nachtblauen Anzug und lange schwarze Strümpfe. Nichts entzaubert einen Politiker so sehr wie das Beinweiß zwischen Hosensaum und Socke.

Söder sitzt direkt neben Lanz. Es geht um Griechenland. Nach 19 Minuten und 45 Sekunden bringt er den Satz unter, von dem er später sagen wird, dass er sich ihn vorher zurechtgelegt hat: "Der deutsche Steuerzahler ist der gutmütigste Steuerzahler in Europa. Aber auch den darf man nicht ständig überfordern."

Neun Sekunden Beifall, Deckel drauf, Themenwechsel. Söder wirft seiner Pressesprecherin den zufriedenen Blick eines gesättigten Raubtiers zu, sie sitzt im Studio in der ersten Zuschauerreihe, starr wie eine Statue. Im Dezember 2014 stellte Günther Jauch sie vor seinem Millionenpublikum bloß, weil er den Eindruck hatte, sie versuche, nach Statements ihres Chefs Applaus "anzuklatschen".

Am Abend, an einer Hotelbar in Hamburg, sagt Söder, dass er die Sendung "okay" fand. In der Tat lief es gut. Er hat nicht versucht, Pochers Blödeleien zu überbieten. Er kam moderat rüber, fast staatsmännisch, wichtig bei einer bundesweit ausgestrahlten Sendung. Den späten Hunger, der stets auf den Adrenalinsturz nach einer Talkshow folgt, trinkt er mit einem Glas Tomatensaft weg.

Ein paar Tage später erklärt Markus Lanz am Telefon, nach Talkshow-Regeln sei Söder die Idealbesetzung, wenn in der Runde ein Politiker gebraucht werde: "Er ist ein Unterhaltungstalent. Man spürt seine Lust an der Formulierung und an der Zuspitzung." Interviews mit ihm gingen nie schief, versickerten nie in Schweigen. Söder habe zu jedem Thema einen Satz drauf. Er gehe auch auf provokante Fragen ein. Und er wage es, "sich gegen die veröffentlichte Meinung zu stellen – weil er weiß, die öffentliche Meinung hat er hinter sich. Das ist manchmal mutig, manchmal aber ein Spiel mit dem Feuer. Das weiß er auch."

Bestellt man im Zeitungsarchiv alte Artikel über Markus Söder, legt man beim Ausdrucken erst fast die Redaktion lahm und sitzt dann vor einem Papierstapel, so dick, dass man für mindestens eine Woche jeden Roman beiseitelegen kann. Auch der Bedarf an Seifenopern ist vorerst gedeckt. Markus Söder wird 1967 in Nürnberg geboren, als erstes Kind eines Maurermeisters und einer Bankkauffrau. Er wächst im Nürnberger Westen auf, dem ärmeren Teil der Stadt. Der Vater verehrt Franz Josef Strauß, der Sohn tritt wenige Tage nach seinem 16. Geburtstag – zum frühestmöglichen Termin – der CSU bei. Er studiert Jura, macht ein Volontariat beim Bayerischen Rundfunk, wird mit 27 jüngstes Landtagsmitglied und mit 36 Generalsekretär unter Edmund Stoiber. Er fordert, die Namen von Schwarzfahrern ins Internet zu stellen und zur besseren Integration von Ausländern in Schulen morgens die Nationalhymne zu singen. Als Stoiber stürzt, knickt auch Söders Karriere, er wird als Europaminister zur Randfigur im Kabinett, dann Umweltminister, schließlich Finanzminister, pünktlich zur Euro-Krise.

"Markus Söder sah sich immer in Konkurrenz zur Gruppe"

In den Zeitungen wird Söder als "smarter Flachdenker", "Boulevardpolitiker" und "politischer Hallodri" beschrieben, als Mann mit dem "düsteren Charme einer politischen Drückerkolonne". Er sei ein Mensch mit "charakterlichen Schwächen", "von Ehrgeiz zerfressen", mit Lust an "Schmutzeleien". Die letzten drei Zitate stammen nicht von Journalisten, sondern von Horst Seehofer, vor Publikum vorgetragen auf einer CSU-Weihnachtsfeier. Söder und Seehofer sind gleich groß, gleich machthungrig, gleich populistisch. Es trennen sie: 18 Jahre. Der klassische Rangordnungskampf zwischen Jung und Alt.

