Albstadt bietet ein traumhaftes Panorama der Schwäbischen Alb. Aber es ist die Schönheit der Provinz, so tief wie die deutsche Provinz eben sein kann. "Leider ist der Standort von der Infrastruktur her weniger attraktiv", sagt Ausbildungsleiter Nicolai Wiedmann, "und wegen der Schönheit der Natur bewirbt sich kaum jemand." Seit 1852 ist die Nadelfabrik Groz-Beckert am Ort fest verankert. Mit 2.200 Mitarbeitern ist sie der größte Arbeitgeber im Umkreis. Groz-Beckert plagt, was viele Mittelständler vor Probleme stellt: Sie sitzen in der Provinz, die wenig zu bieten hat. Die nächsten Zentren sind mit öffentlichen Verkehrsmitteln nur schwer zu erreichen. Selbst mit dem Auto braucht man eine ganze Zeit. Das bekommen vor allem Mitarbeiter mit Kindern zu spüren, die in der Vergangenheit oft mit der Einschulung zu Pendlern wurden.

Groz-Beckert hat reagiert. Jetzt gibt es in Albstadt eine neue Krippe, eine neue Kindertagesstätte, eine neue Grundschule, eine neue Physiotherapiepraxis und ein neues Fitnessstudio in Rufweite zum Werkstor. Der Mittelständler hat sie selbst initiiert und innerhalb von vier Jahren in Eigenregie hingestellt.

So viel Entschlossenheit zur Familienfreundlichkeit gibt es noch nicht oft unter deutschen Mittelständlern. Weniger als hundert Unternehmen tragen bisher das Siegel "Familienfreundliches Unternehmen". Bei der Investition in Angebote für Familien sind viele Mittelständler zögerlich. Dabei ist die mangelnde Vereinbarkeit von Familie und Beruf eines der heißen Themen in den Personalabteilungen. Ein Thema fast so brennend wie der allseits beschworene Fachkräftemangel. Groz-Beckert packt beide Probleme zusammen an.

Als Vorreiter für Kitas von Mittelständlern gilt der Maschinenbauer Benteler aus Paderborn, der vor fünf Jahren seine Betriebskita Rohrspatzen eröffnete. Der "Schraubenkönig" Reinhold Würth hat mit seiner Stiftung zwei Schulen gegründet. Sensorhersteller Sick aus Waldkirch bietet eine flexible Hausaufgabenbetreuung an. Andere Unternehmen kaufen für ihre Mitarbeiter immerhin Belegplätze in Betreuungseinrichtungen. Aber eine eigene Grundschule, die hat noch keiner.

Eigentlich wollte Wiedmann, selbst Vater von drei Kindern, bei Groz-Beckert nur eine Ferienbetreuung einrichten. Damit hat es vor sieben Jahren angefangen. "Das schlug ein wie eine Bombe", erinnert er sich. Hundert Mitarbeiterkinder wurden betreut, die Idee des Ausbildungsleiters reifte, sie wuchs heran zu einer Kita, wurde ergänzt um eine Krippe und schließlich um eine Schule.

Der gelernte Maschinenbauer Wiedmann, 54 Jahre alt, hatte handfeste Vorstellungen von etwas, was in Deutschland auch heute noch seinesgleichen sucht. Thomas Lindner, Gesellschafter und Vorsitzender der Geschäftsführung, gefiel die Idee des Ausbildungsleiters, und er trieb sie voran. Schon im Jahr 2009 beschloss Groz-Beckert, es zu wagen: die Gründung der ersten privaten Grundschule eines mittelständischen Industrieunternehmens.

Die Nadelfabrik ist der Stammsitz und wichtigste Standort der internationalen Firmengruppe Groz-Beckert, sie ist der größte Arbeitgeber im Ort. Die Nadeln des schwäbischen Weltmarktführers nähen, weben, stricken und wirken in Maschinen auf der ganzen Welt. Das Unternehmen erwirtschaftet mit 7.700 Mitarbeitern 571 Millionen Euro Umsatz im Jahr.

Für ihre Kinder zahlen Mitarbeiter zwischen 70 und 195 Euro Schulgeld

Das Gesundheits- und Bildungszentrum bedeutete für den Mittelständler eine riesige Investition. 17,5 Millionen Euro Baukosten schlugen zu Buche. Für den Betrieb von Krippe, Kindergarten und Schule rechnet Wiedmann mit siebenstelligen Kosten in den ersten Jahren. "Rein betriebswirtschaftlich lässt sich das nicht kalkulieren. Aber aufs Gesamte betrachtet, wird es sich für uns lohnen", sagt er.