DIE ZEIT: Herr Hacker, als Koordinator der Flüchtlingsagenden in Wien ist es Ihnen bislang gelungen, trotz dramatisch gestiegener Flüchtlingszahlen ausreichend Quartiere bereitzustellen. Derzeit beherbergt Wien rund 10.500 Flüchtlinge. Das scheint reibungslos zu funktionieren. Aber es geschieht so still und leise, dass man fast meinen möchte, Sie würden befürchten, es könnten schlafende Hunde geweckt werden.

Peter Hacker: Nein, im Gegenteil. Wir sind zufrieden, dass unser integrativer Zugang zur Bewältigung sozialpolitischer Aufgaben funktioniert und breite Zustimmung in der Bevölkerung hat. Wir tun in dieser Stadt am Sozialsektor ganz viele Dinge, von denen wir sagen: Es ist ganz selbstverständlich, dass wir dies tun, und es braucht nicht jedes Mal ein Herumgegockel, wie super wir wären. Wichtiger ist uns, dass die Bevölkerung weiß, diese Stadt greift auch schwierige Themen auf. Wir suchen Lösungen zustande zu bringen, die für die jeweilige Zielgruppe wirkungsvoll und mit den Bedürfnissen der Bevölkerung kompatibel sind.

ZEIT: So selbstverständlich ist das ja nicht. Wien ist ja das einzige Bundesland, das seine Aufnahmequote immer erfüllt hat.

Hacker: Wir haben sie immer übererfüllt.

ZEIT: Was machen Sie besser als Ihre Kollegen in den anderen Ländern?

Hacker: Ich tue mich etwas schwer bei einem Vergleich mit den anderen Bundesländern. Es gibt solche, die haben sich immer bemüht, das ordentlich über die Bühne zu kriegen, andere haben sich in letzter Zeit bemüht, und dann gibt aus jene, die noch immer eine tägliche Motivation brauchen.

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 37 vom 10.09.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

ZEIT: Welche, sagen Sie natürlich nicht.

Hacker: Überhaupt nicht. Aber bei einem Blick in die Statistik drängt es sich auf, wer gemeint sein könnte.

ZEIT: Verbietet sich der Vergleich wegen der unterschiedlichen Situationen in einer Großstadt und im ländlichen Raum?

Hacker: Es ist ein wenig unfair, die Möglichkeiten einer Stadt mit 1,8 Millionen Einwohnern mit jenen zu vergleichen, die sich in ländlichen Strukturen bieten. Aber natürlich könnten die sich auch mehr anstrengen. Wir in Wien haben eine jahrzehntelange Tradition einer Sozialpolitik der Offensive. Das betrifft nicht nur Flüchtlinge. Und wir haben auch die Tradition, dass wir sozialpolitische Maßnahmen nicht in entlegenen Winkeln setzen, wo sie nicht auffallen, sondern wir sind einem grundsätzlich integrativen Zugang verpflichtet. In Wien sind in allen 23 Bezirken Flüchtlinge untergebracht. Das macht den Unterschied. Wir haben nie einen Zweifel daran gelassen, dass die Erledigung von sozialpolitischen Aufgaben immer die Aufgabe von allen ist.

ZEIT: Was aber nicht alle immer erfreut.

Hacker: Wir nehmen sehr viel Rücksicht auf lokale Gegebenheiten. Ich bespreche jede größer Einrichtung vorher mit der jeweiligen Bezirksvorstehung, die ja die sensitiven Besonderheiten bestens kennt. Das heißt nicht, ich würde mich davon überzeugen lassen, dass überhaupt nichts geschieht. Man kann uns aber immer eine brauchbare Alternative anbieten.

ZEIT: Gibt es da Bezirksvertreter, die sich ein wenig mehr sträuben als andere?

Hacker: Ja, natürlich. Wenn man mit unangenehmen Dingen kommt, ist niemand sonderlich glücklich. Umso wichtiger ist es, immer offen zu kommunizieren. Ich ignoriere nicht das Faktum, dass auch die Bezirksvorsteher demokratisch gewählte Mandatare sind.

ZEIT: Sie versuchen die einzelnen Einrichtungen über die ganze Stadt gerecht zu verteilen?

Hacker: Ich lasse nie ein Missverständnis darüber aufkommen, dass alle in Wien einen Teil zur Erfüllung der Aufgabe beizutragen haben. Ich bin aber bereit, darüber zu diskutieren, wo genau das stattfinden soll. Je schwieriger ein Problem ist, desto nachdrücklicher müssen die zentralen Stellen das Gespräch suchen. Das ist ein entscheidendes Erfolgskriterium. Ich kann das aber nur tun, weil es eine politische Linie gibt, die vom Bürgermeister und der Stadträtin nicht nur mitgetragen wird, sondern vorgegeben ist.

ZEIT: Haben Sie mit allen in den Bezirken ein gutes Gesprächsverhältnis?.

Hacker: Prinzipiell ja. Natürlich ist es mit manchen besser. Vor allem wissen alle, wenn es einmal aufgeregte Diskussionen gibt, kommentiere ich nicht aus dem Off, sondern sitze in der ersten Reihe. Natürlich ist das dann kein Kuscheltermin. Aber wenn ich dort überzeugend argumentieren kann, dann stoße ich auch auf Verständnis.

ZEIT: Ist es die Strategie, möglichst viele Flüchtlinge in Privatquartieren unterzubringen?

Hacker: Genau, derzeit betrifft das 80 Prozent der Flüchtlinge in der Grundversorgung von Wien, die so untergebracht sind. Wir setzen auf kleine Organisationseinheiten. Das unterscheidet uns auch von einigen Bundesländern. Manche haben viel zu lange die Privatquartiere blockiert.