DIE ZEIT: Frau Professor Dweck, Sie sind einer der weltweit führenden Motivationsforscher und untersuchen seit Jahrzehnten das Lernverhalten von Kindern. Was hat die Neigung zu Mint-Fächern mit Motivation zu tun?

Carol Dweck: Die Gesellschaft denkt, dass die Mint-Fächer hohe Intelligenz erfordern. Und diese Disziplinen trompeten selbst die Botschaft raus, dass nur Genies sich bewerben sollten. Eine kürzlich in der Wissenschaftszeitschrift Science veröffentlichte Studie belegt, dass die Vertreter von Mint-Fächern wie Mathematik, Physik und Chemie der Meinung sind, dass diese Fächer eine besondere Begabung erfordern, die nicht gelehrt werden könne, ein angeborenes Genie. Fleiß und Hingabe seien nicht so wichtig. Dabei wurde auch herausgefunden, dass Fächer, in denen diese Ansicht verbreitet ist, weniger Frauen und Minderheiten anziehen.

ZEIT: Sie meinen, der Genieverdacht hält eine Menge Lernwilliger fern?

Dweck: Die Kinder glauben, dass man wirklich sehr schlau sein muss, um in diesen Fächern zu reüssieren, und sie halten die Zensuren in diesen Fächern für einen Beweis dafür, dass sie schlau sind oder nicht.

ZEIT: Man kann ja Mathe nicht mit sieben oder dreizehn abwählen, es ist ein Pflichtfach ...

Dweck: Ja, aber sobald sie sich quälen, denken sie: "Ich kann’s nicht. Du kannst mich ein paar Jahre lang zwingen, aber ich werde mich nicht besonders anstrengen, und ich hasse es." Sie fangen früh an, es zu hassen.

ZEIT: Sie haben eine Studie mit Siebtklässlern gemacht, um herauszufinden, was sich wann und wie manifestiert. Was kam heraus?

Dweck: Die siebte Klasse ist bei uns in den USA eine schwierige Zeit. Der Stoff wird schwerer, die Zensuren werden härter, die Pubertät ist da, eine Menge Kinder schludern und wenden sich von der Schule ab, insbesondere von der Mathematik, wo neue Konzepte eingeführt werden. Wir wollten wissen, welche Kinder es schwer haben und welche Kinder in der Spur bleiben. Wir haben uns ihre Geisteshaltung angesehen, ihren Glauben daran, dass ihre Intelligenz etwas ist, das unabänderbar oder entwicklungsfähig, dynamisch ist. Wenn einer seine Intelligenz als unabänderbar empfindet und sie infrage gestellt sieht, dann ist er verunsichert und wird abwehrend. Er sagt sich: Ich muss mich zu sehr mühen, also tauge ich nicht dafür. Er wird seine Anstrengungen runterfahren.

ZEIT: Das ist doch eine normale Reaktion.

Dweck: Er könnte auch die Einstellung haben: Meine Intelligenz ist etwas, was ich entwickeln kann. Dies ist zwar schwer, aber ich halte mich mal lieber ran, rede vielleicht mal mit dem Lehrer. Wir fanden heraus, dass die Kinder, die glaubten, Intelligenz sei entwicklungsfähig, über die nächsten zwei Jahre in Mathematik besser wurden. Die Kinder indes, die ihre Intelligenz für unabänderbar hielten, wurden nicht besser. Für die Kinder mit einer dynamischen Geisteshaltung ist Anstrengung eine positive Sache, es feuert ihre Intelligenz an, lässt sie wachsen.