An einem sonnigen Morgen bittet ein älterer Herr in Nürnberg in sein Reihenhaus. Der Mann war Söders Lehrer am Dürer-Gymnasium, in den Oberstufenjahren. Er kannte Markus Söder, bevor der zur Marke Söder wurde. Der Lehrer möchte namenlos bleiben. Er will nicht, dass seine Identität zu sehr mit Söders Biografie verschmilzt.

Der Lehrer sagt, er hätte Markus Söder "auch in Erinnerung behalten, wenn der nicht diese Karriere gemacht hätte. Ein exzellenter Schüler, hohes intellektuelles Potenzial." Söder schwänzte nie, hielt glänzende Referate, schrieb hervorragende Klausuren, bekam von ihm in jedem Zeugnis 15 Punkte, "übersetzt: eins plus", was zu Söders Abi-Durchschnitt von 1,3 beitrug.

Während der Lehrer sich erinnert, hängt die ganze Zeit ein fast hörbares "Aber" in der Luft. Er spricht es aus, als er die Tektonik seines damaligen Kurses beschreibt: eine Gruppe von Schülern, unter denen Söder "leider" auch durch einen "Mangel an Empathie" auffiel. Er habe seine Einsen am meisten genossen, solange die anderen nur Dreien schrieben. Sei ihm jemand im Notenspiegel zu nah gekommen, habe es passieren können, dass er sich beklagte, die Klausur sei zu einfach gewesen.

"Markus Söder sah sich immer in Konkurrenz zur Gruppe", sagt der Lehrer. Nie sei er von den anderen um Hilfe gebeten worden. "Wen bittet man um Hilfe? Den, von dem man vermutet, dass er helfen will."

Fragt man Söder selbst nach seiner Schulzeit, stellt er sie anders dar. Die Erinnerungen des Lehrers seien "Quatsch, nichts davon stimmt – außer, dass ich ordentliche Noten hatte". In seiner eigenen Erzählung ist er der rechte Revoluzzer im linken Mainstream der achtziger Jahre. Als seine Klassenkameraden, angefeuert von einigen Lehrern, gegen die Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf demonstrierten, lernte er lieber. Als seine Mitschüler das Video einer Scheibenwischer-Sendung des Kabarettisten Dieter Hildebrandt zeigten, die der Bayerische Rundfunk nicht ausgestrahlt hatte, schaute er nicht mit. Die ersten Stunden der Abiturfete verpasste er, weil die Junge Union zeitgleich eine Konferenz zum Thema "Sandinistisches Nicaragua" abhielt. Wegen seiner politischen Überzeugung, sagt Söder, sei er in der Schule nie für ein Wahlamt infrage gekommen, als Klassensprecher oder Schülersprecher. "Das einzige Amt, das ich da hatte, war Kartenwart."

Wenn Söders Lehrer seinen ehemaligen Schüler heute im Fernsehen sieht, freut er sich für ihn, einerseits. Andererseits, sagt er, wundere er sich, warum der Vielbeachtete nach wie vor so erkennbar um Anerkennung ringe.

"Aus mir nicht ersichtlichen Gründen", sagt der Lehrer. Für ihn wird das Rätsel Söder größer, nicht kleiner.

Die klassische Anerkennungsbestätigungsgelegenheit für Politiker ist ein Parteitag. Es ist ein Samstag im Juni, als im Sheraton-Hotel Nürnberg 92 Delegierte der CSU-Sektion Nürnberg-Fürth-Schwabach zusammenkommen, um ihren Bezirksvorsitzenden wiederzuwählen: Markus Söder. Eigentlich ein langweiliger, kaffeegetränkter Termin, bei dem gesessen, geredet und heimlich gegähnt wird – aber auch ein Tag mit doppeltem Boden, bei dem es nicht ums Gegenwärtige geht, sondern um ein "Signal", wie Politiker sagen, ähnlich wie bei einem Testspiel im Fußball: Jeder Pass ist Prognose für die Zukunft. Hat der Trainer das Team im Griff? Wie viele Stimmen kriegt Söder? Hat er "die Rückendeckung der Basis"?

