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Flüchtlinge – dies ist nur der Anfang

Wie oft wollen wir uns noch überraschen lassen? Wie oft wollen wir sagen, wir wussten nicht, wie viele Flüchtlinge kommen? Im April, als ein Boot mit 800 Menschen an Bord im Mittelmeer kenterte, wachte Europa endlich auf. Aber niemand rechnete mit den Hunderttausenden, die heute vor den Toren stehen. Weil es niemand wahrhaben wollte. Dabei war zu spüren, wie in den libanesischen und türkischen Flüchtlingslagern die Nahrung und die Hoffnung schwanden. Und heute? Wie viele werden noch zu uns kommen?

Kaum eine Autostunde von Beirut entfernt liegen in der Bekaa-Ebene die ersten Flüchtlingslager. Rund um Deir al-Ahmar, Zahle oder Akkar leben Syrer, die vor dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat geflohen sind, in improvisierten Zeltstädten. Zwischen den Zelten stehen Satellitenschüsseln, viele Menschen dort haben Zugang zum Internet. Und sie alle sehen die Bilder des großen Flüchtlingstrecks Richtung Europa. Sie sehen die bewegenden Szenen vom Münchner Hauptbahnhof, die klatschenden Helfer, die Ankommenden, denen Obst gereicht wird, die Kinder, denen man Teddybären schenkt.

Gut eine Million Syrer sind nach Angaben des UNHCR, des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen, vor dem Bürgerkrieg in den Libanon geflohen. Fast zwei Millionen haben sich in der Türkei in Sicherheit gebracht, gut 600.000 in Jordanien und 250.000 im Irak. Insgesamt über vier Millionen Menschen sind aus Syrien in die Nachbarländer geflohen. Und nicht wenige von ihnen fragen sich, wie lange sie noch dort bleiben sollen. "Eigentlich", sagen Syrer in Beirut, "eigentlich ist jeder bescheuert, der noch hier ist."

Das Bild des toten Aydan Kurdi hat einige Syrer im Libanon davon abgehalten, sich auf den Weg nach Europa zu machen, vor allem jene mit kleinen Kindern. Viele andere aber sind auf dem Sprung oder bereits unterwegs. Der Preis für die illegale Passage, den Menschenschmuggler verlangen, liegt derzeit bei 2000 Dollar. Die Route führt über den Hafen der nordlibanesischen Stadt Tripoli mit einem regulären Schiff in die Türkei. Die Schiffe sind auf Tage und Wochen hinaus ausgebucht.

Wohlhabendere Syrer, darunter viele Assad-Anhänger, fliegen ganz legal über Beirut in die Türkei und machen sich von dort aus auf den Weg. Mehrere Zeitungen berichten, dass Flugbegleiter auf diesen Strecken ihre Passagiere davon abhalten müssen, die Schwimmwesten zu klauen.

NGOs beklagen zunehmend die Abwanderung ihrer besten Mitarbeiter in Syrien: Ärzte, Psychologen, Lehrer gehen nach Europa. Weil sie sich finanziell nicht mehr über Wasser halten können. Oder weil sie keine Kraft, keine Hoffnung mehr haben. Es ist ein Teufelskreis. Wenn sie gehen, verschlechtert sich die Versorgung der Menschen in Syrien weiter – was wiederum die Flucht verstärken wird.

Die dänische Regierung hat deshalb in libanesischen Zeitungen bereits Anzeigen geschaltet, die auf Arabisch von einer Auswanderung nach Europa abhalten sollen.

Tatsächlich aber sind es nicht die Bilder aus Europa allein, die den Aufbruch beschleunigen. Hauptgründe sind die sich weiter verschärfende Lage in Syrien und der erhöhte Druck auf die Flüchtlinge in den Nachbarländern. Die libanesische Regierung verlängert den Aufenthaltsstatus der Flüchtlinge nicht mehr, die Armee hat in den vergangenen Wochen mehrere Camps geräumt – vermutlich, weil sie nahe der syrischen Grenze ein Überschwappen der Kämpfe erwartet. Zudem haben die UN-Organisationen immer weniger Geld, um die Syrer in den Flüchtlingslagern zu versorgen. Der monatliche Food-Voucher des World Food Programme betrug vergangenes Jahr noch 30 Dollar pro Monat und Person, jetzt sind es nur noch 13,50. All das treibt immer mehr Leute auf den Weg nach Europa.

