Die Kinder von Benin – Seite 1

Einmal, vor sechs Jahren im Sommer, stellten sich die Nigerianer quer. Joel hatte zehn kleine Jungen aus Cotonou in Benin an die Grenze gebracht. Sie waren sieben bis zehn Jahre alt. Die Abnehmer in Nigeria versuchten den Preis zu drücken, wähnten sich überlegen. Kinderhandel, so Joel, ist ein hartes Geschäft. Seine Männer zogen Macheten. Die Nigerianer auch. Zwei Narben ziehen sich heute, wie die Schenkel eines Trapezes, von den Augenbrauen zum Haaransatz. Joel versteckt sie unter einer gefälschten Louis-Vuitton-Basecap. Sie wirken wie zwei diabolische Hörner. Er erzählt von den Bösen, aber Joel ist nicht der Gute in dieser Geschichte.

Er sitzt in einem kleinen Zelt unweit des Flussufers am Rand des Dantokpa-Marktes in Cotonou, Benin. Im Nachbarzelt rattert eine alte Nähmaschine. Ein alter Mann flickt durchgescheuerte Jeans und zerrissene Jacken. Kinder rennen auf den matschigen Wegen umher und versuchen, Wasser in kleinen Plastikbeuteln zu verkaufen. Es riecht nach Müll, Rauch und Urin.

Es ist ein Montagmorgen im verregneten Sommer 2015, und Joel starrt stumpf auf den Boden. Seine Stimme, ein whiskyrauer Bariton, macht ihn um Dekaden älter, als er ist. Die Untaten des 26-Jährigen liefern Stoff für ein gesamtes Schwerverbrecherleben.

Fünf Jahre lang hat Joel mit Kindern gehandelt, bevor er vor zwei Jahren auf dem Dantokpa-Markt zu einem der Gangführer wurde. Bevor er "im Ghetto", wie er es nennt, die kriminellen Machenschaften verschiedener Banden zu organisieren begann. Jetzt ist er einer der Paten: Wenn ein größeres Ding gedreht werden soll, muss es mit ihm und den anderen Bossen abgestimmt werden.

"Wir machen alles hier", sagt Joel, während sich eine Sau mit ihren Ferkeln drei Meter neben seinem Zelt durch die Uferböschung aus Müll in Richtung des Flusses frisst, der schwarz und träge zum Atlantik fließt. Von Autodiebstahl, Drogenschmuggel, Waffenschieberei über Einbrüche bis hin zu Kinderhandel, Kinderdiebstahl und Enthauptungen von Kindern sowie dem Verkauf der Köpfe an Voodoo-Priester. Hier – das ist der große Markt von Cotonou, dem Wirtschaftszentrum Benins.

Wirtschaft heißt in Benin meist nichts Gutes. Das Land, in dem die Staatsgewalt weitgehend die Kontrolle verloren hat, gilt als einer der Hauptumschlagplätze für Waffen und Drogen in Westafrika. Südamerikanisches Kokain landet oft hier, bevor es auf dem Landweg nach Norden transportiert wird. Waffen für die Konflikte des Kontinents: Cotonou ist ein beliebtes Tor für den Import.

Das grausamste aller Geschäfte, der Menschenhandel, hat eine lange, traurige Tradition in Benin. Vom 16. bis ins 19. Jahrhundert nannte man die Küsten von Benin, Togo und Teilen Nigerias "Sklavenküste". Damals verkauften die Herrscher der Königreiche ihre eigenen Männer und Frauen an die Europäer. Es hat sich nicht viel geändert, nur die Ware ist jünger geworden. Bis zu 50.000 Kinder pro Jahr, so die Schätzungen der lokalen Menschenrechtsorganisation Reta, werden heute in dem kleinen Land mit seinen gut zehn Millionen Einwohnern pro Jahr verkauft. Offizielle Zahlen sind in Benin dazu nicht aufzutreiben, aber auch andere Organisationen halten diese Größenordnung für realistisch.