Söder spricht 75 Minuten, die ersten zehn verbringt er damit, Bekannte in den ersten Reihen namentlich zu grüßen, zur Geburt eines Leopold und eines Theodor zu gratulieren, Beziehungsfäden zu spinnen, Nähe und Kenntnis zu beweisen, eine Mischung aus Liebeserklärung und Drohung. Er sagt, was er bei Lanz sagt und in Tutzing, nur vertraulicher: "Wir sind uns ja einig ... spüren wir nicht alle ... ich darf also feststellen ..." Söder, äußerlich jung geblieben, kann nicht ganz verbergen, wie lange auch er schon dabei ist, als er den administrativen Teil der Rede runternuschelt. Bei vielen Politikern, die ihr Leben in Parteistrukturen verbringen, schleifen sich mit der Zeit ein paar Silben ab: So wie Erich Honecker die Deutsche Demokratische Republik zur "Deutschen Kratschen Plik" verkürzte und Helmut Kohl zum "Bunzkanzler" wurde, fränkelt Söder "Zirgsvorzer" statt Bezirksvorsitzender und "Misterbräsent" statt Ministerpräsident. Aus der CSU wird ein etwas trunken klingendes "Zesu". Wir als Zesu, mit uns als Zesu, eine Partei wie die Zesu. Am Ende wünscht sich Söder für die bevorstehende Abstimmung "Unterhaken statt Fingerhakeln". Bei seiner letzten Wahl hat er 100 Prozent bekommen.

Söders "rezipientes-adäquates" Auftreten

Kaffee, Cola, Butterbrezn, dann das Auszählen: 92 abgegebene Stimmen, davon 89 für Söder, zwei gegen ihn, eine ungültig. Der Wahlleiter rundet etwas auf und verkündet: "98 Prozent!" Ein "Signal", da Ilse Aigner im Bezirk Oberbayern fast zeitgleich nur 96,3 Prozent erhält, Manfred Weber im Bezirk Niederbayern allerdings 99,5.

Söder bedankt sich und sagt: "Wir leben in einer modernen, demokratischen Partei!" Noch vom Podium twittert er ins Land: "Super Ergebnis. 98 %. Das ist Rückendeckung und Seelenbalsam."

Neben dem Seelenbalsamierten sitzt beim Parteitag ein Mann, den Söder bereits im ersten Gespräch erwähnt hat, als die Reporter-Routinefrage nach einem guten Freund fiel: Michael Frieser.

Wie das kontrollierte Öffnen des Terminkalenders ist auch die Preisgabe der Kategorie "Kumpel" eine Möglichkeit für jeden Politiker, mitzumalen am Porträt, das eine Zeitung von ihm zeichnet. Frieser gehört zur gleichen Generation wie Söder, ist Nürnberger wie Söder, Jurist wie Söder, sie kennen sich seit Jahrzehnten. Eigentlich ist kaum mehr als erkenntnisfreie Deckungsgleichheit zu erwarten, als Frieser nach Berlin einlädt – dorthin, weil es doch einen Unterschied gibt: Frieser vertritt die CSU im Bundestag. Er ist Mitglied im Innenausschuss, stellvertretender Vorsitzender des zweiten Untersuchungsausschusses zur Edathy-Affäre, laut eigener Internetseite außerdem unter anderem "im Gremium nach § 23c Absatz 8 des Zollfahndungsdienstgesetzes (ZFdG-Gremium)".

Ein Fachpolitiker.

Im Regierungsviertel erzählt Frieser bei Espresso und Zigarillos, wie der 16-jährige Söder zur Jungen Union stieß. Ein Kerl in Cowboystiefeln. Ein Großer, der sich nicht kleinmachte. "Er war sich seiner Erscheinung schon damals bewusst."

