Wenn rechte Gruppen für den 12. September einen "Tag der Patrioten" in Hamburg ausrufen, kann man sich leicht ausmalen, was dabei unter Patriotismus verstanden werden soll: Fremdenhass, Nationalismus, wenn nicht gar Nationalsozialismus. Indes muss niemand sich das Wort in dieser Weise definieren lassen. Patriotismus ist, ungeachtet allen Missbrauchs, ein ehrwürdiger Begriff, der keineswegs auf die Nation zielen muss. Das Vaterland kann auch multinational sein (wie das alte Österreich-Ungarn) oder ganz ohne nationalen Bezug gedacht werden. Selbst kleine Fürstentümer hatten ihren Patriotismus – er galt dann Lippe-Detmold, Florenz oder Savoyen. Als Lokalpatriotismus kann er sich sogar auf eine Kleinstadt oder Provinz beschränken und als Verfassungspatriotismus auf die abstrakte Dimension einer politischen Staatsidee.

In der alten Bundesrepublik liebäugelten viele mit einem solchen Verfassungspatriotismus – die Liebe zum Grundgesetz hätte das Bekenntnis zur Demokratie eingeschlossen. Wäre in Hamburg zum "Tag der Verfassungspatrioten" aufgerufen worden, dann hätte sich von selbst jeder Verdacht auf Rechtsradikalismus erledigt. Stattdessen hätte er sogar die Feier des Asylrechts und eine solidarische Verantwortungshaltung gegenüber allen Asylbewerbern enthalten – es wäre so ziemlich das Gegenteil dessen, was die Hassorganisationen von Pegida, AfD und echten Neonazis unter Patriotismus verstanden wissen wollen.

Die Vorteile für die politische Hygiene sind unbestreitbar, trotzdem blieb der Verfassungspatriotismus eine Schreibtischidee. Tatsächlich lässt sich die Liebe zum Vaterland, die schon im Bedeutungskern des Patriotismus steckt, nicht so ohne Weiteres auf ein abstraktes Rechtsprinzip lenken. Die Verfassungen wechseln, aber die Patria, das Vaterland, bleibt bestehen und kann selbst noch unter unhaltbaren politischen Zuständen geliebt werden.

Als Patriot kann man den Staat deshalb auch bekämpfen, in diesem Sinne haben sich die Widerständler im "Dritten Reich" als Patrioten empfunden. Stauffenberg tat es, Goerdeler hingegen sprach beispielsweise lieber von der "Majestät des Rechts", die es wiederherzustellen gelte. Als Patrioten des Widerstands empfinden sich heute aber leider auch die Rechtsradikalen, die der Bundesrepublik den Verrat nationaler Interessen vorwerfen. Patriotismus ohne die Idee von Freiheit und Recht ist nichts Gutes, und schon Schiller hat deswegen den zu seiner Zeit aufkommenden Begriff nicht gemocht – Menschheitswerte wie Freiheit und Recht an ein einzelnes Land zu knüpfen ist sinnlose Beschränkung.

Sie geschieht aber leicht unter dem Eindruck äußerer Bedrohung. So entstand der ältere deutsche Patriotismus zu Zeiten Napoleons, als die Freiheiten, die von der Französischen Revolution versprochen wurden, durch eine französische Besatzung ins Gegenteil gekehrt wurden. Gleichzeitig vermählte er sich mit der Idee von Bürgerrechten und Demokratie und wurde zu einem Kampfbegriff gegen die Fürstenherrschaft: Das ist der deutsche Patriotismus, der zum Vorlauf der Paulskirchenversammlung gehörte und heute gerne als gute Tradition der Bundesrepublik reklamiert wird.

Er vermählte sich aber auch mit Ideen der kulturellen Selbstbestimmung und Identität, die leicht ins Nationalistische entgleisen konnten ("Deutschland, Deutschland über a-ha-lles") und vom Ressentiment gegenüber konkurrierenden oder als dominant empfundenen Nationen leben. Auch Hamburg pflegte diesen Patriotismus, der die längste Zeit ein antidänisches und antipreußisches Ressentiment einschloss; das waren die Mächte, von denen sich die Stadtrepublik bedroht fühlte. Vorübergehend entwickelte Hamburg ein starkes antifranzösisches Ressentiment, das nicht nur auf die kurze französische Besatzungszeit zurückging, sondern auch auf die Erfahrungen mit den hochmütigen französischen Revolutionsflüchtlingen in der Zeit davor.

Begegnung und Austausch müssen nicht zu Sympathie und einem Abbau von Vorurteilen führen; im Gegenteil. Insofern dürfte der Glaube trügerisch sein, dass sich der Patriotismus durch kosmopolitische Erfahrungen ausbalancieren ließe. Aber nehmen wir einmal an, wir hielten einen deutschen Patriotismus gleichwohl für wünschenswert, weil wir die Ressource einer ursprünglichen Heimatliebe für den Zusammenhalt der Gesellschaft oder das Gemeinwohl nützen wollen. Worauf könnte sich ein solcher aufgeklärter Patriotismus stützen?