Joel arbeitet auf diesem Markt, seit er denken kann. Als Kind klaute er Taschen, heute befehligt er eine ganze Truppe von Kriminellen. Er weiß, wovon er redet. "Manchmal stehlen die Gangs Kinder und fordern Lösegeld, geben das Kind aber nie zurück, fordern mehr und mehr, und wenn die Eltern nicht zahlen können, töten sie das Kind und verkaufen die Körperteile nach Nigeria." Ansonsten klauen sie Kinder von der Straße, entführen sie aus Häusern oder kaufen sie in den Dörfern den Familien ab.

Gerade Frauen ziehen oft über das Land, kommen in die Dörfer aus Lehm- und Holzhütten und schwatzen den überforderten Eltern ihre Kinder ab. Die Frauen geben oft vor, reiche Philanthropinnen aus der Hauptstadt zu sein, und versprechen gute Arbeit und Geld für das Kind. Die Eltern sehen ihr Kind nie wieder, und Geld wird auch keines gesendet werden.

Männer wie Joel zahlen direkt. Bieten umgerechnet bis zu 70 Euro für ein Kind. Manchmal bezahlen sie auch in Naturalien: ein Kleidungsstück, eine Rolle Stoff oder eine Flasche Schnaps für ein Kind. Allerdings, so Joel, ist es immer noch die einfachste Art, Kinder direkt in den Städten zu entführen. Heerscharen von Kindern flüchten jedes Jahr von ihren Familien, bei denen sie für einen Hungerlohn arbeiten müssen, damit sie sich ihr eigenes Essen kaufen können. Joels Beute. Allerdings mit einem gewissen Restrisiko, erwischt zu werden. Die Märkte in den Städten, wo die Kinder leben, sind groß. Man weiß nie, wer einen beobachtet. In den Dörfern zu kaufen ist dagegen die sichere Variante.

Vielen auf dem Markt gelten Kinder als Ärgernis, als Diebe, als Plage

In Benin sind gut 42 Prozent der Bevölkerung jünger als 15 Jahre – Kinder! Die Geburtenrate ist viermal so hoch wie in Deutschland. Viele Familien haben zu wenig Geld für ihren Nachwuchs. Oft sind sie froh, wenn sie ein Maul weniger zu stopfen haben. So erzählen es einem Väter und Mütter, wenn man sich über kleine Kanäle und ausgewaschene Pisten in das ländliche Benin begibt. Oft glauben sie aber tatsächlich, ihrem Kind ein besseres Leben zu ermöglichen, wenn sie es in der Stadt arbeiten schicken.

Draußen vor dem Zelt nieselt feiner Regen vom tiefen, grauen Himmel. Ein paar Jugendliche stehen vor dem Zelt und behalten die Umgebung im Auge. Ein Joint kreist. Sie schnippen ihre Zigaretten auf den Boden, Kinder heben die Stummel auf, rauchen gierig die letzten Züge bis zum Filter. Ein Junge von sechs oder sieben Jahren stapelt alte Schuhe auf einen Haufen, gießt Benzin darüber und zündet sie an. In den Sohlen der Schuhe sind Drahtgitter. Wenn alles abgebrannt ist, bleibt das Metall übrig, und er kann es verkaufen. Dicker schwarzer Rauch zieht zu Joel ins Zelt, er zieht die Basecap tief in die Stirn und zündet sich eine weitere Rothmans an.

Die Polizei? Er zuckt mit den Schultern. Vielen auf dem Markt gelten Kinder als Ärgernis, als Diebe, als Plage. Ein Polizeioffizier, der anonym bleiben möchte, drückt es so aus: "Die Leute sind doch froh über jedes Kind weniger."

Es fehlt eine Zivilgesellschaft in Benin. So sagen es ausländische Diplomaten. Ein Zusammengehörigkeitsgefühl, ein Staatsverständnis ist nicht vorhanden. Außerdem wird Kinderarbeit seit je als normal und notwendig betrachtet. "Die Wirtschaft", erklärt ein Diplomat, der anonym bleiben möchte, "funktioniert nur mit Kinderarbeit."

Dazu Desinteresse, korrupte Polizisten und Regierungsbeamte – all das macht das Land zum perfekten Markt für die Nachbarn aus Nigeria. Die Käufer kommen meist von dort. Manchmal müssen sie aber gar nicht selbst kommen und mit den Händlern in Benin verhandeln. Dann, wenn die Kinder zu ihnen gebracht werden. Von ihren Eltern.