Damals: forderte Söder mehr Schallschutzwände, Minigolf-Anlagen und Parkbänke, während die Linken vom Weltfrieden faselten und "voll auf dem Hippietrip" waren. Damals schon: hatte Söder die Gabe, Wählerwünsche zu wittern. Er rief dann bei Frieser an und blockierte den Telefonanschluss der Familie "bis an die Grenze des Akzeptablen".

Eine halbe Stunde lang decken sich Friesers jovial-loyale Erinnerungen mit allem, was Söder selbst sagt, wie er seine politische Position erklärt: "Dem Linken ist die Haltung zu einem Thema wichtiger als die Lösung. Der Linke sagt: Die Zukunft steht ohnehin fest, da müssen wir auf jeden Fall hin. Der Konservative fragt: Warum etwas Neues machen, wenn das Bewährte funktioniert?"

In Berlin lobt Frieser Söders "rezipientes-adäquates" Auftreten und dessen Gabe, mit Wortschöpfungen "Hörgewohnheiten zu brechen und sich so Aufmerksamkeit zu sichern". Friesers Ton ändert sich unmerklich, sobald man ihn an seiner eigenen Eitelkeit kitzelt, am Ehrbegriff des Fachpolitikers.

Warum twittert er nicht, wie Söder?

"Ich kann mein Thema ›Assistierter Suizid und Sterbehilfe‹ schlecht auf 120 Zeichen eindampfen. Die Welt verzwergt sich sowieso, dem möchte ich nicht noch Vorschub leisten."

Warum kämpft er nicht um Parteiposten, wie Söder?

"Ich will meine Zeit nicht in politischer Konkurrenz verbringen, im persönlichen Dauerzwist. Dafür ist mir das Leben zu wertvoll."

Warum ist er nie bei Markus Lanz zu sehen, wie Söder?

"Ich erschöpfe mich lieber in Phoenix-Runden. Meine Welt ist der Vortrag, in dem ich Menschen argumentativ in eine bestimmte Richtung lenke."

Frieser sagt all das gut verborgen unter beredtem Lachen. Erst beim Abschreiben des Tonbands fällt auf, dass er Söder nur einen "politischen Freund" nennt.

Gefragt, von wem sich Söder gern spielen lassen würde, sollte einmal sein Leben verfilmt werden, antwortet Frieser: "Ich glaube, er hätte nichts gegen George Clooney."

Wenn der beste Freund so redet, was sagt dann der Feind?

Schwer zu klären, wer das ist.

Fingerhakeln statt Unterhaken

Man kann in München, in einem Separee des Landtagsrestaurants, mit Margarete Bause sprechen, Fraktionschefin der bayerischen Grünen. Die sagt, Söder sei "ein Machtpolitiker in Reinkultur. Der hat keine inhaltliche Überzeugung, die ihn hindert, seine Machtspielchen zu betreiben. Ein ganz Verbissener." Was Gegner eben so sagen.

Man kann in alten Nürnberger Lokalzeitungen nachlesen, wie Söder in seinem ersten Landtagswahlkampf mit Parteifreunden Stimmung gegen eine Flüchtlingsunterkunft machte und ein Bürgergespräch organisierte zu der Frage: "Was können wir gegen das Asylbewerberheim tun?" Linke Gruppen nannten das auf einem Plakat Rassismus, Söder erstattete Anzeige und verlor in zweiter Instanz. Die Wahl gewann er.

Man kann dem Hinweis eines frühen Weggefährten folgen, der rät, sich im Archiv des Bayerischen Rundfunks die Fernsehbeiträge anzuschauen, die Söder zwischen 1992 und 1994 als Volontär und Redakteur verfasste und die "skrupellos CSU-Meinungen" wiedergäben. Es finden sich Drei-Minuten-Sequenzen wie Streitfall Europa, in der Bayerns damaliger Ministerpräsident Stoiber – Söders Mentor – nach Brüssel reist, um dort "die überzogene Bürokratie zu kritisieren". Unterlegt sind die Stoiber-Szenen mit dem Popsong Eye of the Tiger, der Hymne des Boxfilms Rocky III.

Und dann sitzt da ein Mann Mitte 50 in einem Nürnberger Biergarten und sagt, Söder sei ein "charakterloser Mensch", das solle man bitte auch so schreiben.

