Wenn Mama in die Klinik muss, geben wir ihr etwas mit", sagt Nils. "Ich einen Teddybär." – "Und ich ein Elefantenetui", sagt Lisa. Und Anina, die Kleinste? "Eine dreckige Socke. Damit mich Mama nicht vergisst."

Nils, Anina und Lisa haben eine psychisch kranke Mutter. Sie sind nicht alleine. Laut einer Studie der Integrierten Psychiatrie Winterthur leben in der Schweiz 20.000 bis 50.000 schulpflichtige Kinder mit einem psychisch kranken Elternteil. 300.000 dürften es sein, wenn jene Eltern mitgezählt werden, die ihr Leiden verschweigen oder gar nicht wissen, dass sie krank sind. Von den ersten Symptomen bis zu einer allfälligen Diagnose kann es zehn Jahre dauern.

Doch wie erklärt man Kindern, warum die Mutter oder der Vater fortgeht? Und: Wer kümmert sich um sie?

Was gesunde Eltern fordert, kann kranke überfordern. Das weiß Nicole H., die Mutter der drei Geschwister. Die 41-jährige Berner Oberländerin kämpfte zwei Jahre lang gegen schwerste Depressionen. Verschiedene Antidepressiva, 14 Elektrokrampftherapien unter Vollnarkose und 30 Wochen Klinikaufenthalt brachten keine Linderung. Anzeichen von Lebensfreude zeigten sich erst, als das Narkosemittel Ketamin eingesetzt wurde. "Das hilft auch gegen Schmerzen, wenn jemand nach einem Unfall eingeklemmt im Auto sitzt", sagt Nicole H. Wie eingeklemmt – so hört sich auch ihre Schilderung der Krankheit an: bleierne Müdigkeit, abgrundtiefe Traurigkeit, Rückenschmerzen. Und in Gedanken dem Tod stets ein bisschen näher als dem Leben.

Daneben geht das Muttersein weiter. Nur trösten kann sie die Kinder nicht. Die Kinder trösten sie. Versuchen es zumindest: "Ich habe sie umarmt. Es hat nichts genützt", sagt der zehnjährige Nils.

Dabei hatte Nils Glück. Der Psychiater der Mutter erklärte ihm, warum seine Mama traurig ist. Das ist nicht selbstverständlich. Denn Kinder werden im Behandlungsplan nicht mitgedacht.

Schlaf, Appetit, Arbeit, Beziehung: Die Fragen der Ärzte decken alles Mögliche ab. Doch das Wohl der Kinder wird meist mit zwei Fragen abgehakt: "Haben Sie Kinder? Wie viele?" Für den Psychiater Thomas Ihde, Chefarzt der psychiatrischen Dienste der Spitäler Frutigen, Meiringen, Interlaken AG (fmi), reicht das nicht. Bei einer Tasse Tee am Bahnhof Bern sagt er: "Wenn es gut geht, weiß der Psychiater noch, wer die kleinen Kinder während eines Klinikaufenthalts betreut. Sind sie älter als zehnjährig, interessiert man sich aber kaum für sie. ›Sie sind ja groß genug‹, so die Vorstellung." Auch in Therapiemanualen seien Kinder oder Erziehungsfragen inexistent. Für ihn bräuchte es hier ein Umdenken. Er ist überzeugt, dass die Frage "Verlieren Sie häufig die Nerven mit Ihren Kindern?" zum Ausgangspunkt für wichtige Gespräche werden könnte.

Manche Therapierichtungen, etwa die systemorientierte, interessieren sich zwar für familiäre Zusammenhänge. Das Augenmerk werde dort aber auf erwachsene Kinder gelegt, welche die erkrankte Person unterstützen können. Dass Kinder von kranken Menschen selber Hilfe brauchen, wird nicht bedacht. Oder, wie Thomas Ihde sagt: "Da klafft eine Lücke im System."

"Wenn es ein bisschen schlimm ist, also recht schlimm, geht man in die Klinik"

Wie hilflos Kinder sein können, wenn sie mit dem Leiden ihrer Eltern allein gelassen werden, zeigen Gespräche mit Erwachsenen, die vor Jahren selbst Betroffene waren. "Er redete zehn Tage am Stück kein Wort mit uns." – "Sie legte mir ihre eigene Todesanzeige vor: Ort, Trauerspruch, alles drin." – "Hatte ich nachts Angst, stellte er mir zur Beruhigung ein Gewehr neben das Bett." Manche realisierten erst nach dem Auszug aus dem Elternhaus, dass das, was sie erlebt hatten, eine Ausnahmesituation war: "Sie kochte in einer leeren Pfanne das Essen für Gäste, die nicht kamen." – "Sie nahm mich nicht ein einziges Mal in die Arme." Manche wussten um das Leiden ihrer Eltern, schwiegen aber aus Scham oder weil Reden verboten war. "Ich stahl auf dem Schulweg Früchte, weil ich mich schämte für mein leeres Znünitäschli." Andere mussten erleben, dass psychische Krankheiten tödlich enden können: "Sie lag tot im Bad. Auf dem Tisch ein Zettel: Ich muss gehen."