Sein Name sei July, sagt er. Der 19-Jährige sitzt in einer kleinen Näherei in Porto-Novo, der Hauptstadt Benins. Ein einstöckiges Haus an einer Piste aus roter Erde. Sieben alte Singer-Maschinen bohren ihre Nadeln in gebrauchten Stoff, flicken Jeans und Kleider zusammen. July ist ein schmaler junger Mann mit ängstlichem Blick. Seine Augenlider zucken, er stottert, wenn er von früher erzählt.

Von einem Streit zwischen Vater und Mutter beispielsweise, da muss er etwa fünf Jahre alt gewesen sein. "Mach dich reisefertig. Morgen bringe ich dich auf den Markt", habe sein Vater seinerzeit gesagt. Dass er es war, der verkauft werden sollte, konnte er nicht ahnen.

Ein Grenzübergang nach Nigeria heißt sogar offiziell "Der illegale Weg"

Sie fahren aus ihrem kleinen Dorf ganz in der Nähe von Porto-Novo nach Seme Krake, dem Grenzort an der Küste. Sie laufen über den riesigen Markt, der, durchzogen von vermüllten Pisten und pechschwarzen Pfützen, den Grenzübergang umgibt. Schweine wühlen im Müll, an kleinen Ständen werden Essen, Shampoo oder Motorradersatzteile verkauft. In den wenigen mehrgeschossigen Steinhäusern verkaufen Händler heimischen Fisch und tiefgekühltes Geflügel aus Italien. Die Polizei kontrolliert die zwei Spuren, über die der Grenzverkehr läuft – neben den aus Europa geförderten Bauruinen der Grenzanlagen, von denen hier keiner so genau weiß, ob sie je fertiggestellt werden.

300 Meter nördlich liegt ein zweiter Grenzübergang. Eine unbefestigte Piste, knietiefe Schlaglöcher und insgesamt acht lange, dünne Holzstöcke, die als Schranken über dem Weg liegen. La voie illegale. So heißt dieser Übergang. Der illegale Weg. Ganz offiziell. In der ersten und der letzten Baracke sitzen Männer in blauen Overalls. Polizisten aus Benin. Zwischen den beiden Polizeiverschlägen liegen sechs weitere Baracken, besetzt mit Vertretern der beiden Königshäuser und lokaler Stämme. An jeder Schranke müssen Reisende Wegzoll entrichten. Hier überquert man die Grenze, wenn man nicht möchte, dass die Ware, das Auto oder man selbst kontrolliert wird.

"Wenn du morgen etwas haben willst, musst du heute leiden"

Müde liegt ein schwerer Mann in der Uniform der Police National im Schatten einer palmwedelgedeckten Hütte. Auf zwei in den Nationalfarben Rot, Gelb, Grün gestrichenen Ölfässern liegt eine Holzlatte über einer Pfütze, aus der unzählige kleine Blasen steigen.

Hält ein Auto, steht er auf, geht zum Fenster, wechselt leise Worte mit dem Fahrer und steckt ein paar Scheine ein. Anschließend hebt er die Latte und winkt das Auto durch. Den ganzen Tag geht das so.

Hier überquerte der Vater mit July also die Grenze. Er bringt den Jungen zu einer alten Frau in einem kleinen nigerianischen Flussdorf, sagt ihm, die Frau sei seine Oma, er solle jetzt für sie arbeiten. Dann verschwindet er.

"Ich habe jeden Tag von morgens um vier bis spät am Abend gearbeitet", sagt July. Seine Hände zittern leicht und halten sich am Stoff fest, den er unter die Nähmaschine schiebt. Seine Lippen formen langsam Worte, als würde er sich in die Vergangenheit zurücktasten. Wie eine Choreografie in Zeitlupe malen sie ein Bild, mit einer Stimme, die Jahrzehnte von seinem schmächtigen Körper entfernt zu sein scheint.

July ist wie Joel eine vom Horror früh vergreiste Seele. Der eine Opfer, der andere Täter.

