Der Bezirk Grunewald in Berlin gehört nicht zu ärmsten Wohngegenden Deutschlands. Wer hier lebt, muss als Immobilienmakler, Botschafter, Kunsthändler oder zumindest als Kunstfälscher sein Brot verdienen, mit sogenannter anständiger oder ehrlicher Arbeit lässt sich hier nicht viel ausrichten. Die zum Teil überdimensional großen und nicht ausschließlich hässlichen Gebäude werden von Stiftungen bewohnt, die früh schlafen gehen. Früher haben hier Künstler gewohnt, viele von ihnen Juden, die man nach 1933 verjagt hat. Auch Samuel Fischer, der Verleger aus der Liptau, hatte hier sein gastliches Haus, um die Ecke wohnte der Filmregisseur Friedrich Wilhelm Murnau, daneben Engelbert Humperdinck, der sich den Garten mit Isadora Duncan geteilt hat.

Das Geld, das man auch im Grunewald braucht, wird am Leib getragen, eine Bank gibt es hier nicht. Dafür einen Edeka-Supermarkt, in dem alles zu haben ist, auch der bekannte toskanische Hauswein für 2,99 Euro pro Liter, der bereits mit mehreren Goldmedaillen ausgezeichnet wurde. In diesem Supermarkt kommt Europa zu sich selber, es gibt tatsächlich alles, was zwischen Island und Apulien hergestellt wird. Der Dallmayr-Kaffee wird gewissermaßen hinter Schloss und Riegel angeboten, und auf meine Frage, warum er nicht frei verkauft wird wie Shampoo, Tomaten und Zahnseide, heißt es, dass er in großem Umfang gestohlen wurde. Im Grunewald wird Kaffee gestohlen, das war mir neu.

Zwischen dem Supermarkt und dem kleinen S-Bahnhof liegt der Floh, eine winzige Kneipe, in der sich alle Menschen treffen, die nicht so recht in die drei gehobenen "Italiener" passen, wo mit Stoffserviette gegessen wird. Der Floh ist der einzige Ort im Grunewald, wo noch Alt-Berlinisch gesprochen wird. Gott allein weiß, wo die Menschen wohnen, die sich hier Abend für Abend am Stammtisch treffen und zum Beispiel folgende Dialoge führen: "Ick zahl doch nich Kirchensteuer, dass der Tebatz vonne Elz in joldene Pissbecken pinkeln kann!" Der Nachbar: "Ick dachte, du bist evangelisch?" – "Wat hat dat denn damit zu tun?"

Der Grunewald ist schwer polyglott, neuerdings wird in vielen der Villen auch Russisch gesprochen. Die anderen Sprachen werden im Wissenschaftskolleg gepflegt, das in der Wallotstraße untergebracht ist. Direkt gegenüber erinnert ein Gedenkstein daran, dass hier Walther Rathenau erschossen wurde. Drei Monate durfte ich an diesem wunderbaren Institut leben und arbeiten, dessen Mitarbeiter einen Freundlichkeitstest absolviert haben müssen, denn in keiner anderen deutschen Institution bin ich so vielen hilfsbereiten und aufmerksamen Menschen begegnet. Diese Freundlichkeit ist so überwältigend, dass auch die Fellows davon angesteckt werden, die aus aller Welt anreisen, um hier ein Jahr zu arbeiten. In meinen drei Monaten habe ich nie ein böses Wort gehört, auch die, die schon länger da sind, grüßen einander immer noch mit Herzlichkeit, von Neid ist nichts zu spüren.

Zu den wenigen Pflichten der Fellows gehört es, an der gemeinsamen Mittagstafel teilzunehmen. Da sitzt man plötzlich neben einem, der alles über Stalin weiß, und einer, die von der Unersetzlichkeit der Viren für unser Leben überzeugt ist, während ein Dritter dem Selbstbewusstsein auf die Spur kommen will. Für einen Schriftsteller, der sich eigentlich für alles interessiert, ist das Wissenschaftskolleg ein Paradies. Ob es zwischen den Wissenschaftlern in diesem Paradies auch zu einem erotischen Apfelessen kommt, konnte ich in der mir zugemessenen kurzen Zeit nicht feststellen.

Ich hatte das Glück, mehrere Male neben der Philosophin Barbara Hahn sitzen zu dürfen, die nicht nur klug ist und viel weiß, sondern auch wunderbar lachen kann. Sie lehrt an der Vanderbilt University in Nashville, Tennessee, und hat den Plan einer Gesamtausgabe der Schriften von Hannah Arendt erarbeitet. Nach dem peinlichen Desaster mit dem Nachlass von Heidegger wurde ich hellhörig. Es gibt nicht nur keine Gesamtausgabe dieser Philosophin, es gibt nicht einmal halbwegs gesicherte Einzelausgaben. Zum Beispiel Eichmann in Jerusalem: Hannah Arendt hat eine erste Fassung geschrieben, die sie nicht publiziert hat. Dann eine zweite für den New Yorker, die von der Redaktion der Zeitschrift gehörig (oder ungehörig) umgeschrieben wurde. Diese Veränderungen hat sie für die Buchfassung wieder rückgängig gemacht, doch dann hat der Lektor wieder heftig eingegriffen. Mit anderen Worten: Das Buch ist nie so erschienen, wie sie es eigentlich wollte. Und das ausgerechnet bei einem Buch, bei dem es im Ton und im Stil auf Nuancen ankommt. Wenn man diesen traurigen Befund im Zusammenhang mit dem Briefwechsel zwischen Adorno und Scholem liest, wo Hannah Arendt nicht gut wegkommt, dann erhält man eine vage Vorstellung davon, was sich Barbara Hahn vorgenommen hat.

Bisher wurden die Arbeiten an der Gesamtausgabe, die auch digital zugänglich gemacht werden soll, von der Hamburger Stiftung für Wissenschaft und Kultur unterstützt, aber das ist nur ein Tropfen auf einen heißen Stein. Jetzt hat Barbara Hahn einen Antrag auf ein Langzeitvorhaben bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft gestellt, das zwölf Jahre laufen soll. Am Ende wissen wir vielleicht, auf welche Weise zum Beispiel Mary McCarthy, die Freundin Hannahs, in deren letztes Buch eingegriffen hat, The Life of the Mind, das sie dreimal in der Mangel hatte.

Dann ist das (übrigens immer gute) Essen vorbei, der Espresso getrunken, alle trollen sich, um wieder Stalin, den Viren, dem Selbstbewusstsein oder eben Hannah Arendt auf die Schliche zu kommen. Hoffentlich kriegt sie das Geld, denke ich beim Hinausgehen, denn da sie keine Kettenraucherin ist wie Hannah Arendt, kann sie das Erscheinen dieser mehr als notwendigen Edition noch erleben. Auch wenn dann Adorno und Scholem im Grabe rotieren.