Kreuzfahrt haben sie es damals nicht genannt, allerdings auch nicht Cruise wie in Cruise Days, dem Hamburger Luxusspektakel, das nun noch eine Woche lang läuft. Nein, die erste Kreuzfahrt der Geschichte war eine "Excursion nach dem Mittelmeer und dem Orient" an Bord des deutschen Schnelldampfers Augusta Victoria. Und da diese Kreuzfahrt als ein Hamburger Unternehmen begann, vor nunmehr 125 Jahren, sind die diesjährigen Cruise Days eine Jubiläumsveranstaltung, auch wenn das nur wenigen ihrer Besucher bewusst sein dürfte.

Ja, die Kreuzfahrt wurde in Hamburg erfunden, und, ja, ihr Erfinder galt den Zeitgenossen weniger als visionär denn als verrückt.

Albert Ballin war mit seinen 33 Jahren der jüngste Direktor der Hamburg-Amerikanischen Packetfahrt-Actiengesellschaft, der Hapag. Im Herbst 1890 sah er eine Chance, wo seine Reederei ein Problem hatte. Mit der Augusta Victoria hatte die Hapag im Vorjahr den ersten deutschen Doppelschrauben-Schnelldampfer in Dienst gestellt. Doch das 144 Meter lange Renommierschiff lag im Winter nutzlos auf Reede, kostete also viel und brachte nichts ein. Die Reisenden mieden den grimmigen Nordatlantik zur Sturmsaison – ein Problem, das durch das viel bewunderte Interieur des neuen Hapag-Flaggschiffs noch verschärft wurde. Selbst die Reederei räumte es ein: "Die verwirrende, sich selbst bespiegelnde Pracht der Säle, dieser bildgewordene Rausch des Rokkoko, war durchaus kein Trost, sondern eher das Gegenteil für nicht seefeste Passagiere."

In ruhigen Gewässern, so Ballins Überlegung, wäre die Pracht eher zu genießen. Folglich schlug er dem Direktorium vor, die Augusta im Winter ins Mittelmeer zu schicken – und zwar als "Lustschiff" für Vergnügungsreisende. Keine kurze Ausflugsfahrt sollte es werden, sondern eine gut organisierte zweimonatige Tour mit Landausflügen in dreizehn Häfen: die erste moderne Kreuzfahrt.

Eine Vergnügungsreise? Ballins ältere Kollegen trauten ihren Ohren nicht. Sie entstammten noch einer Epoche, da man die See nicht ohne Not herausforderte. Eine Schiffsreise sei ein "Gang ins Gefängnis mit der Aussicht zu ersaufen", wie ein zeitgenössischer Reiseführer es ausdrückte. Zwar hatten größere, sicherere und komfortablere Dampfer die Verhältnisse schon grundlegend geändert, zwar waren Schiffe wie die Augusta die ersten Vorläufer der schwimmenden Grandhotels von heute. Dennoch, der Gedanke, zum Vergnügen ein Schiff zu besteigen, erschien exotisch. Der gefürchtete Weg als lohnendes Ziel, der Horror als Urlaub? Einmütig erklärten die Direktoren den jungen Kollegen für verrückt: Kein Mensch würde für so etwas Geld ausgeben.

Ballin setzte sich durch. Die Reederei offerierte internationalen Reiseagenturen ihre "Excursion" – und traf den Zeitgeist: Ein wohlhabendes Publikum entdeckte eben das Fernreisen, der Orient war das Mode- und Sehnsuchtsziel, und so bequem war das Traumland noch nie zu erreichen gewesen. Die Nachfrage war enorm, längst nicht alle Interessenten konnten mitkommen.

174 "kühne Reisende", wie der mitfahrende Gastgeber Ballin sie nannte, versammelten sich schließlich am 22. Januar 1891, um in Cuxhaven an Bord zu gehen, unter ihnen 67 Damen, meist abenteuerlustige britische Ladys. Für brave deutsche Gattinnen und Töchter galten derlei Bildungsreisen noch als körperlich und geistig viel zu anstrengend und überdies als ungehörig. Diesen Standpunkt teilten der junge Hapag-Direktor und seine Frau Marianne allerdings nicht: Sie war mit von der Partie. Ebenso renommierte Journalisten, die Ballin – auch in Sachen PR ein Naturtalent – eingeladen hatte, um seine Premiere festzuhalten.

Die Reise kostete das mehrfache Jahreseinkommen eines Arbeiters

Bei strahlendem Winterwetter, bestaunt von der Bevölkerung Cuxhavens, gingen die Tourismuspioniere mit Sack, Pack und Dienerschaft an Bord. 2700 Goldmark kostete die Reise, das mehrfache Jahreseinkommen eines Arbeiterhaushalts. Dafür wurden die Reisenden Mitglieder einer klassenlosen Gesellschaft: Es gab nur eine erste Klasse.

In letzter Minute erhielt das ganze Unternehmen dann sogar allerhöchste Weihen. Kaiser Wilhelm II., seines Reiches wichtigster Trendsetter, weilte just in Cuxhaven, besichtigte spontan die Augusta und erteilte der Hapag seinen Segen: "Bringen Sie unsere Landsleute nur auf die See, das wird der Nation und Ihrer Gesellschaft reiche Früchte tragen!"