Wenn man dieser Tage mit Regierungsvertretern in Berlin spricht, dann sagen sie – vertraulich –, die Verteilung der Migranten innerhalb der EU sei nicht das größte Problem. Viel wichtiger sei es, die Menschen in den Flüchtlingslagern in Syrien, dem Libanon und der Türkei davon abzuhalten, sich auf den Weg nach Europa zu machen. Denn sollten sie kommen, würde das alles in den Schatten stellen, was wir bislang erlebt haben.

Wie viele Flüchtlinge werden also noch kommen? Niemand mag sich festlegen. "Mit Zahlen, selbst mit ungefähren Schätzungen", sagt Stefan Telöken, Sprecher der deutschen Vertretung des UNHCR, "verbrennt man sich nur die Finger." Aber auch beim UNHCR sprechen sie von einem "Wendepunkt".

Gut möglich, dass aus Hundertausenden alsbald Millionen werden, dass diese Sommerwochen keine Ausnahme waren, sondern ein Anfang.

Zäune und andere Illusionen

Die eine Antwort auf diesen Andrang ist Abschottung. Viktor Orbán baut daher einen Zaun an der Grenze zwischen Serbien und Ungarn. In ein paar Wochen soll die Grenzanlage fertig sein. Dann werde der Ansturm der Flüchtlinge auf sein Land zu Ende sein, sagt Orbán. Der Mann ist Rechtspopulist und Ungar, das sind die meisten Menschen in Europa nicht. Aber wer ertappt sich nicht gelegentlich dabei, auch Angst zu spüren oder die Hoffnung zu hegen, irgendwas müsse sich da doch mit Stacheldraht machen lassen?

Zäune allein aber halten Menschen nicht auf. Sie müssen bewacht werden, von bewaffneten Posten, von der Armee oder von Selbstschussanlagen. Ungarn kennt das. Deutschland auch. Aber wer will sich vorstellen, eine europäische Armee schieße auf Flüchtlinge? Die EU würde auf sich selbst schießen.

Und die Bilder von solchen Einsätzen würden einen Aufschrei in Europa auslösen, so wie die Bilder von den Ertrunkenen im Mittelmeer die tödlichen Folgen der Abschottung deutlich gemacht haben und irgendwann mehr Aufnahmebereitschaft erzwungen haben, nicht weniger.

Doch selbst wenn die Fantasie einer Abschottung an der ungarischen Grenze Realität werden sollte, dann werden die Migranten darauf reagieren. Sie werden nicht umkehren, sondern Umwege suchen. Alle Erfahrungen der letzten Monate sprechen dafür, dass sich rasch neue Routen etablieren werden. Und man muss nur einmal auf die Landkarte schauen, um zu ahnen, wo sie verlaufen werden. Sei es, dass wieder mehr Menschen in Boote steigen und die Überfahrt über das Mittelmeer riskieren, sei es, dass sie versuchen, Ungarn zu umgehen, mutmaßlich über die EU-Mitgliedsstaaten Kroatien und Slowenien.

Schon fragen sich Spitzenbeamte in Brüssel und Berlin, ob die betroffenen Staaten vorbereitet sind auf die Menschen, die da kommen werden. Wird es auch in Zagreb und Ljubljana bald Szenen geben wie in Budapest? Wird auch Kroatien irgendwann einen Zaun bauen wollen?

Die Wahrheit lautet nicht: Je mehr Menschen kommen wollen, desto mehr Zäune brauchen wir. Sondern: Je mehr Menschen kommen, desto weniger helfen Zäune.

Fluchtursachen – Trost aus ferner Zukunft

Der Zaun, das ist die böse Illusion. Die gute klingt umständlicher, aber auch versöhnlicher: Bekämpfung der Fluchtursachen. Tatsächlich ist der Gedanke ebenso bezwingend wie richtig, den Menschen in Not dabei zu helfen, ihre Welt so einzurichten, dass sie bleiben können. Nur: Wie weit sind wir von der Bekämpfung auch nur einer Ursache entfernt?

Wer hätte auch nur eine realistische Vorstellung davon, wie sich der Bürgerkrieg in Syrien beenden ließe? Wer hat einen plausiblen Plan, den IS zu stoppen – und die Mittel dazu? Wer in Deutschland mag auch nur in Umrissen über eine militärische Intervention nachdenken? Wer wüsste den Irak zu befrieden? Oder die Demokratie nach Eritrea zu bringen?