Die ersten Jahre vergehen, jeder Tag folgt demselben Muster: Morgens putzt July das Haus, bestellt dann die kleinen Gemüsefelder, hackt das Holz, das die Frau verkauft, später am Tag belädt er damit Boote, die es auf die nahe gelegenen Märkte bringen, dann fängt er Fische und Krabben, verpackt sie ebenfalls auf Boote. "Ich versuchte, mein Bestes zu geben, aber manchmal war es einfach zu viel, und ich brach zusammen", sagt er.

Die Zusammenbrüche häufen sich, und die alte Frau beugt sich dem Flehen des Jungen, bringt ihn in die Stadt. July weiß nicht, welche Stadt. Er kann kein Englisch, die zweite Sprache in Nigeria, und natürlich spricht er kein Yoruba. Lesen hat er auch nie gelernt. "Eine riesige Stadt", sagt er heute, "endlose Märkte, hohe Häuser." Lagos. Doch den Namen kennt er nicht.

Sie steigen in den vierten Stock eines Bürohauses, in dem sich kleine Kammern mit Schreibtischen aneinanderreihen. Hunderte. Sie gehen in einen der kleinen Verschläge, eine andere Frau sitzt dort am Tisch. Die Frauen unterhalten sich auf Yoruba, July versteht kein Wort. Die 30.000 Naira, umgerechnet rund 130 Euro, die seine angebliche Oma auf dem Tisch zählt, interpretiert er jedoch richtig: Er wurde gerade verkauft. Ein zweites Mal.

Zum Abschied sagt die Frau zu dem weinenden Jungen: "Wenn du morgen etwas haben willst, musst du heute leiden."

Die neue Besitzerin ändert seinen Namen. Shegun heißt er nun. "Der Eroberer" bedeutet das in Yoruba. Sein Leben ändert sich nur wenig. Vor Sonnenaufgang muss er das Haus putzen, einkaufen gehen, dann die Kinder zur Schule bringen. Ist das erledigt, beginnt die eigentliche Arbeit: Bis spät in die Nacht muss er kleine Plastikbeutel voll Wasser auf dem Markt verkaufen. Ein weiteres Kind arbeitet mit ihm. Ein Junge aus Nigeria. Sie können sich nicht verständigen. Als sein Leidensgenosse eines Tages Julys Tageseinnahmen vom Tisch stiehlt, beginnt die Folter.

Seine Herrin zerrt ihn in ihr Schlafzimmer und zwingt ihn, drei Stunden lang in einer Strafposition zu verharren. Ein Bein in der Luft, eine Hand auf dem Boden. Als er weiter nur sagt, er habe das Geld nicht, steht sie auf, sagt: "Das ist der Tag, an dem du sterben wirst", und verlässt kurz den Raum. Sie kommt mit brennenden Kerzen wieder und übergießt den Jungen so lange mit Wachs, bis die Kerzen zu kurz sind, um sie festzuhalten. July sagt noch immer nicht, wo das Geld ist, seinen Mitsklaven will er nicht verraten. Die Frau schneidet ein Kabel zurecht, legt es doppelt und peitscht ihn aus. Wulstige, breite Narben auf seinem Rücken zeugen noch heute davon.

July stockt, wenn er davon berichtet.

"Sie will mich töten", denkt er. Tränen laufen ihm über das Gesicht, sein ganzer Körper ist voller Blut. July zeigt mehr Narben und dann noch mehr. Jede hat ihre Geschichte. Als July weiter schweigt, verliert die Frau völlig die Beherrschung. "Es war doch egal, wenn sie mich töten wollte, dann konnte sie, was sollte ich machen. Ich dachte mir nur: Dann sterbe wenigstens in Würde." Und so hielt er den Mund. Sie zerschlägt eine Flasche, streut die Scherben auf den Boden, schlägt ihn nieder. Eine massige Frau mit Armen dick wie seine dürren Oberschenkel. Sie zwingt ihn, auf den Scherben zu knien. "Wo ist mein Geld?", brüllt sie.

Die Grenze zu Benin ist Mafia-Land

Er versucht zu fliehen, sie greift ihn und fesselt ihn. Schickt das Hausmädchen los, um Chilipulver zu kaufen, und streut es in seine Wunden und Augen. Sie nimmt eine Rasierklinge, schneidet ihm die Handrücken auf und streut auch dort die gemahlenen Chilis hinein. Dann wirft sie ihn in den Keller.

