Die Idee ist einfach: journalistische Artikel nicht mehr auf Papier, sondern online lesen. Sich nicht mehr für ein oder zwei Publikationen entscheiden müssen, sondern einzelne Texte aus 37 Magazinen und Zeitungen (darunter auch die ZEIT) auswählen können. Mit diesem Konzept will Blendle nun auch die deutschen Leser überzeugen.

In dieser Woche endet die sogenannte Betaphase, so nennt man in der Digitalindustrie den ersten Versuch mit ausgewählten Kunden. Am kommenden Montag startet das Portal offiziell in der gesamten Bundesrepublik. Einige Hundert Menschen haben Blendle in den vergangenen Wochen getestet. Zahlen darüber, welche Publikationen vor allem gelesen wurden, wie lang die durchschnittliche Textlänge ist und wie viel Nutzer fürs Lesen ausgeben, liegen der ZEIT nun vor.

Blendle-Leser mögen vor allem gut recherchierte Texte. "Qualitätsjournalismus wird bei uns besser angenommen als Boulevardzeitungen", sagt Mitgründer Alexander Klöpping. So werden Texte aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) wesentlich mehr gelesen als solche aus der Bild am Sonntag (BamS), die mit rund 8,5 Millionen Lesern Deutschlands größte Sonntagszeitung ist. Ähnliches lässt sich auch fürs Lokale feststellen: Artikel aus dem Berliner Tagesspiegel werden öfter gekauft als die aus der BZ.

Unter den zehn meistgelesenen Texten sind Interviews (unter anderem aus der Süddeutschen Zeitung über die Veröffentlichung von Kundendaten des Seitensprungportals Ashley Madison), Analysen und Essays ( Die Wohlstandsillusion aus dem Magazin Cicero ). "Blendle ist keine Plattform für schnelle Nachrichten", sagt Alexander Klöpping. Die deutschen Leser mögen vor allem lange Texte, im Durchschnitt lesen sie Artikel mit 1.000 bis 1.500 Wörtern; das entspricht mehreren DIN-A4-Seiten. In den Niederlanden – wo Blendle vor gut einem Jahr startete und inzwischen 400.000 Nutzer hat – bevorzugen die Leser dagegen wesentlich kürzere Texte.

Am meisten hat Klöpping überrascht, wie viel Geld die deutschen Nutzer für Journalismus ausgeben – oder wie optimistisch sie auf das Onlineangebot zugehen: Sehr viele hätten innerhalb der ersten Stunde nach Anmeldung ihren Account mit 50 Euro aufgeladen. In den Niederlanden waren es nur zwischen 5 und10 Euro. Leser zahlen pro Artikel, wie teuer der ist, entscheidet der jeweilige Verlag. Gefällt ein Artikel nicht, erstattet Blendle dem Leser den Betrag zurück. "Das Produkt muss stimmen, dann zahlen die Leute auch", sagt Alexander Klöpping. "Vor zehn Jahren hätte niemand für einzelne Musiktitel gezahlt, seitdem es Spotify gibt, tun die Menschen es."

Für Blendle werden er und sein Mitgründer Marten Blankesteijn Anfang Oktober in Hamburg mit dem scoop Award ausgezeichnet. Der Preis ehrt besondere Leistungen in Journalismus und Technologie.