In Benin sind gut 42 Prozent der Bevölkerung jünger als 15 Jahre – Kinder! Die Geburtenrate ist viermal so hoch wie in Deutschland. Viele Familien haben zu wenig Geld für ihren Nachwuchs. Oft sind sie froh, wenn sie ein Maul weniger zu stopfen haben. So erzählen es einem Väter und Mütter, wenn man sich über kleine Kanäle und ausgewaschene Pisten in das ländliche Benin begibt. Oft glauben sie aber tatsächlich, ihrem Kind ein besseres Leben zu ermöglichen, wenn sie es in der Stadt arbeiten schicken.

Draußen vor dem Zelt nieselt feiner Regen vom tiefen, grauen Himmel. Ein paar Jugendliche stehen vor dem Zelt und behalten die Umgebung im Auge. Ein Joint kreist. Sie schnippen ihre Zigaretten auf den Boden, Kinder heben die Stummel auf, rauchen gierig die letzten Züge bis zum Filter. Ein Junge von sechs oder sieben Jahren stapelt alte Schuhe auf einen Haufen, gießt Benzin darüber und zündet sie an. In den Sohlen der Schuhe sind Drahtgitter. Wenn alles abgebrannt ist, bleibt das Metall übrig, und er kann es verkaufen. Dicker schwarzer Rauch zieht zu Joel ins Zelt, er zieht die Basecap tief in die Stirn und zündet sich eine weitere Rothmans an.

Die Polizei? Er zuckt mit den Schultern. Vielen auf dem Markt gelten Kinder als Ärgernis, als Diebe, als Plage. Ein Polizeioffizier, der anonym bleiben möchte, drückt es so aus: "Die Leute sind doch froh über jedes Kind weniger."

Es fehlt eine Zivilgesellschaft in Benin. So sagen es ausländische Diplomaten. Ein Zusammengehörigkeitsgefühl, ein Staatsverständnis ist nicht vorhanden. Außerdem wird Kinderarbeit seit je als normal und notwendig betrachtet. "Die Wirtschaft", erklärt ein Diplomat, der anonym bleiben möchte, "funktioniert nur mit Kinderarbeit."

Dazu Desinteresse, korrupte Polizisten und Regierungsbeamte – all das macht das Land zum perfekten Markt für die Nachbarn aus Nigeria. Die Käufer kommen meist von dort. Manchmal müssen sie aber gar nicht selbst kommen und mit den Händlern in Benin verhandeln. Dann, wenn die Kinder zu ihnen gebracht werden. Von ihren Eltern.

Sein Name sei July, sagt er. Der 19-Jährige sitzt in einer kleinen Näherei in Porto-Novo, der Hauptstadt Benins. Ein einstöckiges Haus an einer Piste aus roter Erde. Sieben alte Singer-Maschinen bohren ihre Nadeln in gebrauchten Stoff, flicken Jeans und Kleider zusammen. July ist ein schmaler junger Mann mit ängstlichem Blick. Seine Augenlider zucken, er stottert, wenn er von früher erzählt.

Von einem Streit zwischen Vater und Mutter beispielsweise, da muss er etwa fünf Jahre alt gewesen sein. "Mach dich reisefertig. Morgen bringe ich dich auf den Markt", habe sein Vater seinerzeit gesagt. Dass er es war, der verkauft werden sollte, konnte er nicht ahnen.

Ein Grenzübergang nach Nigeria heißt sogar offiziell "Der illegale Weg"

Sie fahren aus ihrem kleinen Dorf ganz in der Nähe von Porto-Novo nach Seme Krake, dem Grenzort an der Küste. Sie laufen über den riesigen Markt, der, durchzogen von vermüllten Pisten und pechschwarzen Pfützen, den Grenzübergang umgibt. Schweine wühlen im Müll, an kleinen Ständen werden Essen, Shampoo oder Motorradersatzteile verkauft. In den wenigen mehrgeschossigen Steinhäusern verkaufen Händler heimischen Fisch und tiefgekühltes Geflügel aus Italien. Die Polizei kontrolliert die zwei Spuren, über die der Grenzverkehr läuft – neben den aus Europa geförderten Bauruinen der Grenzanlagen, von denen hier keiner so genau weiß, ob sie je fertiggestellt werden.

300 Meter nördlich liegt ein zweiter Grenzübergang. Eine unbefestigte Piste, knietiefe Schlaglöcher und insgesamt acht lange, dünne Holzstöcke, die als Schranken über dem Weg liegen. La voie illegale. So heißt dieser Übergang. Der illegale Weg. Ganz offiziell. In der ersten und der letzten Baracke sitzen Männer in blauen Overalls. Polizisten aus Benin. Zwischen den beiden Polizeiverschlägen liegen sechs weitere Baracken, besetzt mit Vertretern der beiden Königshäuser und lokaler Stämme. An jeder Schranke müssen Reisende Wegzoll entrichten. Hier überquert man die Grenze, wenn man nicht möchte, dass die Ware, das Auto oder man selbst kontrolliert wird.