Mit einem Blättchen bekritzelten DDR-Papiers, verlesen vom SED-Funktionär Günter Schabowski, begann vor 26 Jahren die deutsche Einheit. Eine "Gelenkstelle der Geschichte" hat der Historiker Hans Walter Hütter diesen Moment genannt. In der aktuellen Flüchtlingskrise ist es kein Zettel, sondern eine Folge von Telefonaten, SMS-Nachrichten, Gesprächen. Merkel ist natürlich nicht Schabowski. Aber die Entscheidung, Hunderttausende Flüchtlinge aufzunehmen, ist eine solche Gelenkstelle.

Was also wird man in zwanzig Jahren über dieses lange September-Wochenende sagen: Damals hat Deutschland mit einem genialen Zug sich selbst und die Welt vorangebracht, es hat mit mehr Glück als Verstand die Weichen so gestellt, dass ein alternder Staat sich erneuern konnte? Oder: Das war der Moment, in dem das Land begonnen hat, einen Wohlstand und eine Stabilität zu verspielen, die ihresgleichen suchten? Beides scheint derzeit möglich.

"Geh ins Offene", hat der Theaterregisseur Michael Schindhelm seiner früheren Wissenschaftskollegin Angela Merkel zum Abschied von der DDR in ein Buch geschrieben. Über diese Widmung hat Merkel vor fast zehn Jahren in einer Rede zum 3. Oktober gesagt: "Sie ist für mich wie die Überschrift über all meine Gefühle, Wünsche und Sehnsüchte aus dieser Zeit. Gehe ins Offene! Das war mit das Schönste, was man mir zu dieser Zeit sagen konnte. Und wie ich losmarschiert bin [...] Das waren unglaubliche Tage, Wochen und Monate. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Nicht fragen, was nicht geht, sondern fragen, was geht." Nun geht sie wieder ins Offene, und wie! Ausgerechnet Merkel, die Visions-Verweigerin.

Es ist ein Merkel-Moment im doppelten Sinne. Anders als bei Fukushima dreht die Kanzlerin nicht in die sichere Mehrheitsmeinung. Anders als bei der Bankenkrise riskiert sie nicht nur, dass sie ein Versprechen nicht einhalten kann ("Die Spareinlagen sind sicher"). Die Kanzlerin läuft nicht nur Gefahr, dass es teuer wird und sie Beliebtheitspunkte verliert. Die Folgen dieser Entscheidung werden nicht allein sie oder ihre Partei zu tragen haben.

Merkel zeigt also Führung. Nicht ganz so aus Versehen wie Günter Schabowski, der nur ablas, was man ihm aufgeschrieben hatte. Aber auch nicht ganz absichtlich. Kaum ausgesprochen, versuchte die Kanzlerin die Wirkung ihrer Worte zurückzunehmen und die Öffnung zur Ausnahme zu erklären. Doch die Botschaft ist unwiderruflich angekommen, nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen Welt.

Die Deutschen hätten "ihr Gehirn" verloren, sie ließen sich wie ein "Hippie-Staat" von Gefühlen leiten, sagt der britische Politologe Anthony Glees, auch viele Osteuropäer sind mehr überrascht als erfreut. Sie übersehen dabei, dass es auch diese "Hippie-Politik" ist, durch die Deutschland sich zu dem wirtschaftlich erfolgreichen Land entwickelt hat, das sich nun als globaler Sehnsuchtsort kaum noch selbst erkennt.

Züge, die 70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg als Züge der Hoffnung nach Deutschland hineinfahren, Grenzen, die fallen, das sind sehr deutsche Motive, und sie erinnern an die schlimmsten und die schönsten Momente des Landes. Die Herausforderung aber ist weitaus größer als bei der deutschen Einheit. Denn die Unterschiede zwischen denen, die schon hier sind, und denen, die da kommen, sind viel größer, materiell, kulturell. Schon jetzt ist klar, dass es viele Enttäuschungen geben wird an diesem vermeintlichen Sehnsuchtsort.

Trotzdem spricht viel dafür, dass die Operation gelingt. Zum einen wegen der Flüchtlinge: Die wollen ja gerade nicht länger religiöse Intoleranz und Repression, sondern mehr vom Gegenteil. Zum anderen, weil es im deutschen Hippie-Staat doch immer noch recht sortiert zugeht. Was die große Koalition nun bis zum 1. November in Gesetzesform gießen will, ist eine gute Mischung aus Öffnung und Begrenzung.

In den vergangenen Jahren hat Merkel eine beispiellose politische Daueranstrengung absolviert. Trotzdem war eine Frage nicht leicht zu beantworten: Was bleibt von ihr im Geschichtsbuch? Bisher hat die Kanzlerin Deutschland gut über die Runden gebracht, nun hat sie es verändert, physisch, nicht nur mental. Wie, das ist noch offen.

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