Noch geschieht in und um Syrien herum das Gegenteil: Es kommt zur Ausweitung der Fluchtursachen – bis hinein in die Türkei. Sie ist der Front- und Pufferstaat zur Krisenregion und gerät nun immer mehr selbst ins Chaos.

Mit der Aufnahme von etwa zwei Millionen Flüchtlingen aus Syrien haben die Türken am meisten dafür getan, die größte humanitäre Katastrophe der Gegenwart zu lindern. Gedankt haben es ihnen die Europäer nicht, obwohl sie die größten Nutznießer sind. Jetzt wächst die Angst, dass der Frontstaat bröckelt.

Die wachsende Repression von Kurden führt zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen im Land, und innenpolitisch schafft Staatspräsident Erdoğan mit einer Welle von Verhaftungen liberaler Journalisten eine Stimmung, die früher oder später in der Türkei Fliehkräfte in Gang setzen kann. Für die Millionen von Menschen in den Flüchtlingslagern jedenfalls liefert die türkische Innenpolitik täglich mehr Gründe, weiterzuziehen.

Vielleicht kann die Bekämpfung der Fluchtursachen dereinst den Wanderungsdruck gen Europa lindern. Noch hat sie nicht einmal begonnen.

Ausreden – wie Europa vor sich selbst flieht

Und Europa? Es scheint gerade in zweierlei Gestalt zu existieren. Das eine, am ungarischen Stacheldraht, auf den Trecks der Massenflucht und in notdürftigen Unterkünften, ist harte Realität. Dort wird gelitten, gefroren und geweint.

Das andere Europa ist schwammweich und virtuell. Es ist ein Europa des Gestikulierens und Moralisierens. Es ist das Europa der fein ziselierten Ausreden und markigen Tricksereien.

Die Welt der Ausreden sieht zum Beispiel so aus: Am Montag kündigte Frankreichs Präsident François Hollande an, seine Luftwaffe werde nun auch Stellungen des IS in Syrien angreifen. Es entstand das Bild, dass Deutschland als moralische Supermacht auftritt, wohingegen Frankreich die Kohlen aus dem Feuer holt und unter Einsatz des Lebens seiner Soldaten die Ursachen der Massenflucht bekämpft. Nichts könnte falscher sein.

Seit einem Jahr greift ein Dutzend französischer Jagdflugzeuge IS-Stellungen im Irak an – allerdings nur etwa viermal wöchentlich. Zum Vergleich: Die U. S. Air Force fliegt pro Woche 130 Kampfeinsätze. Nun will Hollande, dass das gleiche Dutzend auch über syrischem Gebiet operiert. Glaubt irgendwer, das könnte die höllische Realität verändern, aus der die Menschen fliehen?

Geht es nicht vielmehr darum, durch militärischen Aktionismus einer Debatte um eine mutige Flüchtlingspolitik zu entgehen? In diesem Jahr wird die Zahl der Asylbewerber in Frankreich auf 60.000 geschätzt; Frankreich werde eine um 24.000 Flüchtlinge erhöhte EU-Quote akzeptieren, verteilt auf zwei Jahre, kündigte Hollande an. Dem Präsidenten des "Landes der Menschenrechte" scheinen derart mickrige Zahlen nicht peinlich zu sein. Schließlich kennt er die Umfragen, denen zufolge sich die Mehrheit der Franzosen gegen weitere Zuwanderung ausspricht. Und so mimt Hollande europäische Solidarität, während er sie in Wahrheit verweigert.

Auch Großbritannien will sich nicht lumpen lassen, wenn es darum geht, auf möglichst offensive Art so weit als möglich der Verantwortung auszuweichen. Die Konzession des Premierministers David Cameron an die Moral: Das Land könne 20.000 Syrer aufnehmen – bis zum Jahr 2020, also 4.000 pro Jahr. Dürfen die dann alle im Buckingham Palace wohnen? Das sind Zahlen, die man den Fliehenden lieber verschweigen sollte, damit sie nicht von vornherein an Europa verzweifeln.

Heuchelei ringsum, nationale Egoismen, die Verweigerung europäischer Zusammenarbeit. Und doch: Europa ist nie nur feige und heuchlerisch. Es geschieht auch etwas.

Die EU lernt – nicht schnell genug

Deutschland – zitternd vor dem eigenen Mut

Wir schaffen das, sagt Angela Merkel. Wir schaffen das, sagen die Helfer an den Hauptbahnhöfen. Aber schaffen wir das auch?