Peter Dilling sieht sich als Söders erstes Opfer in der Politik. Sollten Michael Friesers Erinnerungen von Nostalgie weichgezeichnet sein, sind seine von Hass gehärtet. Dilling führte die Junge Union in Nürnberg an, als Söder dort auftauchte. An inhaltliche Impulse des Neuen kann er sich nicht erinnern. Wurde gegrillt, habe Söder die Wurst besorgt, nicht mehr und nicht weniger. "Der ist nicht dadurch aufgefallen, dass er was Neues gemacht hätte, der hat engagiert ausgeführt", sagt Dilling. "Und der war immer da. Andere sind bei schönem Wetter auch mal ins Freibad gegangen."

Dilling, dünnes rotes Haar, rahmenlose Brille, kariertes Hemd, nippt an einer Apfelschorle und verjagt ein paar Wespen. Ende der Achtziger, als er zum Bezirksvorsitzenden der JU aufstieg, ein Amt, in dem man bis München wahrgenommen wurde, machte er den Immer-da-Söder zu seinem Geschäftsführer, ein Posten für loyale Seelen. Als Dilling später einen Job bei der Bundesanstalt für Arbeit antrat und für ein Jahr auf Lehrgänge geschickt wurde, habe Söder ihn nicht vertreten, sondern "Stimmung gemacht: Unser Bezirksvorsitzender ist ein Ausfall, unser Bezirksvorsitzender ist nicht präsent und so."

Fingerhakeln statt Unterhaken?

Söder bestreitet Dillings Darstellung. Der JU-Chef sei "wochenlang nicht erreichbar" gewesen. Dilling wiederum behauptet, nach langem Kampf habe er zermürbt aufgegeben und zugesehen, wie Söder an seiner Stelle immer weiter aufstieg. Dessen Weg habe ihn nicht verwundert: "Söder war schon damals auf Parteilinie. In der CSU sind inhaltliche Debatten nebensächlich. Es wäre naiv, zu glauben, dass man sich in einer derart dominanten Partei mit dem politischen Gegner auseinandersetzt. Da geht es den meisten um Posten."

Hin und wieder, sagt Dilling im Biergarten, schaue er sich im Internet Söders Facebook-Seite an, "aber nur mit Kotztüte". Manchmal frage er sich, ob er zu schwach gewesen sei für den "gnadenlosen politischen Darwinismus", ob Söder einfach stärker war.

Er findet aber: Söder war nur "skrupelloser".

Schon wieder dieses Wort. Wer ehemalige Begleiter zu Söder befragt, hört es häufig.

Markus Söder betont immer wieder, dass er in einfachen Verhältnissen aufgewachsen sei, in einem "Nürnberger Arbeiterviertel".

Das Navi führt in eine Straße, in der kleine Häuser in kleinen Gärten stehen. Söder verbrachte seine Kindheit in einer linken Doppelhaushälfte. Vor der Tür eine große Magnolie, die Fassade aus grobem Putz, am Klingelschild inzwischen ein slawischer Name.

Im Nachbargarten rechts ein ergrautes Ehepaar.

"Ja, der Markus!"

Die beiden sprechen ähnlich wohlwollend-kritisch über Söder wie dessen Lehrer. Sie würden ihn sofort zum Ministerpräsidenten wählen, obwohl sie ein bisschen sauer waren, als Söder ihr Viertel runterredete.

Den Markus, erinnert sich die Frau, habe man zu zweit wickeln müssen, "so zappelte der".

Der Markus, erinnert sich der Mann, habe sich als Kind "so gut wie nie dreckig gemacht".

Am Vater habe das gelegen, sagen beide, "vor dem Vater musste der Markus parieren", der Vater habe die Familie wie ein Patriarch regiert, mit wenigen Worten und noch weniger Zärtlichkeiten. Vor den Kindern habe Söders Mutter den Vater "Chef" genannt: Seht zu, bevor der Chef heimkommt. Wascht euch, bevor der Chef da ist.

