Julian Webbers Herz schlug schon immer links. "Aber so unbeugsam links wie das von Jeremy Corbyn, das war unmöglich", sagt Webber. Der Londoner Theaterregisseur erinnert sich gut an seine erste Begegnung mit Jeremy Corbyn, dem Mann, der am Wochenende zum Parteichef der britischen Labour-Partei gewählt werden könnte.

Webber und Corbyn begegneten sich Ende der siebziger Jahre. Damals regierte die Labour-Partei. Großbritannien steckte tief in einer Wirtschaftskrise, und ein Haufen junger Intellektueller und eifriger Parteiaktivisten traf sich jede Woche in Islington, einem ehemaligen Arbeiterviertel im Norden Londons, um über den Stand der Dinge zu diskutieren. "Wir waren erfüllt von politischer Leidenschaft und zugleich gebeutelt von existenzieller Verzweiflung. Halb Bertolt Brecht, halb Franz Kafka", erinnert sich Webber. Für die meisten von ihnen habe links zu sein kaum mehr bedeutet als ein klares Bekenntnis zur Opposition.

"Jeremy Corbyn dagegen hatte seine ganze Persönlichkeit um die Theorie des demokratischen Sozialismus geformt", sagt Webber. Und obwohl Corbyn damals gerade mal Anfang zwanzig war, habe ihm seine unerschütterliche Überzeugung "eine stille Autorität" verliehen. "Wenn die Trotzkisten in der Runde mal wieder die Revolution ausriefen und die Debatte mit Gebrüll abbrechen wollten, dann konnte nur Corbyn die Gemüter beruhigen und das Chaos verhindern", sagt Webber.

Unter den Ultralinken von damals war Corbyn der Vernünftige.

Heute ist das anders.

Heute steht Corbyn am linken Rand seiner Partei – und ihm gegenüber stehen die drei Kandidaten der Realos. Sie wollen Labour in der Mitte positionieren und werden von einer Mehrheit der Parlamentsfraktion unterstützt. Die Basis dagegen feiert den Fundi Jeremy Corbyn. Sie will nach links. Und alles deutet darauf hin, dass der Hinterbänkler auf dem Parteitag am 12. September zum Vorsitzenden gewählt wird. Labour nimmt Kurs auf den Sozialismus.

Eisenbahn und Energieversorger will Jeremy Corbyn verstaatlichen

Der existenzielle Richtungskampf, den Corbyn nun gewinnen könnte, begann mit einer bitteren Niederlage. Zu den Parlamentswahlen im vergangenen Mai trat die Labour-Partei mit dem damaligen Oppositionsführer Ed Miliband an ihrer Spitze an. Er versprach einen "menschenwürdigen Sparkurs" und eine "verantwortungsvolle Sozialpolitik". Aber die Wähler entschieden sich für die Fortsetzung der strickten Austeritätspolitik unter den konservativen Tories. Seither ist Labour auf der Suche nach einem neuen Vorsitzenden – und nach sich selbst.

Ende August, an einem der letzten warmen Sommerabende dieses Jahres, sollte auf der großen Wiese im Stadtzentrum von Cambridge eigentlich gemächlicher Familienfrieden herrschen. Eine Kirmes hat ihre Zelte aufgeschlagen. Beim Eisverkäufer dudelt Trickfilmmusik von Walt Disney. Aber dann stören Trommeln, Trillerpfeifen und Plakate die Kleinstadtidylle. Jeremy Corbyn hätte an diesem Tag in Cambridge auftreten sollen. Als sich allerdings mehr als zweitausend Menschen angemeldet hatten, musste die Veranstaltung aus Sicherheitsgründen kurzfristig abgesagt werden. Etwa hundert seiner Fans sind trotzdem erschienen, um für Corbyn zu werben.

Unter ihnen ist Derek Peyton, 38, Softwareingenieur in einem Labor der biologischen Fakultät, der mit seinem eigenen Flyer gekommen ist. "Labour for Corbyn – Power to the Crowd" steht da: "Labour für Corbyn – Macht für die Massen". Passanten auf dem Heimweg, Familien am Kettenkarussell oder Liebespaare auf dem Rasen – allen drückt Peyton sein Flugblatt in die Hand. Darauf ist Corbyns Wirtschaftsprogramm zusammengefasst: Eisenbahn und Energieversorger sollen verstaatlicht, Gehälter und Bonuszahlungen vom Staat gedeckelt werden, und die Zentralbank soll in eine demokratisch gewählte Institution verwandelt werden. Statt die Inflation zu kontrollieren, soll sie "im Sinne des Gemeinwohls" nur die Geldmenge regulieren. Dann entscheidet das Kollektiv darüber, wo der Staat investieren soll, und die Bank of England druckt das Geld. Sollte Corbyn eines Tages Premierminister sein, würde er eine nationale Investmentbank für Infrastrukturprojekte und Zukunftstechnologie gründen, deren Grundkapital unter anderem durch die Streichung von Steuerbeihilfen für Unternehmen in Höhe von 20 Milliarden Pfund gesichert werden soll. Ein "quantitative easing für die Gesellschaft statt für Banken" nennt Corbyn sein Programm. Es ist eine klare Absage an die britische Politik der vergangenen zwanzig Jahre.