In die Politik ging Helmut Schmidt, der frühere Kanzler, "aus Daffke". Eigentlich hatte er im Hamburger Hafen Karriere machen wollen, aber seine Vorgesetzten stellten sich quer. "Dann wäre ich Hafendirektor geworden", heißt Schmidts neues Buch über sein Verhältnis zu Hamburg. Es ist vor Kurzem erschienen. Das folgende Gespräch Schmidts mit Hamburgs Erstem Bürgermeister ist ein Auszug daraus.

Helmut Schmidt: Lass uns über Hamburg reden und ganz konkret anfangen. Ich sitze manchmal in Neumühlen, bei Frau Loah (Schmidts Lebensgefährtin, Anmerkung der Redaktion) im Augustinum, und schaue auf die Elbe. Ich sehe da ganz wenige Schiffe. Was ich sehe, sind riesige Containerschiffe. Vor zehn Jahren konnte das größte Containerschiff vielleicht 8.000 Container tragen. Was tragen die heute?

Olaf Scholz: Die größten sind jetzt bei 19.000 Containern angekommen.

Schmidt: Die Schiffe werden immer größer, und infolgedessen werden es immer weniger. Viel weniger als zu meiner Kinderzeit.

Scholz: Das größte Containerschiff der Welt, das Anfang des Jahres hier eingelaufen ist, ist fast vierhundert Meter lang, knapp sechzig Meter breit und hat, voll beladen, einen Tiefgang von 16 Metern. Diese Dimensionen verändern den Hafen. Wir sind mittlerweile bei einem Containerumschlag von fast zehn Millionen Standardcontainern angelangt; das ist mehr als der Containerumschlag ganz Brasiliens ...

Schmidt: Und es ist weniger als in Rotterdam und Antwerpen.

Scholz: Trotzdem haben wir im letzten Jahr den größten Umschlag gehabt, den der Hafen jemals hatte, und die Entwicklung geht aufwärts. Die prognostizierte Perspektive sind zwanzig Millionen Standardcontainer, die irgendwann pro Jahr verschifft werden.

Schmidt: Was machst du, wenn die Sache vor den Gerichten schiefgeht und euch die Vertiefung der Elbe untersagt wird?

Scholz: Ich bin optimistisch, dass wir vor dem Bundesverwaltungsgericht Erfolg haben werden, weil das Verfahren nicht mehr über den Sinn der Elbvertiefung geht, sondern um einzelne Fragen der richtigen Bemessung von Auswirkungen auf die Umwelt. Das Gericht hat ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs abgewartet. Der hat inzwischen entschieden, wie die Europäische Wasserrahmenrichtlinie auszulegen ist. Unsere Prognose ist: Die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs ermöglicht es, die Fahrrinne der Elbe anzupassen.

Schmidt: Habt ihr mal überlegt, ob ihr die Elbe, sagen wir in der Höhe Brunsbüttel, abschleust durch eine große Hochseeschleuse?

Scholz: Nein. Was wir gegenwärtig verfolgen, ist ja gar keine maximale Vertiefung. Hamburg ist mit Blick auf die weltweiten Verbindungen Europas der östlichste Hafen der Nordsee und der westlichste Hafen der Ostsee. Deshalb kommen hier gar keine voll beladenen 19.000-TEU-Containerschiffe an. Wir haben unsere Planungen darauf ausgerichtet, dass solche Schiffe mit plausibel angenommener Beladung rein- und raus- und aneinander vorbeifahren können. Wenn wir vor Gericht Erfolg haben, werden wir die Fahrrinne anpassen und gucken, wie sich die Schiffskapazitäten weiterentwickeln.

Schmidt: Die Gegenhäfen in China und Indien liegen direkt am tiefen Wasser, viel tiefer, als die Elbe jemals sein kann. Der ökonomische Aufschwung dieser Länder wird diese Häfen groß machen.

Scholz: Davon bin ich überzeugt. Der Umschlag von Shanghai liegt heute bei 35 Millionen Containern, also viel mehr als Hamburg. Aber selbst wenn die relative Bedeutung des Hamburger Hafens international abnähme, könnten wir immer noch mit einer Verdoppelung des heutigen Umschlags rechnen. Darauf müssen wir uns einstellen. Der Hafen verfügt über eine Hinterlandanbindung, die den gesamten Raum Süddeutschlands, Mittel- und Osteuropas bis hin zu Ukraine und Russland und den Ostseeraum erschließt.

Schmidt: Meine These ist, dass der Hafen zwar wachsen wird, aber seine Bedeutung für die Stadt und für die Region abnehmen wird. Heute spielt der Hafen eine riesenhafte Rolle in der Vorstellung der Hamburger. In Wirklichkeit ist nebenan in Finkenwerder eine größere Stadt entstanden. Und die Zukunft liegt im produktiven Gewerbe, nicht im Verkehr. Vielleicht irre ich mich.