Man kann in München, in einem Separee des Landtagsrestaurants, mit Margarete Bause sprechen, Fraktionschefin der bayerischen Grünen. Die sagt, Söder sei "ein Machtpolitiker in Reinkultur. Der hat keine inhaltliche Überzeugung, die ihn hindert, seine Machtspielchen zu betreiben. Ein ganz Verbissener." Was Gegner eben so sagen.

Man kann in alten Nürnberger Lokalzeitungen nachlesen, wie Söder in seinem ersten Landtagswahlkampf mit Parteifreunden Stimmung gegen eine Flüchtlingsunterkunft machte und ein Bürgergespräch organisierte zu der Frage: "Was können wir gegen das Asylbewerberheim tun?" Linke Gruppen nannten das auf einem Plakat Rassismus, Söder erstattete Anzeige und verlor in zweiter Instanz. Die Wahl gewann er.

Man kann dem Hinweis eines frühen Weggefährten folgen, der rät, sich im Archiv des Bayerischen Rundfunks die Fernsehbeiträge anzuschauen, die Söder zwischen 1992 und 1994 als Volontär und Redakteur verfasste und die "skrupellos CSU-Meinungen" wiedergäben. Es finden sich Drei-Minuten-Sequenzen wie Streitfall Europa, in der Bayerns damaliger Ministerpräsident Stoiber – Söders Mentor – nach Brüssel reist, um dort "die überzogene Bürokratie zu kritisieren". Unterlegt sind die Stoiber-Szenen mit dem Popsong Eye of the Tiger, der Hymne des Boxfilms Rocky III.

Und dann sitzt da ein Mann Mitte 50 in einem Nürnberger Biergarten und sagt, Söder sei ein "charakterloser Mensch", das solle man bitte auch so schreiben.

Peter Dilling sieht sich als Söders erstes Opfer in der Politik. Sollten Michael Friesers Erinnerungen von Nostalgie weichgezeichnet sein, sind seine von Hass gehärtet. Dilling führte die Junge Union in Nürnberg an, als Söder dort auftauchte. An inhaltliche Impulse des Neuen kann er sich nicht erinnern. Wurde gegrillt, habe Söder die Wurst besorgt, nicht mehr und nicht weniger. "Der ist nicht dadurch aufgefallen, dass er was Neues gemacht hätte, der hat engagiert ausgeführt", sagt Dilling. "Und der war immer da. Andere sind bei schönem Wetter auch mal ins Freibad gegangen."

Dilling, dünnes rotes Haar, rahmenlose Brille, kariertes Hemd, nippt an einer Apfelschorle und verjagt ein paar Wespen. Ende der Achtziger, als er zum Bezirksvorsitzenden der JU aufstieg, ein Amt, in dem man bis München wahrgenommen wurde, machte er den Immer-da-Söder zu seinem Geschäftsführer, ein Posten für loyale Seelen. Als Dilling später einen Job bei der Bundesanstalt für Arbeit antrat und für ein Jahr auf Lehrgänge geschickt wurde, habe Söder ihn nicht vertreten, sondern "Stimmung gemacht: Unser Bezirksvorsitzender ist ein Ausfall, unser Bezirksvorsitzender ist nicht präsent und so."

Fingerhakeln statt Unterhaken?

Söder bestreitet Dillings Darstellung. Der JU-Chef sei "wochenlang nicht erreichbar" gewesen. Dilling wiederum behauptet, nach langem Kampf habe er zermürbt aufgegeben und zugesehen, wie Söder an seiner Stelle immer weiter aufstieg. Dessen Weg habe ihn nicht verwundert: "Söder war schon damals auf Parteilinie. In der CSU sind inhaltliche Debatten nebensächlich. Es wäre naiv, zu glauben, dass man sich in einer derart dominanten Partei mit dem politischen Gegner auseinandersetzt. Da geht es den meisten um Posten."

Hin und wieder, sagt Dilling im Biergarten, schaue er sich im Internet Söders Facebook-Seite an, "aber nur mit Kotztüte". Manchmal frage er sich, ob er zu schwach gewesen sei für den "gnadenlosen politischen Darwinismus", ob Söder einfach stärker war.

