Es war schon eine Weile her, dass Stefanie Maier sich Aktien des Unternehmens Gernereich AG gekauft hatte. Ein paar Tausend Euro hatte sie investiert, und das schien sich zu lohnen – das Unternehmen zahlte nette Dividenden. Dann kam der Sommer 2014, es kam der Urlaub, und da Stefanie Maier keine von denen ist, die jeden Tag den Kurs ihrer Aktien checken, bekam sie nicht mit, was dann geschah. Als sie einige Zeit später mal wieder ihre Anlagen inspizierte, stellte sie mit Erschrecken fest, dass die Gernereich AG – schwupp – in der Zwischenzeit von der Börse verschwunden war. Die Aktien wurden nicht mehr gehandelt.

Erbost rief die Anlegerin – die in Wirklichkeit anders heißt, wie die Firma auch – beim Unternehmen an. Sie bekam den Vorstandschef an die Strippe, der sich generös dazu bereit erklärte, mal intern herumzufragen, wer die Aktien vielleicht kaufen würde. "Wie viel woll’n Se dafür ham?", fragte er. Der Manager bot ihr irgendwann ein paar Euro pro Aktie, doch das war weit weniger, als Maier einst dafür bezahlt hatte. Ihr Problem: Die Aktionärin sitzt am kürzeren Hebel.

"Ich habe es selbst leicht verschusselt", räumt Stefanie Maier ein, als sie ihre Geschichte erzählt. Zudem war das Unternehmen nicht Siemens, es war eine kleine Firma, die an der Frankfurter Wertpapierbörse im Entry Standard notiert war, wo weniger strenge Vorschriften gelten als im sogenannten regulierten Markt. Eine Aktie also, bei der man vielleicht etwas häufiger etwas genauer hinschauen sollte. Allerdings konnte Maier sich auch "einfach nicht vorstellen", dass ein Unternehmen quasi über Nacht von der Börse verschwinden kann, binnen Wochen, ohne Hauptversammlung, ohne Abfindungsangebot. Der Chef versicherte, es habe ein Anschreiben mit Angebot gegeben, doch zumindest bei Stefanie Maier ist dieses nie angekommen. "Das Delisting hat mich auf dem falschen Fuß erwischt", beklagt sie heute.

Da predigen Experten seit Jahren, dass die Deutschen mehr in Aktien investieren sollten – und dann das? So wie Maier ist es in der jüngeren Vergangenheit vielen Kleinaktionären ergangen. Dutzende Unternehmen haben 2014 und 2015 mehr oder minder klammheimlich die Börse verlassen, und das oft ohne ihren Aktionären ein Angebot für ihre Anteile zu unterbreiten. Denn das ist neuerdings erlaubt. Anleger und Aktionärsschützer sind empört, schlagen seit Monaten Alarm. Derart aufgescheucht, plant die große Koalition in Berlin gerade hektisch eine Gesetzesänderung. Am Montag dieser Woche war das Delisting – so heißt das Verlassen der Börse im Fachjargon – Thema im Finanzausschuss des Bundestages. Schon im Oktober oder November könnte die Neuregelung in Kraft treten.

Ihre Wurzeln hat die aktuelle Wildwestpraxis in einem 180-Grad-Schwenk des Bundesgerichtshofs (BGH). Noch 2002 hatte dieser entschieden, dass es der Schutz des Eigentums erfordere, dass die Aktionäre über einen Widerruf der Börsenzulassung zu entscheiden hätten und ihnen ein Pflichtangebot zu machen sei. Die Abfindung musste demnach angemessen und in einem Spruchverfahren überprüfbar sein. So wurde es gehandhabt, allerdings um den Preis, dass ein Verlassen der Börse und der Streit um die Abfindung teils jahrelange juristische Hakeleien nach sich zog.

2012 änderte sich die Lage. Damals entschied das Bundesverfassungsgericht, dass der Schutz des Eigentums im Fall von Aktien nur bedeute, dass der damit verbundene rechtliche Anspruch sichergestellt sein müsse. Dass eine Aktie handelbar sein muss, fiel nach Meinung des höchsten deutschen Gerichts nicht darunter. Und so vollzog der BGH im Oktober 2013 im "Frosta-Urteil" eine Kehrtwende und beschloss für Aktien des regulierten Markts: Hauptversammlung, Abfindungsangebot – weg mit der Pflicht. Ein Aktionär ist ja auch noch Aktionär, wenn das Unternehmen nicht mehr an der Börse ist. Er wird sein Papier dann kaum noch los, aber das erschien den Richtern nachrangig.

Zwar darf der Widerruf einer Zulassung dem Börsengesetz zufolge "nicht dem Schutz der Anleger widersprechen". Seit dem Urteil reicht es aber aus, wenn dafür die lokale Börsenordnung Vorkehrungen trifft. Und die Frankfurter Wertpapierbörse, an der 498 Firmen im regulierten Markt gehandelt werden, schreibt nur vor, dass ein Rückzug erst sechs Monate nach Ankündigung wirksam werden darf, damit jeder, der will, seine Aktien noch verkaufen kann. Ähnliches gilt in Stuttgart. An der Börse München kann die Frist bis zu zwei Jahre betragen.

Nur die Börse Düsseldorf schreibt einen Hauptversammlungsbeschluss sowie ein Abfindungsangebot zwingend vor, wenn ein Unternehmen den regulierten Markt komplett verlassen will. Eine Schonfrist reiche nicht. "Der BGH begründete sein Urteil auch damit, dass ein Delisting keinen Kursverlust der Aktie nach sich ziehe. Das ist in der überwiegenden Zahl der Fälle nicht korrekt", sagt Thomas Dierkes, Mitglied im Vorstand der Börse Düsseldorf. "Nehmen Sie Strabag: Binnen zwei Tagen nach der Ankündigung waren über 70 Millionen Euro an Marktkapitalisierung weg."