Nach drei Tagen holt sie ihn heraus und verkauft ihn weiter. Sein Leben aber bleibt dasselbe. Schläge, Folter, 16 Stunden Arbeit am Stück. Mindestens.

Noch immer spürt man eine Delle in seiner Schädelplatte. Die dritte Frau, die ihn besaß, hatte ihn dort mit einem Mörserstößel erwischt. Vor fünf Jahren entschloss er sich zu fliehen, schlug sich zwei Jahre lang als Straßenkind in Lagos durch, bis ihn die Polizei aufgriff. Er sprach noch immer fast kein Yoruba. Die Polizisten brachten ihn zur Grenze und übergaben ihn den Beninern.

An der Grenze, in Seme Krake. Dort, wo der Export von Kindersklaven, wie es bei Amnesty International heißt, "etwas Normales, Alltägliches ist". Von 2010 bis 2013 versuchte die Organisation, gegen das Problem vorzugehen. Ihr Mitarbeiter Olivier Kiti erklärt, dass es ein Kampf gegen Windmühlen war: "Am Ende muss man leider verstehen: Es ist der Staat, der hier mit seinen Kindern handelt." Es ist ein offenes Geheimnis in der Hauptstadt, dass die Schmuggel-Lastwagen teilweise Ministern gehören.

Die Grenze zu Benin ist Mafia-Land. Das bedeutet hier: Territorium der zwei Königshäuser und der Polizei. Zusammen verdienen sie am Grenzverkehr. Am Schmuggel, am Menschenhandel. Manche geben das offen zu, wie der Prinz eines der Königshäuser, andere, wie der Polizeichef, lassen überdimensionierte Flachbildfernseher sprechen, die ungefähr so viel kosten, wie sie offiziell in einem halben Jahr verdienen.

In Nigeria, dem großen Ölboomland des Kontinents, kümmert sich niemand um die Kinder aus dem Nachbarland. Sie enden als Haussklaven, öfter noch in Minen oder Steinbrüchen oder auf den Feldern. Verfolgung droht den wenigsten Sklavenhaltern. Auch in Nigeria gehört Korruption zum Alltag. Jungs werden von dort in die Golfstaaten weiterverkauft.

Junge Frauen und Mädchen sind der andere Teil des Geschäfts. Ein Kollege Joels arbeitet in Seme Krake. Er nennt sich Adriano. Er schmuggelt Mädchen nach Nigeria in die Bordelle seiner Mutter. Von dort werden sie teilweise weiter nach Europa geschleust. Ein vorsichtiger Mann. Wir geben uns als Waffenhändler aus, die Ware nach Nigeria schmuggeln müssen, um an ihn heranzukommen. Nach Tagen stimmt er einem Treffen an der Küste zu.

Ein paar Hundert Meter weiter südlich, hinter einem Gürtel aus Palmen und Müll, brandet der Atlantische Ozean an die Küste. Gelbe Kanister liegen über den Strand nahe der Grenze verstreut. Bemalt mit Buchstaben- und Zahlenkombinationen. Kennzeichen, welchem Schmuggler der Kanister gehört.

Große Holzkähne mit starken Außenbordmotoren fahren von hier aus 20 Kilometer in nigerianisches Hoheitsgebiet hinein. Die Schmuggler füllen die Kanister und fahren zurück. Da die Brandung meist zu stark ist, können die Schiffe nicht am Strand anlegen. Sie werfen die Kanister ins Wasser, und Scharen von Kindern schwimmen in die Wellen und bringen die Kanister an Land. Manche sind dabei schon ertrunken.

Adriano sitzt in der Bauruine einer Anlage, die wohl ein Strandclub werden sollte. Von der Witterung fast geschwärzte Betonsäulen tragen ein graues Palmwedeldach. Ein teurer Jeep steht im Innenhof mit dem großen Tor. Drei Männer bewachen den Eingang. Adriano nickt zwei Männern zu, die am Nebentisch sitzen und Schnaps trinken, während ein paar junge Mädchen still neben ihnen am Tisch sitzen. "Meine Partner", sagt Adriano. Der Himmel hängt tief über dem Meer.

