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Das Auffallendste ist das, was fehlt: Geräusche, Betriebsamkeit, Eile. Wer das Kanzleramt betritt und mit einem der mintfarbenen Aufzüge in die oberen Stockwerke fährt, hat den Eindruck, als habe jemand abrupt die Lautstärke abgestellt. Draußen brummt der Verkehr oder skandieren die Demonstranten. Es ist heiß, nass oder kalt. Drinnen hört, riecht und fühlt man fast nichts. Nur ab und zu rollt ein Geschirrwagen sehr leise in die Küche zurück. Man ahnt dann: Da hat wieder eine Krisensitzung stattgefunden.

Dieses Gefühl, sich im Auge des Orkans zu befinden, ist nicht neu. Aber noch nie wirkte es so surreal. Denn da draußen brummt nicht nur Verkehr, da draußen wandern die Völker.

Und noch nie hat man sich die Frage gestellt: Hat Angela Merkel, die Frau, die hier im Auge des Orkans sitzt und regiert, eigentlich keine Angst? Vor dem, was sich da draußen zusammenbraut, vor dem, was sie uns da zusammenbraut?

Merkel sei die rationalste Politikerin, die er je getroffen habe. Das sagt einer, der sie lange kennt und viele Politiker kennengelernt hat, deutsche und internationale. Nie habe er an der Kanzlerin Angst wahrgenommen. Er habe immer gefunden, dass das ihre größte Stärke sei. In den vergangenen Tagen ist ihm der Gedanke gekommen, das könnte vielleicht auch ein Defekt sein.

In all den vielen Krisen der vergangenen Jahre war Merkel für die Deutschen stets eine verlässliche Größe, so wie das Bordpersonal im Flugzeug. Solange Merkel nicht beunruhigt war, solange die Kanzlerin sich nicht hektisch anschnallte und nach der Sicherheitsweste kramte, konnte man selbst auch ruhig bleiben. Jetzt sagt sie: "Wenn wir jetzt anfangen müssen, uns zu entschuldigen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land." Bang. Ein Satz, der zeigt, dass es für Merkel nun ans Eingemachte geht, spontan gesagt, aus tiefstem Inneren.

Diese Krise ist anders. Sie ist näher, auch an Merkel, und sie geht tiefer. Sie ist größer als der 11. September und härter als die deutsche Vereinigung. Sie ist komplizierter als beide, weil sich die Echoräume der Kommunikation vervielfältigt haben. Wenn Merkel sagt "Asyl kennt keine Obergrenzen", dann ist das eine Antwort auf die CSU. Gemeint ist das Menschenrecht auf Asyl. Im Irak aber kommt an: Deutschland will nicht nur die Syrer, es nimmt auch uns. In Afghanistan, so wabert es durch Berlins Regierungskreise, sollen Hunderttausende Pässe beantragt haben, um das Land zu verlassen. Wenn Merkel ein Selfie mit einem Flüchtling macht, ist das eine menschliche Geste. In den Sozialen Medien wird daraus ein Dementi aller Aufklärungskampagnen und Beteuerungen, dass nicht jeder kommen könne.

Es ist Merkels erste Krise in Echtzeit. Alles, was sie sagt, löst sofort Bewegung aus. Buchstäblich.

Auch Merkel selbst ist anders. Nach zehn Jahren im Amt ist eines der stärksten Motive entfallen, das Politiker antreibt: die Angst vor dem Machtverlust. Merkel beschäftigt nicht mehr die Frage: Wie komm ich da rein?, sondern allenfalls die Sorge: Wie komm ich da je wieder raus?

Tägliche Anfragen im Kanzleramt, ob die Öffnung Deutschlands denn richtig gewesen sei, ergeben immer dieselbe Antwort: "Goldrichtig." Sind das nur gute Nerven, oder gibt es auch einen guten Plan?

Krisengeboren im doppelten Sinne

Wer diese Frage beantworten will, muss diese Krise durch vorangegangene Krisen in Merkels Leben sehen, muss verstehen, dass Merkel die deutsche Krisenkanzlerin par excellence ist, mehr sogar als Helmut Schmidt mit Hamburg-Flut, Ölkrise, Schleyer-Entführung, Mogadischu.

Merkel ist krisengeboren im doppelten Sinne. Als Flüchtlingskind kam sie, die gebürtige Hamburgerin, in die DDR. Eine ungewöhnliche Flucht, falsch herum gewissermaßen, aber aus Überzeugung. Für den Pfarrer Horst Kasner, ihren Vater, war die DDR der bessere, weil antifaschistische Staat. Auch daher hat Merkel ihre unverbrüchliche Treue zu Israel, ihre Kompromisslosigkeit, wenn es um alles geht, was zu weit rechts ist.

Der Zusammenbruch der DDR, deren wirtschaftliches, kommunikatives, moralisches Versagen, brachte Merkel in die Politik und wurde zu ihrem ersten großen Lehrmeister. Daher hat sie diese Lust am Funktionieren, das Pragmatische ist für sie nicht Nebensache des Politischen, sondern dessen Wahrheitstest. Besonders habe sie an der DDR gestört, dass man nicht an die Grenzen der eigenen Leistungsfähigkeit habe gehen können, immer sei die Limitierung von außen gekommen. An ihre Grenzen zu gehen und darüber hinaus, empfinde sie noch heute als "schönes Gefühl". Das hat Merkel 2010 gesagt. Nun testet sie nicht nur die eigenen Grenzen. Auch unsere.