Das hängt von den großen und großartigen Gesten ab. Und ebenso sehr von den Details. Tatsächlich sind die Details wichtig, damit so etwas Großes wie die Integration von fast einer Million Migranten gelingen kann.

In jedem vertraulichen Gespräch, bei jeder Begegnung reden die Politiker in diesen Tagen daher von den Details. Und alle weisen sie auf einen Widersacher hin, der sich nur schwer besiegen lässt: den Winter. In wenigen Wochen wird es kalt werden in Deutschland – und die Neuankömmlinge brauchen dringend ein Dach über dem Kopf. Nichts fürchten die Politiker mehr als Flüchtlinge, die im Schnee auf Parkbänken kauern. Überall im Land suchen nun Städte und Gemeinden fieberhaft nach geeigneten Unterkünften. Es fehlen Wohncontainer. Es fehlen Betten. Es fehlen mobile Toiletten. Da am Markt kaum noch Toiletten zu haben sind, schießen die Preise für die Restbestände in die Höhe. In Leipzig wurde an diesem Dienstag eine große Messehalle als Flüchtlingsunterkunft freigegeben; noch im Verlauf dieser Woche wird sie voll belegt sein.

Nach Schätzungen der Verbände des sozialen Wohnungsbaus müssen bis zum Jahr 2025 mehr als 100 000 zusätzliche Wohnungen errichtet werden – und zwar jedes Jahr. Die Bundesregierung prüft deshalb, den Wohnungsneubau durch Steuervergünstigungen zu fördern und die Mittel für den sozialen Wohnungsbau aufzustocken.

Das bedeutet aber auch: Alle bisherigen Finanzkalkulationen sind hinfällig. Am Wochenende beschloss die große Koalition, sechs Milliarden Euro zusätzlich zur Verfügung zu stellen – drei Milliarden Euro erhalten die Länder, drei der Bund. Arbeitsministerin Andrea Nahles bekommt davon 2,5 Milliarden, vor allem um den erwarteten Anstieg der Ausgaben für Sprachkurse und Sozialleistungen für Flüchtlinge abzudecken. Doch damit sind die Haushaltsüberschüsse weitgehend aufgebraucht. Und schon jetzt sagen hochrangige Koalitionspolitiker hinter vorgehaltener Hand: Es wird noch viel teurer werden.

Es sind übrigens dieselben Politiker, dieselben Deutschen, die noch vor Wochen, am Ende der Griechenlandkrise, als hartherzig und kalt galten. Das Klischee, das sich die anderen von den Deutschen gemacht hatten, zerfällt. Hoffentlich zerfällt nicht auch dieses neueste Klischee, das von den grundguten wie gründlichen, warmherzigen und organisierten Deutschen. Denn ohne die deutsche Avantgarde dürfte die EU binnen Wochen in einen Selbstabgrenzungswettbewerb abrutschen.

Bislang will die Regierung unbedingt den Eindruck vermeiden, dass irgendetwas für die Bürger im Land wegfallen könnte, weil jetzt so viele Neuankömmlinge finanziert werden müssen. Zu groß ist die Furcht, dass die Stimmung kippen könnte. Doch wenn noch mehr Flüchtlinge kommen, wird diese Linie nicht mehr zu halten sein. Intern hat Finanzminister Wolfgang Schäuble bereits verkündet, dass für neue Projekte wie Kita-Ausbau oder Investitionen in die Infrastruktur kein Geld da sei.

Die große Frage, wie lange die Deutschen ihre eigene Hilfsbereitschaft aushalten, hängt allerdings nicht nur von Milliarden ab, sondern auch davon, ob sie das Gefühl haben, damit in Europa nicht allein zu stehen.

Die EU lernt – nicht schnell genug

Dass immer mehr Menschen ihr Heil in Europa suchen würden, hatte sich lange vor diesem Sommer abgezeichnet. Aber die Wucht der Ereignisse hat die europäische Politik überrascht – und bislang nicht besonders gut aussehen lassen.

Bereits im April hatten die Staats- und Regierungschefs der EU zum ersten Mal in Brüssel über Flüchtlingspolitik beraten, 800 Menschen waren kurz zuvor im Mittelmeer ertrunken. Zwei Monate später, Ende Juni, kamen Merkel und Co. erneut zusammen. Sechs Stunden lang warfen die Regierungschefs einander Vorwürfe an den Kopf. Und Merkel formulierte schon damals eine Ahnung, die nun zur Gewissheit geworden ist: dass diese Herausforderung größer sein könnte als alles, was sie als Kanzlerin bis dahin in der EU erlebt habe.

