Diese Frau ist die Rache der Revolution an Alexis Tsipras. Pechschwarz ist ihr Kostüm, braun das lange Haar, auf hohen Hacken misst sie 1,90 Meter. Zoi Konstantopoulou hebt die rechte Faust und ruft in die Menge: "Sollen wir das Gläubigerprogramm erfüllen?" – "Nein!", schallt es zurück. "Sollen wir die Schulden bezahlen?" – "Nein!", brüllen die Menschen. "Danke, das war laut genug", sagt sie und beginnt ihre Rede im Athener Boheme-Stadtteil Petralona. Konstantopoulou, von den Griechen nur Zoi genannt, war Alexis Tsipras’ Parlamentspräsidentin. Nachdem der Premier im August das dritte Reform- und Hilfspaket mit den Gläubigern unterzeichnet hatte, trat sie mit gut dreißig radikallinken Abgeordneten aus der Syriza-Partei aus. Premier Tsipras verlor die Mehrheit im Parlament und musste Neuwahlen ansetzen. Jetzt kämpft die linke Polit-Ikone Zoi mit anderen Syriza-Abtrünnigen gegen Syriza.

Zoi Konstantopoulou wirft Tsipras, den sie noch vor Monaten herzlich umarmt hat, vor, die Griechen zu "Versuchskaninchen der Neoliberalen" zu machen. Sie und ihre Partei Volkseinheit wollten nicht mehr bei diesem "Verbrechen" mitmachen. Tsipras’ Politik erinnere sie an den Diktator Papadopoulos, weil er die Demokratie für die Gläubiger erstickt habe. Sie verspricht ewigen Widerstand und die Rückkehr der Drachme. Die Menge jubelt und singt: "Wo Zoi ist, da ist ein Leben jenseits des Euro!"

Alexis Tsipras wird wenige Tage vor der Wahl am Sonntag von den politischen Gegnern eingekeilt. Seine Syriza-Partei liegt in den Umfragen fast gleichauf mit der konservativen Nea Dimokratia bei etwa 27 Prozent. Ein Absturz aus den luftigen Höhen der Sechzig-Prozent-Popularität, die Tsipras noch im Sommer genoss, bevor er das dritte Hilfspaket unterzeichnete. Die Stimmen, die ihm heute fehlen, gehen an die Partei von Zoi Konstantopoulou und in das wachsende Lager der frustrierten Nichtwähler. Für keine Partei wird es zu einer absoluten Mehrheit reichen, eine Koalition ist unausweichlich. Doch welche Kombination ist denkbar, um das im Sommer vereinbarte Hilfsprogramm durchzuziehen?

Um zu verstehen, was den Volkshelden Alexis in den Augen vieler Linker zum Verräter gemacht hat, bleiben wir nach Konstantopoulous Rede noch etwas sitzen. Nota Zoografou hat ihr zugehört, eine ehemalige Kulturjournalistin des Staatssenders ERT. Bei dessen Schließung wurde sie entlassen. Die 60-Jährige bekommt jetzt eine kleine Rente. Nota raucht eine Zigarette, sie ist schlank, trägt zur hellen Seidenbluse ein dezentes Make-up und grau-blonde Haare. Bei der Parlamentswahl im Januar hatte sie wie 36 Prozent der Griechen für Tsipras gestimmt. Sie war im Freudentaumel und hoffte auf bessere Zeiten und ein Ende des harten Sparprogramms. Beim Referendum am 5. Juli stimmte sie wie 62 Prozent der Griechen gegen das Hilfspaket. "Aber ich habe Tsipras schon damals nicht recht getraut", sagt Nota. "In der Stunde der Feier fühlte er sich nicht wohl in der Menge, das spürte ich." Dann kam der erste Schock, als der Premier das Nein des Volkes zum Ja zu Verhandlungen mit den Gläubigern umdefinierte. Als Tsipras im August das Hilfsprogramm mit den Gläubigern unterschrieb, "fühlte ich mich komplett betrogen", sagt Nota. "Ein Opportunist und Karrierist, ja, das ist er!"

Alexis Tsipras reist in diesen Tagen kreuz und quer durchs ganze Land, um diesen Eindruck zu zerstreuen. Spötter nennen es eine Rechtfertigungstournee, tatsächlich kämpft er um sein Überleben als Premier. Ein warmer Abend in Kalamata auf dem Peloponnes, der Olivenhauptstadt Griechenlands. Drum herum liegen Olivenhaine und Ölfabriken, es gibt keine Autobahnverbindung nach Athen, dafür viel Zorn über die Regierung, von der man sich vergessen fühlt. Auf dem zentralen Aristomenos-Platz haben sich rund tausend Menschen versammelt, aus Lautsprechern dröhnen die alten linken Lieder, die früher immer die sozialistische Partei Pasok auf ihren Veranstaltungen abspielen ließ. Die Pasok-Sozialisten haben jahrzehntelang regiert, zuletzt gemeinsam mit der Nea Dimokratia, und haben viele Wähler an Syriza verloren. Man sieht viele rote Fahnen und auch viele ergraute Köpfe. Wenig junge Leute.

Der Jüngste scheint Tsipras zu sein. Er springt ans Mikrofon – mit offenem weißen Hemd und hochgekrempelten Ärmeln. "Alles wie immer, keine Sorge, ich bin noch immer der Alexis, den ihr kennt", scheint er sagen zu wollen. Er schimpft im alten Tsipras-Sound auf die rechtskonservativen Mächte in Europa, die ihm viele Fallen gestellt hätten. Ein bisschen Schäuble-Bashing kommt immer gut. "Sie hatten einen Geheimplan, Griechenland aus dem Euro zu drängen", ruft Tsipras, "aber wir haben diesen Plan durchkreuzt." Jetzt wollten sie ihn zwingen, eine große Koalition mit der konservativen Nea Dimokratia einzugehen. "Auch das werden sie nicht schaffen!", ruft er. So erzählt Tsipras von diesem stressigen Sommer und seiner persönlichen Wende: Kadmos im Kampf gegen den Drachen des Ares – Tsipras als junger hellenischer Held im Kampf gegen die übermächtigen Konservativen, deren teuflische Absichten er vereitelte.