Max Söder, der Maurer, ging morgens früh um halb sechs aus dem Haus und kam abends gegen sieben wieder. Dann blieb er oft stumm auf der Straße stehen und schaute, ob Fenster, Fassade und Dach noch in Ordnung waren. Nie habe der Vater mit dem Sohn Markus und der Tochter Heike im Garten gespielt, sagen die Nachbarn. Markus sei fast jeden Tag zu ihnen gekommen, anfangs ins Planschbecken, später zum Tischtennis.

Mit 16 dann, sagen die Nachbarn, "verschwand der Markus in die Politik". Auf seinem Fahrrad, daran ein Anhänger voller Wahlplakate. Das ist das stärkste Bild, das sie von ihm haben.

Söders Dienstwagen rauscht mit Tempo 180 durch die Nacht, wieder ist einer von 1200 Terminen erledigt, dieses Mal ein heikler. In Coburg hat der Minister ein Samba-Festival eröffnet. Vor rund 10.000 Menschen stand Söder in senfgelbem Anzug auf der Bühne und wurde von einer Brasilianerin umsprungen, die kaum mehr trug als ein paar Federn. Trommler trommelten, Tänzer tanzten, Söder söderte ins Mikrofon: "Im Grunde genommen ist der Franke ein totaler Brasilianer. Er zeigt’s nur nicht!"

Der Minister, vom Körperbau her eher ein Bär, hätte auf der Bühne viel falsch machen können, zu steif rumstehen oder zu schwungvoll mitgehen, auf Neudeutsch: over- oder underperformen . Also kniete er sich galant wie ein Verehrer vor die Halbnackte und schaffte es, weder blöd noch geil zu gucken. Als seine Sprecherin im Publikum die Germany’s next Topmodel- Siegerin Sara Nuru und die brasilianische Multitasking-Moderatorin-Sängerin-Schauspielerin-Fitnessqueen Fernanda Brandão entdeckte, schob sie ihren Chef zwischen die zwei Frauen und machte schnell ein Foto von den dreien: Markus Söder, 12 955 Likes auf Facebook, Sara Nuru, 102 844 Likes auf Facebook, und Fernanda Brandão, 482 651 Likes auf Facebook.

Wollte jemand den Minister fotografieren, stellte er sich zum Selfie auf.

Begegnete der Minister einem Kind, fragte er: "Wie heißt du?"

Max.

"Das ist ein schöner Name."

Leonie.

"Das ist ein schöner Name."

Jannis.

"Das ist ein schöner Name."

Söder spricht, aber er sucht nicht das Gespräch. Und er wird auch nicht darum gebeten.

Wer wählt schon nach Parteiprogrammen?

Wer sich über Söder ärgert, so wie sich mancher über McDonald’s ärgert, über diese Lust an der schnellen Bedürfnisbefriedigung, an der Vereinfachung, ärgert sich womöglich auch über sich selbst. Wer wählt schon nach Parteiprogrammen? Wer will noch einen Kandidaten kennenlernen, statt nach Plakatlächeln und Pointen zu entscheiden? Wer Markus Söder einen Spiegel vorhält, entdeckt darin auch ein Stück seiner selbst.

Der Fotograf, der dieses Dossier für die ZEIT bebildert, sagt nach einigen Wochen der Recherche, bei Söder falle ihm ein ungewöhnlich unsteter Blick auf, seine Augen suchten andauernd nach Halt wie ein Autofokus, sähen sich aber nirgends fest. Als sei sich Söder seiner Position im Raum nie sicher. Der Fotograf hat schon Gerhard Schröder, Joachim Gauck und Lech Wałęsa begleitet, Politiker, die Bürger fast als Geiseln nehmen und stets den vollsten Biertisch ansteuern.

Wenn Söder Bühnen oder Parteitagspodien verlässt, wenn das Volk nahe an den Volksnahen rückt, hat der nicht mehr als zwei Reaktionen drauf – Namensfrage und Gruppenbild. Wenn aus einer Masse von Zuhörern einzelne Menschen werden, irrt er durch ein Niemandsland zwischen Nähe und Abstand. Beinahe minütlich zieht er sein iPhone aus der Tasche seines Sakkos und liest SMS, Mails, Tweets, sein Gesicht beschienen vom blauen Licht des Displays. Auf dem Samba-Festival läuft er von der Bühne ins VIP-Zelt. Als die Nachfrage nach Handybildern abebbt, steigt er in seinen Wagen.