Tatsächlich trifft diese jüngste Krise die Union an einer ihrer empfindlichsten Stellen. Seit je nimmt die EU für sich in Anspruch, dass ihre Mitgliedsländer nicht nur Interessen, sondern auch Werte teilen. Nun haben die Flüchtlinge die Frage aufgeworfen, welche Werte das eigentlich sind. Ist es die Hilfsbereitschaft, mit der viele Menschen in Europa den Hilfesuchenden begegnen? Oder ist es doch eher die Skrupellosigkeit, mit der ein Viktor Orbán vorgibt, das christliche Abendland gegen Horden muslimischer Invasoren zu verteidigen? Gibt es das, eine Art "Dunkeleuropa", und wo liegt es?

Es ist ja nicht Orbán allein, der sich bislang einem gemeinsamen Vorgehen widersetzt. Noch lehnen Ungarn, Polen, Tschechien und die Slowakei geschlossen den Vorschlag der EU-Kommission ab, einen verbindlichen Schlüssel zu verabreden, nach dem Flüchtlinge in Notsituationen zwischen den Mitgliedsstaaten verteilt werden könnten. Auch in Spanien oder Frankreich war der Widerstand lange Zeit groß. Und doch ist in Europa etwas in Bewegung gekommen, ein Lernprozess, der es unwahrscheinlich macht, dass die europäische Politik einfach so im Streit stecken bleibt.

Als Viktor Orbán in der vergangenen Woche in Brüssel war, traf er auch Donald Tusk, den Präsidenten des Europäischen Rats. Tusk war lange Zeit polnischer Ministerpräsident; er kennt die Befindlichkeiten der mittel- und osteuropäischen Länder nicht nur, oft teilt er sie auch. Im Juni, auf dem Sondergipfel, der im Streit endete, stand Tusk noch im Lager der Blockierer. Nun, zwei Monate später, an der Seite Orbáns, formulierte er Bemerkenswertes: Die Länder, die in der Vergangenheit die Solidarität der EU erfahren hätten, müssten nun selbst Solidarität leisten.

Es scheint, als wäre unter den Europäern ein Gespräch in Gang gekommen, zwischen den Regierenden und den Bürgern, zwischen Ost und West, aber auch innerhalb der jeweiligen Gesellschaften. Dabei ist längst nicht ausgemacht, ob die Furcht vor den Fremden die Oberhand behält – oder ob am Ende nicht doch die Erkenntnis gewinnt, dass Europa als Ganzes sich wird öffnen müssen. Der Pole Tusk ist nur ein Beispiel. 53 Prozent der Polen, so eine Umfrage, fühlen sich zur Solidarität mit den Flüchtlingen verpflichtet. Das sind weniger als etwa in Deutschland, aber vielleicht doch mehr, als man vermutet hätte. In Frankreich sind die Künstler und Intellektuellen endlich aufgewacht und fordern eine großzügigere Aufnahme von Flüchtlingen. Der finnische Ministerpräsident, ein Konservativer, regiert zwar in einer Koalition mit Rechtspopulisten, lässt aber gerade sein Sommerhaus herrichten, um es einer Flüchtlingsfamilie zur Verfügung zu stellen.

Anfänge sind das. Nachrichten aus einer Union, die sich lange der Illusion hingegeben hatte, sie könne die Flüchtlinge außen vor halten oder zumindest an den Grenzen abfangen. Nun muss sie sich gemeinsam von dieser Illusion verabschieden; das fällt den einen leichter und den anderen erkennbar schwer. Aber sie haben keine Wahl. Denn nicht nur die Flüchtlinge drängen auf Europa ein. Auch die Wirklichkeit tut es.

Ein starker Kontinent

Die Kraft der drei Krisen

Es ist noch keine zwei Jahre her, da schien es für die EU enorm wichtig zu sein, ob der bei den anstehenden Europawahlen siegreiche Spitzenkandidat am Ende auch verbindlich Kommissionspräsident würde. Damals brüsselte die EU vor sich hin und bekam keinen Zugriff auf die Weltpolitik. Seither allerdings hat die Geschichte den großen Hammer ausgepackt, sie schmiedet die EU neu – oder sie zerschlägt sie, je nach dem.

