Es kommt nicht oft vor, dass man Zeitzeuge eines kollektiven Gefühlstaumels wird. Der Mauerfall 1989 war solch ein Moment, die Fußball-WM 2006 in Deutschland, zu Jahresbeginn der Terroranschlag auf Charlie Hebdo in Frankreich ... Jetzt bescheren uns die massenhaft einreisenden Flüchtlinge wieder solch einen Moment: Wir erleben in Echtzeit, wie sich die Gefühle eines ganzen Landes synchronisieren – mit allen Folgen, die das mit sich bringt.

Derzeit variiert die vorherrschende Gefühlslage zwischen Betroffenheit und Hilfsbereitschaft. Allerorten erlebt man Helfer, die sich selbstlos für die Neuankömmlinge einsetzen und mit Hingabe Kleidung, Spielzeug und Arzneimittel sortieren; man sieht freundliche Polizisten, die dem Ansturm der Flüchtlinge mit Gelassenheit und deutscher Gründlichkeit begegnen; und staunend registriert man, wie plötzlich von Bild bis Tagesschau eine große Koalition der Empathie entsteht.

Sicher bringt die ungewohnte Situation auch hässliche Emotionen hervor – wie im sächsischen Heidenau und überall dort, wo sich vor den Flüchtlingsheimen Angst, Wut und Aggression entladen. Doch diese bestimmen nicht die landesweite Stimmung, wie sie in Fernsehsendungen, Sozialen Netzwerken, lokalen Initiativen und politischen Reden derzeit hundertfach beschworen wird. Die Mehrheit scheint entschlossen, dem Klischee vom hässlichen Deutschen diesmal etwas entgegenzusetzen, und auch Angela Merkel hat den historischen Moment erkannt: Spät, aber gerade noch zum rechten Zeitpunkt, hat sie Anfang der Woche die Flüchtlingsfrage zur "nationalen Herausforderung" erklärt und die Hilfsgelder aufgestockt. Damit bewies sie wieder einmal ein feines Gespür für die aktuelle Stimmungslage (ähnlich wie schon nach Fukushima, als die Akzeptanz für die Kernkraft landesweit kippte und Merkel kurzerhand den Atomausstieg ausrief).

Denn auch wenn Politiker sich gern auf sachliche Argumente berufen, wird ihr Handeln doch ebenso von den Stimmungen und Emotionen der Wähler beeinflusst – und umgekehrt.

Man könnte Politiker auch mit Surfern vergleichen, die auf den Gefühlswogen gleiten müssen. Und Angela Merkel ist bei aller kühlen Rationalität eine Meisterin im Erkennen jener Wellenberge, auf die es wirklich ankommt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 37 vom 10.09.2015.

Häufig sind es eben nicht nüchterne Argumente, die dem eigenen Handeln die Richtschnur vorgeben, sondern eher intuitive Einsichten, die im Unbewussten reifen und sich zunächst eher als vages Gefühl äußern. Der Philosoph Martin Hartmann hat dies einmal am Beispiel von Huckleberry Finn beschrieben, dem Helden unserer Kindheit: In Mark Twains Abenteuergeschichte befreit nämlich Huck seinen Freund Jim aus der Sklaverei, hat aber große Gewissensbisse, weil er mit den damals gültigen Normen bricht. In einer von Sklaverei geprägten Zeit muss Huck sein eigenes Verhalten, rein rational betrachtet, falsch vorkommen. Sein Mitgefühl jedoch bringt ihn dazu, Jim zu helfen, auch wenn das seiner Vernunft zuwiderläuft.

"Es ist, als kündigte sich in seinem noch unartikulierten Mitgefühl eine von mehr Gleichberechtigung charakterisierte Welt an, für die weder er noch seine Umgebung schon Worte, geschweige denn etablierte Praktiken haben", kommentiert Hartmann. Das Gefühl werde hier nicht zum Gehilfen oder Ersatz der Ratio, sondern "zum einzigen Ort einer noch gar nicht praktisch gewordenen Vernunft" (ZEIT Nr. 37/12).

Die Ratio liefert in solchen Fällen erst im Nachhinein jene Argumente, die den zuvor intuitiv getroffenen Entschluss rechtfertigen. Oder wie der kanadische Psychotherapieforscher Leslie Greenberg treffend formuliert: "Emotionen legen die Probleme fest, die die Vernunft lösen muss."

Emotionen unterscheiden sich aber in noch einer Eigenschaft von Gedanken: Sie sind sehr viel ansteckender. Als etwa Albert Einstein seine Relativitätstheorie entwickelte, sprangen seine Ideen nicht automatisch auf seine Haushälterin über; den Ärger über Rückschläge und die Freude über die Vollendung der Theorie hat sie hingegen sehr wohl mitbekommen und vermutlich geteilt.

Auch wer im Fernsehen eine anrührende Flüchtlingsreportage sieht, wer gemeinsam mit anderen im Fußballstadion jubelt oder angesichts einer Großkundgebung massenhafte Trauer verspürt (wie nach dem 11. September oder dem Anschlag auf Charlie Hebdo), kann die Erfahrung dieser "emotionalen Ansteckung" machen: Man wird dabei von den Emotionen seiner Mitmenschen auf eine Weise berührt, ja mitgerissen, die sich unserer Kontrolle entzieht und uns umso stärker ergreift.

Als einer der Ersten sprach der Soziologe und Philosoph Max Scheler 1913 von "Gefühlsansteckung". Doch erst in den letzten Jahren wurde sie zum bevorzugten Gegenstand psychologischer Forschung. Dabei zeigt sich: Tatsächlich können die Gefühle anderer Menschen – ähnlich wie Grippeviren in einer vollen U-Bahn – auf uns überspringen und uns gegen unseren Willen ergreifen.