Es gibt Tage, da bilden sich vor den Schaltern der Western-Union-Filiale am Belgrader Bahnhof lange Schlangen. Bis auf die Straße hinaus stehen die Flüchtlinge, die vor der letzten Etappe ihrer Reise nach Europa stehen. 170 Kilometer sind es von der serbischen Hauptstadt bis an die Grenze zu Ungarn. Die Strecke ist schnell zurückgelegt, mit Bussen, mit Zügen und manchmal auch mit dem Taxi. Doch die Kosten sind schwer zu kalkulieren. Wem muss man wie viel bezahlen? Die Preise variieren, je nach Zeit und Umständen, nach Schleppern und Schleusern.

Viele Flüchtlinge, die es bis nach Belgrad geschafft haben, holen bei Western Union Geld ab, das ihnen Verwandte schicken. "An manchen Tagen", sagt der Leiter der Filiale, "zahlen wir mehrere Hunderttausend Euro aus." Diese Summen machen klar, welcher Druck auf den Migranten lastet. In ihnen kommen die verschiedenen Motive für die Flucht nach Europa zusammen, die Not und das Elend, die Ausweglosigkeit ebenso wie die Hoffnung.

Es gibt syrische Familien, die alles verkauft haben, um ihre Flucht zu finanzieren. Es gibt junge afghanische Männer, die von ihrer weit verzweigten Verwandtschaft kleinere Beträge erhalten haben, bis es für die Reise reichte – gewissermaßen die Investition einer Gemeinschaft in einen jungen Mann. Weil die Reise gefährlich ist und man zum Beispiel ausgeraubt werden kann, versuchen viele, das Geld über mehrere Etappen zu verteilen. Die Western-Union-Filiale in Belgrad ist so etwas wie die letzte Auszahlungsstelle vor den Toren Europas.

Tausende Migranten strömen in diesen Tagen durch Serbien und Ungarn. Sie wandern von einem Land, das in die Europäische Union strebt, in eines, das zwar in der EU ist, aber dort eine radikale Abschottungsposition einnimmt.

Der Umgang dieser beiden Nationen mit den Flüchtlingen könnte gegensätzlicher kaum sein: Der ungarische Premier Viktor Orbán warnt von einer "Invasion" und spricht von der "Verteidigung des christlichen Abendlandes". Sein serbischer Amtskollege Aleksandar Vučić hingegen sagt: "Wir haben es mit verzweifelten Menschen zu tun, nicht mit Terroristen und Kriminellen. Sie brauchen Hilfe, nicht Verurteilung und Bestrafung!" Es ist erstaunlich: Das EU-Mitglied Ungarn tritt die europäische Urtugend Solidarität mit Füßen, während das Nicht-EU-Mitglied Serbien sie hochhält.

Belgrad gibt sich gelassen und hilfsbereit. Die Stadtverwaltung sorgt für das Nötigste, für Tankwagen und Toiletten, damit sich die Menschen waschen können. Die Flüchtlinge werden hier gut behandelt, jedenfalls nach den Möglichkeiten dieses armen Landes. Freiwillige verteilen Kleider und Nahrung. "Wir wissen aus eigener Erfahrung", sagt eine Helferin, "was es heißt, auf der Flucht zu sein!" Serbien, das im Ruf steht, chauvinistisch und nationalistisch zu sein, präsentiert sich in dieser Flüchtlingskrise großzügig.

In den Parks um den Belgrader Bahnhof, wo seit Wochen Hunderte Migranten kampieren, ist keine Klage zu hören, weder über die serbische Polizei noch über serbische Bürger. Im Gegenteil, die Migranten sind voll des Lobes über deren Hilfsbereitschaft. Umgekehrt schimpft kein Belgrader über den Müll in den Parks, über die vielen fremden Menschen, über das Gedränge und Geschiebe.

Schon vor Wochen ist Serbiens Premierminister Aleksandar Vučić in den Belgrader Bahnhofspark gegangen und hat dort demonstrativ Wasser und Essen verteilt. Das inspirierte einen Karikaturisten dazu, Vučić als Helfer darzustellen, der Wasser an Marathonläufer verteilt und ihnen zuruft: "Weiter, schnell, schnell weiter!" Eine treffende Darstellung, denn die Migranten wollen alle so schnell wie möglich in den Norden Europas, nach Deutschland – und der serbische Premierminister will sein Land möglichst bald in die EU führen. Außerdem weiß er, dass es leichter ist, Durchgangsstation zu sein als Zielland.

In Serbien bleiben nur jene, die sich die Weiterreise nicht leisten können. "Wir haben bisher 500 Asylanträge entgegengenommen", sagt Bogdan Krasic vom serbischen Zentrum für Menschenrechte, "davon 450 aus Eritrea. Ihnen ist schlicht das Geld ausgegangen. Sie sind hier gestrandet!"