Es ist aufregend, ein Geheimnis zu erfahren, und vor allem geschwätzigen Menschen fällt es dann schwer, es für sich zu behalten. Journalisten fällt das manchmal ganz besonders schwer, denn es gibt viele, die zur Geschwätzigkeit neigen. Es gibt aber auch viele, die auf Geheimnisse stoßen, die sowieso lieber nicht geheim sein sollten.

Tratschen und Aufklären, Informationsfreiheit und Geheimnisverrat können da leicht verwischen. Wie bei den Journalisten des Hamburger Abendblatts, die seit vergangener Woche vor Gericht stehen.

Seit Mittwoch müssen sich vor dem Amtsgericht die Redakteure Franziska C. und Sascha B. verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen vor, für den Abdruck "strafbarer Inhalte" verantwortlich zu sein. Neben Sascha B. auf der Anklagebank sitzt Lars H., der Chefredakteur. Ihm wird vorgeworfen, gegen die Pflicht verstoßen zu haben, den Druck der strafbaren Inhalte zu verhindern.

Aber war das überhaupt seine Pflicht? Lars H. war am fraglichen Tag gar nicht in der Redaktion. Welche Verantwortung hat ein Chefredakteur dann noch? Wie weit reicht die journalistische Sorgfaltspflicht? Aus welchen Dokumenten dürfen Redakteure zitieren, auf welche Ratschläge dürfen sie sich verlassen?

Dem Abendblatt war im Juni 2014 ein kleiner Coup geglückt: Der Zeitung war die Anklageschrift gegen die Eltern des getöteten Mädchens Yagmur zugespielt worden. Yagmur war Ende 2013 infolge körperlicher Misshandlung gestorben. Der Verdacht richtete sich zunächst gegen den Vater. Erst die Auswertung eines WhatsApp-Chats brachte die Wende in den Ermittlungen. Davon erfuhr – vor Beginn der Hauptverhandlung – auch die Öffentlichkeit. Denn am 12. Juni 2014 druckte das Abendblatt Auszüge aus einem Chat der Eltern.

Hüseyin Y. ruft seine Frau darin auf, sich Hilfe zu suchen. Melek Y. antwortet: "... sag nicht das ich mein Kind schlage ...", oder: "... Und ich habe meine Wut gegen Yagmur gezeigt."

Das alles war ein interessantes Geheimnis, keine Frage. Allein: Das Strafgesetzbuch verbietet es Journalisten, aus einer Anklageschrift im Wortlaut zu zitieren, bevor sie in öffentlicher Verhandlung erörtert worden ist. "Das lernt jeder Volontär", räumt vor Gericht auch Sascha B. ein.

Spätestens wenn er Redakteur geworden ist, lernt der Volontär dann aber die Realität kennen. Und in der Realität ist es in Deutschland Alltag, dass Journalisten an Strafakten gelangen und deren Inhalt wiedergeben. Vor Beginn der Verhandlung. Nur eben nicht wörtlich. Der Paragraf, auf den sich die Anklage gegen die Abendblatt-Journalisten nun beruft, ist also ein hohler. Aber auch der Verstoß gegen ein ausgehöhltes Gesetz bleibt ein Gesetzesverstoß. Das ist das Problem.