Diese Stimme darf alles sagen. Sie darf sogar behaupten, dass ein Fußball voller Ecken und Kanten ist. Nur eines sollte die Stimme nicht – singen! Gute Freunde kann niemand trennen heißt eine Schallplatte, auf der Franz Beckenbauer ein Lied zum Besten gibt. "Gute Freunde sind nie allein, weil sie eines im Leben können: Füreinander da zu sein ..."

Der musikalische Auftritt markiert einen Tiefpunkt einer glanzvollen Karriere. Vielleicht sogar ihren einzigen. Man könnte die Geschichte allmählich vergessen. Aber Beckenbauers Freunde mögen dieses Lied ganz besonders. Es ist eine Art Lebensbarometer für sie. Egal, was gerade ist, wie die Zeiten gerade sind, wenn Beckenbauer die erste Zeile intoniert, dann wird erst mal gelacht. Dann singen alle mit.

Einer dieser Freunde ist Karl Reyer, wie der Kaiser 69 Jahre alt. Reyer ist Unternehmer, ein großes Modehaus in Hallein nicht weit von Salzburg trägt seinen Namen. Früher ist Reyer einer der besten Ringer Österreichs gewesen, Meisterschaften hat er gewonnen, "jeden hab i da auf die Matten gelegt".

Als das Internationale Olympische Komitee (IOC) 2013 den Entschluss fasste, das Ringen aus dem olympischen Programm zu werfen, hat ihn das nicht überrascht. "Ringer können sich Firmenlogos auf den Hintern kleben, aber das will keiner sehen." Doch Ringen sei auch die älteste olympische Disziplin, ging Reyer durch den Kopf. Darf man die so einfach entsorgen? Nein, fand er, das darf man nicht. Also rief er Beckenbauer an.

Mächtige Ringerfreunde im Weltverband, so hatte Reyer gehört, traten in der Angelegenheit an Obama heran, andere an Putin. Karl wandte sich an Franz. Und? "Nach sechs Monaten entschied das IOC bei seiner Sitzung, Ringen bleibt olympisch. Ich sag mal, Franz hat uns gerettet." Füreinander da sein! Beim nächsten Treffen hat Reyer die Trompete rausgeholt. Dann haben sie alle gesungen.

Dieser Teufelskerl! Was sonst nur in der Zeitung steht, erfuhren die Ringer jetzt ganz unmittelbar. "Franz war der technisch beste Fußballer, so ist er auch als Freund." Einfach mal eben bei Thomas Bach, dem IOC-Präsidenten, angerufen. War das ein Wunder, das auf Erden nur einer wie Franz Beckenbauer hinbekommt? "Ja, er hat ein Machtwort gesprochen", Karl Reyer vermutet, dass es so war. Aber ganz genau weiß er es auch nicht.

Er ist zwei Tage jünger als Franz. Sie hatten überlegt, gemeinsam eine große Geburtstagsfeier auszurichten. Daraus wird nichts. Vor gut einem Monat ist Stephan Beckenbauer gestorben. Mit 46 Jahren. Jugendtrainer beim FC Bayern ist er gewesen, so gut Fußball spielen, wie es der Name vermuten ließ, konnte er nicht. Nach der Trauerfeier für seinen ältesten Sohn hat der Vater außerhalb seiner Familie niemanden mehr sehen wollen, auch Bild blieb plötzlich vor der Tür. Er hat seinen Besuch bei den Salzburger Festspielen abgesagt, auch den KaiserCup, das Golfturnier von Bad Griesbach. Vor zwei Tagen endlich hat er wieder bei Reyer angerufen. Ein Lebenszeichen. Eine Runde Golf?

Denkmal Franz Beckenbauer. Er war es schon mit dreißig, am 11. September wird er 70. Was ist er jetzt? Lässt sich der Status Denkmal steigern? Beckenbauer ist alte Bundesrepublik und das neue Deutschland. Er vereint Giesing und New York. Georg Schwarzenbeck ist ein Fußballspieler bei Bayern München gewesen. Auf dem Platz hat er als Verteidiger lange Jahre für Libero Franz die Drecksarbeit gemacht. Wusste nie, was der Kaiser gerade plante, diese ansatzlos geschossenen Bälle! Deshalb hat er laufen müssen wie ein Hase. Trotzdem spricht Schwarzenbeck von dem "Glück, gemeinsam mit Beckenbauer in eine Ära gefallen zu sein".

Die meisten Deutschen scheinen dieses Gefühl zu teilen. Beckenbauer hat fünf Kinder von drei Frauen, andere wären mit dieser Quote bei Bild nicht so einfach davongekommen. Aber mit dem Blatt arbeitet Beckenbauer als Kolumnist seit 1982 zusammen, nur in der Zeit als Teamchef ließ er die Zusammenarbeit ruhen. "Wenn du mit Springer ein Problem hast, dann hast du ein Problem, wenn du mit dem Spiegel ein Problem hast, dann hast du keines." Hat ein Freund ihm einst zugeraunt, und Beckenbauer hat es begriffen.

"Beckenbauer ist der bekannteste und beliebteste Deutsche", sagt Fedor Radmann und korrigiert sich: Der bekannteste sei vielleicht Goethe, aber zugleich der beliebteste? Franz! Von dieser Einschätzung bringt Radmann niemand ab. "Auch wenn diese Schreiberlinge neuerdings wieder etwas anderes behaupten." Radmann ist Strippenzieher, ein Lobbyist. Gegen den Satz "Guter Radmann ist teuer" hat er nichts einzuwenden. Kaum ein anderer ist geschäftlich näher an Beckenbauer als er.

In der Abgeschiedenheit des Appenzellerlands hat sich Fedor Radmann, 1944 in Berchtesgaden geboren, ein schönes Haus gekauft. Er ist vielleicht einen Kopf kleiner als Beckenbauer, aber sein Kreuz ist deutlich breiter. Radmann hat einen kleinen Schnauzbart, sein gelbes Hemd trägt den Schriftzug adidas. Bei Spaziergängen bleibt er manchmal stehen für einen Panoramablick über die Schweizer Berge ringsum. Auf den meisten Gipfeln hat er schon gestanden, noch heute rennt er, bis an ihm "alles dampft".