Er findet aber: Söder war nur "skrupelloser".

Schon wieder dieses Wort. Wer ehemalige Begleiter zu Söder befragt, hört es häufig.

Markus Söder betont immer wieder, dass er in einfachen Verhältnissen aufgewachsen sei, in einem "Nürnberger Arbeiterviertel".

Das Navi führt in eine Straße, in der kleine Häuser in kleinen Gärten stehen. Söder verbrachte seine Kindheit in einer linken Doppelhaushälfte. Vor der Tür eine große Magnolie, die Fassade aus grobem Putz, am Klingelschild inzwischen ein slawischer Name.

Im Nachbargarten rechts ein ergrautes Ehepaar.

"Ja, der Markus!"

Die beiden sprechen ähnlich wohlwollend-kritisch über Söder wie dessen Lehrer. Sie würden ihn sofort zum Ministerpräsidenten wählen, obwohl sie ein bisschen sauer waren, als Söder ihr Viertel runterredete.

Den Markus, erinnert sich die Frau, habe man zu zweit wickeln müssen, "so zappelte der".

Der Markus, erinnert sich der Mann, habe sich als Kind "so gut wie nie dreckig gemacht".

Am Vater habe das gelegen, sagen beide, "vor dem Vater musste der Markus parieren", der Vater habe die Familie wie ein Patriarch regiert, mit wenigen Worten und noch weniger Zärtlichkeiten. Vor den Kindern habe Söders Mutter den Vater "Chef" genannt: Seht zu, bevor der Chef heimkommt. Wascht euch, bevor der Chef da ist.

Max Söder, der Maurer, ging morgens früh um halb sechs aus dem Haus und kam abends gegen sieben wieder. Dann blieb er oft stumm auf der Straße stehen und schaute, ob Fenster, Fassade und Dach noch in Ordnung waren. Nie habe der Vater mit dem Sohn Markus und der Tochter Heike im Garten gespielt, sagen die Nachbarn. Markus sei fast jeden Tag zu ihnen gekommen, anfangs ins Planschbecken, später zum Tischtennis.

Mit 16 dann, sagen die Nachbarn, "verschwand der Markus in die Politik". Auf seinem Fahrrad, daran ein Anhänger voller Wahlplakate. Das ist das stärkste Bild, das sie von ihm haben.

Söders Dienstwagen rauscht mit Tempo 180 durch die Nacht, wieder ist einer von 1200 Terminen erledigt, dieses Mal ein heikler. In Coburg hat der Minister ein Samba-Festival eröffnet. Vor rund 10.000 Menschen stand Söder in senfgelbem Anzug auf der Bühne und wurde von einer Brasilianerin umsprungen, die kaum mehr trug als ein paar Federn. Trommler trommelten, Tänzer tanzten, Söder söderte ins Mikrofon: "Im Grunde genommen ist der Franke ein totaler Brasilianer. Er zeigt’s nur nicht!"

Der Minister, vom Körperbau her eher ein Bär, hätte auf der Bühne viel falsch machen können, zu steif rumstehen oder zu schwungvoll mitgehen, auf Neudeutsch: over- oder underperformen . Also kniete er sich galant wie ein Verehrer vor die Halbnackte und schaffte es, weder blöd noch geil zu gucken. Als seine Sprecherin im Publikum die Germany’s next Topmodel- Siegerin Sara Nuru und die brasilianische Multitasking-Moderatorin-Sängerin-Schauspielerin-Fitnessqueen Fernanda Brandão entdeckte, schob sie ihren Chef zwischen die zwei Frauen und machte schnell ein Foto von den dreien: Markus Söder, 12 955 Likes auf Facebook, Sara Nuru, 102 844 Likes auf Facebook, und Fernanda Brandão, 482 651 Likes auf Facebook.

Wollte jemand den Minister fotografieren, stellte er sich zum Selfie auf.

Begegnete der Minister einem Kind, fragte er: "Wie heißt du?"

Max.

"Das ist ein schöner Name."

Leonie.

"Das ist ein schöner Name."

Jannis.

"Das ist ein schöner Name."

Söder spricht, aber er sucht nicht das Gespräch. Und er wird auch nicht darum gebeten.