Euro/Griechenland, Ukraine, Flüchtlinge – die drei existenziellen Krisen formen den Kontinent neu, zeigen den Europäern, wozu sie da sein könnten, lehren sie, was das ist: Europa.

Als Wladimir Putin die Krim annektierte und die Ostukraine destabilisieren ließ, da waren die Osteuropäer zutiefst besorgt, während Italiener, Portugiesen und – ja – auch die Griechen hinter vorgehaltener Hand sagten: Was gehen uns baltische oder polnische Ängste an? Wir wollen gute Geschäfte mit Russland machen. Die Sanktionen wurden dann doch gemeinsam getragen.

Als Griechenland vor wenigen Wochen mit dem Rücken zur Wand stand, da klagten die Osteuropäer, vor allem die Slowaken und Balten, wieso um alles in der Welt sie einen griechischen Mindestlohn mitbezahlen sollten, der höher sei als ihr eigener. Dennoch gab es am Ende eine gemeinsame Rettungspolitik.

Zu Beginn der Flüchtlingskrise sagten viele Nordeuropäer, auch viele Deutsche, was gehen uns die Probleme der Flüchtlinge an, da sollen sich Griechen (!) und Italiener drum kümmern. In einer späteren Phase derselben Krise, als die Menschen mehr und mehr über Land kamen, erklärte der Ungar Orbán, das sei überhaupt keine europäische Krise, sondern eine deutsche. Und so weiter.

Deutlicher könnten die Lektionen nicht sein, die das Schicksal den Europäern erteilt: Wenn einer von euch militärisch bedroht wird, dann seid ihr alle bedroht; wenn ein Land pleitezugehen droht, dann seid ihr alle Gläubiger und Retter; wenn Millionen Flüchtlinge sich auf den Weg machen zu euch 508 Millionen, dann seid ihr alle Einwanderungsgesellschaften; es gibt keine Ein-Krisen-Solidarität, es gibt nur eine umfassende, alle Mitgliedsstaaten und alle großen Sorgen umfassende Solidarität oder gar keine.

Dies umso mehr, als sich die Amerikaner politisch weitgehend aus Europa zurückgezogen haben. Auch das ist eine Lehre dieser Tage: Die Zeiten, in denen die EU sich bei den Problemen an den eigenen Außengrenzen auf die USA verlassen konnte oder deren Fehler als Ausreden für eigenes Nichtstun missbrauchen konnte, gehen zu Ende. Nirgends zeigt sich das so deutlich wie in der Flüchtlingskrise. Wenn man es sehr gut mit den Amerikanern meint, dann könnte man sagen, dass sie und wir für das Chaos in Syrien, im Libanon, im Irak und in Afghanistan mitverantwortlich sind. So gut wie alle Flüchtlinge, die diesem Chaos entfliehen, übernimmt aber Europa. Die Amerikaner tun nichts, was annähernd ihrer Verantwortung für den Mittleren Osten entspräche. Europa muss jetzt nicht nur eins sein, es ist auch allein.

Noch haben weder die Staaten der EU noch die Brüsseler Institutionen diese Lehren verinnerlicht, noch werden alle drei Krisen zumeist einzeln, hintereinander betrachtet. Doch sobald man sie übereinanderlegt, wird klar: Das ist Europa, das solidarische, wehrhafte, aufnahmebereite.

Ein starker Kontinent

Man vergisst es in diesen Tagen leicht, in denen die Angst vor ein, zwei, drei oder gar vier Millionen Flüchtlingen in den kommenden Jahren umgeht, aber die EU hat 508 Millionen Einwohner. Außerdem stellt die Union den größten Wirtschaftsraum der Erde dar, die Sozialstaaten funktionieren leidlich, jedenfalls besser als in den meisten anderen Staaten, das Wirtschaftswachstum dürfte im nächsten Jahr bei einem Prozent liegen (immerhin); alle Staaten der EU sind Demokratien (manche weniger, die meisten sehr), Freiheit und Freizügigkeit sind immens, die Lebenskunst ist ausgeprägt, beim Genuss ist Europa schon ziemlich integriert. Die Menschen, die hierherfliehen, wissen all das oder spüren es.

Jetzt, im Angesicht der größten Herausforderung seit dem Krieg, dürfen sich auch die Europäer gelegentlich mal an ihre Stärken erinnern.