"Was wollt ihr schmuggeln?", fragt er schließlich. "50 Kilo C4", improvisieren wir. Ein effektiver und häufig verwendeter Plastiksprengstoff. "Kein Problem", sagt er lapidar, während eine traurige junge Frau mit einem Baby im Arm drei Flaschen Bier auf den Tisch stellt. "Ich bringe nächste Woche 40 Mädchen rüber." Er trinkt einen Schluck Bier. Die glasigen Augen schauen eine Weile aufs Meer. Kanister werden von Booten geworfen. Kinder rennen. "Wir können das in den Mädchen schmuggeln."

"Menschliche Opfergaben sind normal hier", erzählt ein Jugendrichter

Viel wird dagegen nicht getan. Es gibt die Salesianermönche im Land, die sich um die Straßenkinder kümmern, mehrere Heime betreiben und Aufklärungskampagnen starten. Es gibt ein paar wenige integre Jugendrichter, die sich für die Rechte der Kinder starkmachen, aber wirklich beheben kann das Problem keiner. Zu tief hat sich der Kinderhandel in die Gesellschaft und die Wirtschaft gefressen. Natürlich gibt es Gesetze gegen den Kinderhandel. 20 Jahre Gefängnis drohen dem Händler. Die meisten Polizisten haben von dem Gesetz nie gehört. Deswegen ist Benin ein Zentrum für Kinderhandel. Und für den Organhandel.

Was man in Benin so nennt, ist nicht im klassischen Sinne Organhandel. Man braucht hier keine Operationen, keine Kühlkette, keine Transplantationen. Man braucht nur ein Messer. Organe handeln heißt hier: menschliche Voodoo-Fetische verkaufen. Hauptsächlich Köpfe. Vor wenigen Jahrzehnten gab es hier noch einen offiziellen Markt für Körperteile. Heute nicht mehr, aber das Phänomen ist deswegen nicht verschwunden. Dass Johannes Paul II. bei einem Benin-Besuch den Voodoo offiziell als Religion anerkannte, hat nicht unbedingt zur Besserung der Umstände beigetragen. Der Gründer einer NGO in Seme Krake erklärt auf die Frage, warum er die Organisation ins Leben gerufen hat, er sei die enthaupteten Kinderkörper leid gewesen, die er immer wieder fand. Und der oberste Jugendrichter Antoine Yehonenku sagt schlicht: "Menschliche Opfergaben sind normal hier." Kinder sind die einfachste Beute.

Joel bestätigt das aus eigener Erfahrung. Die Kinder werden direkt enthauptet. "Wir entführten sie auf dem Markt – und brachten sie um." Meistens werden nur die Köpfe über die Grenze gebracht und den nigerianischen Syndikaten übergeben. Wenn man das Risiko besonders klein halten will, dann bekommt man von der Polizei, gegen Geld, auch einfach deren Uniformen und Ausweise. So kann man vollkommen unbehelligt die Grenze passieren.

"Weißt du, ich hatte eine Vision, ich hatte einen guten Blick für den Markt. Ich wusste, wie es läuft." Darüber, dass sie da mit Kindern handeln, dachten sie nicht nach. "Straßenkinder waren wie Fleisch für uns. Tot oder lebendig, Kopf oder Rumpf – das ergab da keinen Unterschied."

Er selbst macht das nicht mehr. Er koordiniert nur noch. "Meine alten Kameraden kommen noch immer und sagen: Joel, übernimm du wieder die Führung des Kinderhandels." Er reibt sich die Narben. Jetzt aber, wo er selbst Vater ist, meint er, könne er so etwas nicht mehr tun.