Darum jetzt mit 180 Sachen auf der linken Spur die Rücksitzreise, auch das ein fester Bestandteil fast jedes Politiker-Porträts, das Gewähren von Exklusivität und Scheinnähe, Schulter an Schulter.

Also: der Vater.

Vor zehn Jahren gestorben, sagt Söder. Kosenamen hatte er nicht für die Kinder. Schaute er fern (in einer Zeit, zu der es noch keine Fernbedienung gab), befahl er dem Sohn aus dem Sessel heraus: "Markus, umschalten!" Hat der Vater mal gefragt, wie es so geht? Ja, wenn der Sohn was ausgefressen hatte. Ist er je mit durch den Rasensprenger gehüpft? "Mein Vater ist nicht gehüpft."

Auf dem Rücksitz strafft sich Markus Söder, verheiratet, Vater von vier Kindern aus zwei Beziehungen, trinkt Wasser in kleinen Schlucken und sagt: "Ich will mich nicht moralisch über jemanden erheben, der zu einer anderen Zeit gelebt hat."

Dabei sind seine Bierzeltreden neuerdings voller Bezüge zum Vater. Söder stellt alte Familienfotos ins Netz, berichtet vom strengen Handwerker daheim, erzählt, wie der Patriarch über schlechte Noten schimpfte. An diesen Stellen fehlt Söders Reden jede Frechheit.

Nach der Umfrage des Bayerischen Rundfunks, auf die Söder selbst gern verweist, sind jene Wähler, die er bedient, jene, die mit ihm "zufrieden" oder "sehr zufrieden" sind, Ebenbilder des Vaters: männlich, oft über 60, Hauptschulabschluss.

Passau leuchtet, Glocken läuten, als die Herren Schönmoser und Hofer, beide CSU, die Treppe des Landratsamts hinaufsteigen. Söder hat sie eingeladen, die beiden tragen Hemd und Krawatte. Georg Hofer ist Ortsvorsteher der Gemeinde Malching, Franz Schönmoser Bürgermeister von Rotthalmünster, Provinz, Grenzland zu Österreich. Es gibt ein paar Probleme: Die jungen Leute ziehen weg, die alten sterben, mit ihnen die Vereine, die Chöre, die Höfe, die Kultur.

Söder hat das begriffen und in einen Slogan übersetzt: "Die kulturelle Stabilität Bayerns wird nicht in Münchens Stadtmitte entschieden." Sein Heimatministerium hat einen großen Behördenumzug angeschoben, mehr als 50 Institutionen, gut 3.000 Jobs, werden in die Regionen verlagert. Der Landkreis Main-Spessart bekommt das Krebsregister, Kulmbach ein Kompetenzzentrum Strahlenschutz, Neustadt an der Aisch das Landesluftbildarchiv, Mittenwald das Beschussamt Südbayern für Waffen-, Böller- und Munitionsprüfungen. Außerdem verteilt Söder 1,5 Milliarden Euro, damit auch das kleinste Dorf ans schnelle Breitband-Internet angeschlossen wird.

Jetzt sollen die Bürgermeister Schönmoser und Hofer ihre Internet-Förderbescheide erhalten.

"Was ich an Söder schätze: Der hält, was er verspricht", sagt Schönmoser.

"Er ist in der Fläche präsent", sagt Hofer.

"So wird natürlich auch überall über ihn geredet", sagt Schönmoser.

Söder ackere wie ein Besessener, sobald er ein Thema entdeckt habe, sagen ehemalige Mitarbeiter: "Er ist nicht Schöpfer, eher Hebamme." Sein Personalverschleiß sei enorm, Zuarbeiter schieden mit Magenproblemen und Schlafstörungen aus, der Mann habe eine Kanzler-Konstitution, manchmal rufe er um drei Uhr nachts an, um Ideen zu besprechen. So treibt der Getriebene die anderen vor sich her. Abends um sieben liest er auf seinem iPad die Süddeutsche Zeitung des nächsten Tages, von Mitternacht an Bild. Nach eigener Aussage wacht er morgens zwischen fünf und sechs Uhr auf, ohne Wecker, und klickt sich durch die Online-Ausgaben der Regionalzeitungen, ehe er im Ministerbüro noch mal im Pressespiegel prüft, was die Journalisten über ihn geschrieben haben.