Die Männer reden über Waffen und Schmuggelrouten. Schließlich erzählt Adriano. "Wir klauen die Mädchen meist direkt hier an der Grenze auf dem Markt von Seme Krake." Es vermisse die doch eh niemand. Registriert seien sie meist auch nicht. Er schmiere die Polizei, bringe die Mädchen über den Grenzübergang, dort übernehmen dann die Nigerianer. Größere Gruppen bringen sie meist weiter im Norden rüber. Im Busch.

"Wir können das in den Mädchen schmuggeln"

"Was wollt ihr schmuggeln?", fragt er schließlich. "50 Kilo C4", improvisieren wir. Ein effektiver und häufig verwendeter Plastiksprengstoff. "Kein Problem", sagt er lapidar, während eine traurige junge Frau mit einem Baby im Arm drei Flaschen Bier auf den Tisch stellt. "Ich bringe nächste Woche 40 Mädchen rüber." Er trinkt einen Schluck Bier. Die glasigen Augen schauen eine Weile aufs Meer. Kanister werden von Booten geworfen. Kinder rennen. "Wir können das in den Mädchen schmuggeln."

"Menschliche Opfergaben sind normal hier", erzählt ein Jugendrichter

Viel wird dagegen nicht getan. Es gibt die Salesianermönche im Land, die sich um die Straßenkinder kümmern, mehrere Heime betreiben und Aufklärungskampagnen starten. Es gibt ein paar wenige integre Jugendrichter, die sich für die Rechte der Kinder starkmachen, aber wirklich beheben kann das Problem keiner. Zu tief hat sich der Kinderhandel in die Gesellschaft und die Wirtschaft gefressen. Natürlich gibt es Gesetze gegen den Kinderhandel. 20 Jahre Gefängnis drohen dem Händler. Die meisten Polizisten haben von dem Gesetz nie gehört. Deswegen ist Benin ein Zentrum für Kinderhandel. Und für den Organhandel.

Was man in Benin so nennt, ist nicht im klassischen Sinne Organhandel. Man braucht hier keine Operationen, keine Kühlkette, keine Transplantationen. Man braucht nur ein Messer. Organe handeln heißt hier: menschliche Voodoo-Fetische verkaufen. Hauptsächlich Köpfe. Vor wenigen Jahrzehnten gab es hier noch einen offiziellen Markt für Körperteile. Heute nicht mehr, aber das Phänomen ist deswegen nicht verschwunden. Dass Johannes Paul II. bei einem Benin-Besuch den Voodoo offiziell als Religion anerkannte, hat nicht unbedingt zur Besserung der Umstände beigetragen. Der Gründer einer NGO in Seme Krake erklärt auf die Frage, warum er die Organisation ins Leben gerufen hat, er sei die enthaupteten Kinderkörper leid gewesen, die er immer wieder fand. Und der oberste Jugendrichter Antoine Yehonenku sagt schlicht: "Menschliche Opfergaben sind normal hier." Kinder sind die einfachste Beute.

Joel bestätigt das aus eigener Erfahrung. Die Kinder werden direkt enthauptet. "Wir entführten sie auf dem Markt – und brachten sie um." Meistens werden nur die Köpfe über die Grenze gebracht und den nigerianischen Syndikaten übergeben. Wenn man das Risiko besonders klein halten will, dann bekommt man von der Polizei, gegen Geld, auch einfach deren Uniformen und Ausweise. So kann man vollkommen unbehelligt die Grenze passieren.

"Weißt du, ich hatte eine Vision, ich hatte einen guten Blick für den Markt. Ich wusste, wie es läuft." Darüber, dass sie da mit Kindern handeln, dachten sie nicht nach. "Straßenkinder waren wie Fleisch für uns. Tot oder lebendig, Kopf oder Rumpf – das ergab da keinen Unterschied."

Er selbst macht das nicht mehr. Er koordiniert nur noch. "Meine alten Kameraden kommen noch immer und sagen: Joel, übernimm du wieder die Führung des Kinderhandels." Er reibt sich die Narben. Jetzt aber, wo er selbst Vater ist, meint er, könne er so etwas nicht mehr tun.