Berlin Alexanderplatz, 4. November 1989. Ungezählte DDR-Bürger fordern eine Veränderung der Verhältnisse in ihrem Land. Die Schriftstellerin Christa Wolf betritt die Bühne und spricht zu den dicht gedrängten Demonstranten. Sie redet von der "Wende" und von den Schwierigkeiten, die sie mit diesem Begriff hat. Er erinnere sie an ein Segelboot, auf dem sich die Mannschaft ducke, wenn der Wind dreht und der Segelbaum von links nach rechts über das Boot fegt. Sie spreche deshalb lieber von einer Zeit "revolutionärer Erneuerung", bei der Oben und Unten ihre Plätze wechselten und die sozialistische Gesellschaft vom Kopf auf die Füße gestellt werde.

Noch viel größere Schwierigkeiten als mit dem Wort selbst hat Wolf mit einem spezifischen Typus von Akteur, den die "Wende" hervorbringe: "Verblüfft beobachten wir die Wendigen, im Volksmund 'Wendehälse' genannt", ruft sie den Versammelten zu. Wendehälse, zitiert sie aus dem Lexikon, könnten "sich 'rasch und leicht einer gegebenen neuen Situation anpassen, sich in ihr geschickt bewegen, sie zu nutzen verstehen'. Sie am meisten, glaube ich, blockieren die Glaubwürdigkeit der neuen Politik."

Wolfs Kritik zielt auf die Vertreter des alten DDR-Systems, die ihr Verhalten – ähnlich flexibel wie der Wendehals, ein Vogel, der seinen Kopf extrem weit nach links und rechts drehen kann – den veränderten Bedingungen anpassen, um sich erneut Macht und Einfluss zu sichern. Warum aber fürchtet Wolf gerade die Opportunisten so sehr und nicht die Ewiggestrigen? Was ist an ihnen so bedrohlich, dass die Versammelten auf Bannern "Weg mit den Wendehälsen!" fordern? Weshalb gefährdet ihre situative Flexibilität, ihr Gespür für die Gelegenheit die revolutionäre Erneuerung am meisten? Worin liegen die Gründe dafür, dass Wolf die Opportunisten "verblüfft", also mit einer Mischung aus Bewunderung für ihr Geschick und Empörung über ihre Prinzipienlosigkeit beobachtet?

Diese Fragen sind weit älter als die Geschichte der "Wende" von 1989. Das Phänomen dürfte so alt sein wie die Menschheit selbst. Gebräuchlich aber wird der Begriff Opportunismus erst im 19. Jahrhundert. In der Kriminologie wie im Strafrecht kennt man ihn spätestens seit dem Fin de Siècle. Der "Opportunist" tritt hier als Gelegenheitsverbrecher auf, der im günstigen Augenblick der Versuchung des Feld-, Wild- oder Forstdiebstahls erliegt, oder als Staatsanwalt, der die Eröffnung eines Strafverfahrens von den Umständen abhängig macht. Auch auf dem Gebiet der Ökonomie, im, wie es im angelsächsischen Raum mitunter heißt, land of opportunity, ist zunehmend die Rede vom Opportunisten, wenn es um findiges Unternehmertum oder unlauteres Geschäftsgebaren geht.

"Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern?"

Das bevorzugte Habitat des Opportunisten ist und bleibt jedoch die Politik – auch wenn Helmut Schmidt einmal zu Recht feststellte: "Opportunismus ist zum Kotzen, aber es ist kein Monopol der Politiker." Spöttisch übersetzte Wilhelm Busch das Fremdwort ins Deutsche: Der Opportunist, schrieb er, sei ein "Jenachdemer". Der italienische Schriftsteller Alessandro Manzoni soll den Opportunismus "die Kunst, mit dem Winde zu segeln, den andere machen", genannt haben. Und der britische Journalist und Schöpfer der Pater-Brown-Krimis Gilbert Keith Chesterton schimpfte 1905: "Nichts hat so viele Zwecke vereitelt wie das opportunistische Zweckmäßigkeitsdenken [...]. Nichts im ganzen Universum ist so töricht wie diese Art von Kult um die Weltklugheit." Und schließlich: "Der Politiker, der sich vom Opportunismus leiten lässt, ist wie ein Mensch, der kein Billard mehr spielt, weil er beim Billard verloren hat, oder mit dem Golfspielen aufhört, weil er beim Golf geschlagen wurde."

Das Bild des Opportunisten in der Literatur – von Heinrich Manns "Untertan" bis zu Ödön von Horváths "ewigem Spießer" – ist nicht weniger finster. Umso verblüffender, dass das neuartige Wort, als es um 1870 in der frühen Dritten Republik Frankreichs zum ersten Mal auftauchte, einen durch und durch guten Klang hatte. Es stand dort, in gänzlich positivem Sinn, für eine Kunst des Regierens. Léon Gambetta, Führungsfigur der republikanischen Radikalen im Parlament, bezeichnete damit sein Programm einer "Politik der Erfolge", einer "Politik der Ergebnisse". Opportunismus bedeutete in seinen Augen die Fertigkeit, unter sich ständig verändernden Gegebenheiten praktische, sprich am Möglichen ausgerichtete Politik zu betreiben. In Deutschland sprach man nach der gescheiterten 1848er Revolution von "Realpolitik"; Konrad Adenauer brachte deren Credo später trotzig auf den Punkt: "Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern?"