Seit einiger Zeit nimmt Söder auch noch Englischstunden; wenig ist für einen Politiker peinlicher als öffentliches Denglisch-Gestammel, ewig abrufbar auf YouTube.

Ist es egal, aus welchem Antrieb jemand etwas tut? Unterscheiden sich eine Politik des Gefallenwollens und eine Politik des Gestaltenwollens am Ende gar nicht so sehr?

Im Landratsamt Passau läuft Söder grußlos an mehreren Asylbewerbern vorbei, die auf Wartebänken im Erdgeschoss hocken. Im holzgetäfelten Sitzungssaal, wo die Bürgermeister Schönmoser und Hofer neben drei Amtskollegen warten, geht er wieder in den breitbeinigen Ronaldo-Stand und sagt, er sorge für schnelles Internet in Bayern, "während man sich in anderen Bundesländern noch mit Rauchzeichen verständigt".

Dann ruft er die Bürgermeister nach vorn. Urkundenübergabe, eine Fotografin beugt sich in die Szene, Söder schiebt Schönmoser und Hofer zurecht: "Kommen S’ her ... nehmen S’ den Förderbescheid in die Hand ... so passt’s." Das Bild, erfahren die Bürgermeister, können sie sich später von der Homepage des Ministeriums herunterladen. Lächeln, Klick, Blitz. In diesem Moment ist Rotthalmünster um 132.000 Euro reicher, Malching um 284.000. Und der Minister wird bald, als Foto, in einigen Amtsstuben mehr hängen.

So schafft Söder politische Win-win-Situationen – für sich und für jene Mehrheit im Land, die ihm eine Mehrheit garantiert. Er macht das derart offensichtlich, so un-verschämt im ursprünglichen Wortsinn, dass er wie der letzte Ehrliche unter lauter lauernden Strategen wirkt. In Bayern ist so ein Anachronismus zukunftsfähig.

September, München. Ein heißer Sommer geht zu Ende, auf einigen Feldern ist das Getreide verdorrt. In der königlichen Residenz wird der 100. Geburtstag des Ur-Urviehs Franz Josef Strauß gefeiert. Die ganze "Zesu" kommt zusammen. Minister, Landräte, Kreisvorsitzende. Aus der Parade der Anzugträger ragt Markus Söder. Den Termin beim Papst musste er absagen. Söder hatte schon einen festen Tag im Kalender stehen, sollte dann aber zur selben Zeit über den Länderfinanzausgleich verhandeln. Sein Team stornierte die Flüge nach Rom und musste zusehen, wie Ilse Aigner im Vatikan auftauchte. Söder? Schaltete derweil freies WLAN am Chiemsee frei, schrieb für Spiegel Online einen Gastbeitrag über Strauß, besuchte Winzer in Franken und ließ das Land per Twitter wissen: "#Steuerhilfen für #Landwirte wegen der #Dürre. Wir lassen unsere Bauern nicht im Stich."

Fast so, als sei ein Treffen mit dem Papst eh nur Zeitverschwendung.

In der Residenzkirche in München strömt das Parteipublikum in die Bänke. Ganz vorn: der Ministerpräsident. In den Reihen dahinter suchen Aufstrebende und Absteigende ihre Plätze. Der ausgebootete Peter Ramsauer schafft’s noch in Reihe vier, der abgesägte Innenminister Hans-Peter Friedrich nur in die zehn. Ilse Aigner hat ausrichten lassen, dass sie später kommt. Markus Söder sitzt in der zweiten Reihe, schräg hinter dem Ministerpräsidenten. Eine Perspektive, hervorragend für die Fotografen und für ihn.

Markus Söder und Marke Söder sind jetzt ganz nah dran.