Mit einer Krise begann auch Merkels politischer Aufstieg. Die Spendenaffäre 1999 stürzte die CDU in einen Identitätskonflikt. Helmut Kohl hatte Merkel zur Ministerin gemacht, er wurde ihr zweiter politischer Lehrmeister. Doch anders als die vielen, die Teil des Systems Kohl waren, erkannte Merkel als Außenseiterin, dass die Partei Kohl nicht nur hinter sich lassen, sondern sich von ihm trennen musste. Mit ihrem berühmten Brief in der FAZ forderte sie die CDU auf, sich von Kohl zu emanzipieren. Wusste Merkel, dass dieser Moment zu ihrem Aufstieg führen würde? Jedenfalls war es dann so.

Merkel hatte die Entscheidung autonom getroffen, ohne Absprache mit den Gremien, ohne Wolfgang Schäuble, der damals Parteivorsitzender war. Und sie hatte zum ersten Mal die Erfahrung gemacht: Es klappt. Wenn der Moment stimmt.

Holprig ging es weiter. Merkel vergriff sich im Ton, in den Maßnahmen, oft schien sie quer zu liegen zur Republik und zu ihrer Partei. Als Merkel 2002 erklärte, sie wolle Kanzlerkandidatin werden, mobilisierte sie damit binnen einer Woche einen so gewaltigen Widerstand unter den Ministerpräsidenten ihrer Partei, dass die CDU-Vorsitzende am 11. Januar nach Wolfratshausen fuhr, um ihrem Konkurrenten Edmund Stoiber die Kandidatur anzutragen. Machterhaltung durch Machtverzicht.

Das war eine politische Nahtod-Erfahrung. Und sie lernte zugleich: So kann ich überleben.

Stoiber verlor. Merkel bekam ihre Chance. Und gleich die Quittung dafür, dass sie sich an ihren Überzeugungen orientierte. Bei der vorgezogenen Wahl 2005 kam die CDU mit ihrem Turboreformanspruch auf nur 35,2 Prozent. In der sogenannten Elefantenrunde im Fernsehen saß die CDU-Vorsitzende einem elektrisierten Gerhard Schröder gegenüber und wirkte wie vom Laster überfahren. "Glauben Sie im Ernst, dass meine Partei auf ein Gesprächsangebot von Frau Merkel einginge, in dem sie sagt, sie möchte Bundeskanzlerin werden?", polterte Schröder.

Am kommenden Dienstag, exakt zehn Jahre nach Schröders trunkenem Angriff, wird Merkel seine Biografie vorstellen, "im Beisein des Bundeskanzlers a. D.", wie es in der Ankündigung heißt. Es ist ihre persönliche Rückrunde. Und ungeahnt schließt sich noch ein zweiter Kreis: Schröder hatte einst seine Kanzlerschaft an die Agenda 2010 geknüpft, Merkel bindet sie in diesen Tagen immer fester an ihr Ja zu den Flüchtlingen.

Als sie im Herbst 2005 mit Ach und Krach ins Kanzleramt einzog, hätte sie ahnen können: Krisen kann sie gut, keine Krisen nicht so gut. Der programmatische Versuch, Deutschland umbauen und durchregieren zu wollen, hatte sie trotz einer glänzenden Ausgangsposition beinahe noch in die Wahlniederlage gegen Schröder geführt. Dennoch nahm sie sich fürs Regieren wieder etwas Programmatisches vor, eine große Gesundheitsreform – und verlief sich im Geflecht der Interessen.

Die Methode, die sie damals im Ringen mit Ärzten und Krankenkassen anwendete, gleicht auf den ersten Blick jener der Krisen-Kanzlerin von heute: systematische Durchdringung, Detailstudium bis hinein in die politische Mikroskopie. Was fehlte, waren starke Veränderungsenergien; es fehlten die Gegner, die früher oder später die Nerven verlieren, weil das Tempo zu hoch wird. Es fehlte kurzum: die Krise. Und so verhedderte sich ihre Reform. Noch war die junge Kanzlerin Angela Merkel nicht zu sich gekommen.

In den ersten Oktobertagen des Jahres 2008 erhielt die Führung der damaligen großen Koalition diskret eine beunruhigende Nachricht. Die Welt befand sich inmitten einer Finanzkrise, ausgelöst vom Kollaps einer amerikanischen Bank. Plötzlich fingen die Deutschen an, signifikant öfter zum Bankautomaten zu gehen als gewöhnlich. Was der einzelne Sparer noch nicht wissen konnte und auch nicht wissen sollte: Der befürchtete bank run, der binnen weniger Tage ein ganzes Finanzsystem kollabieren lassen kann, hatte schon begonnen.

Angela Merkel und ihr Finanzminister Peer Steinbrück sahen sich vor eine psychologisch hochriskante Ausgabe gestellt: Wie können wir die Deutschen mit einer dramatischen Geste beruhigen, ohne durch die Dramatik selbst neue Unruhe zu schaffen? Und wie können wir Sparer glauben machen, ihre Einlagen seien sicher, die aber nur dann sicher sind, wenn sie daran glauben? Heraus kam der richtige Satz zum richtigen Zeitpunkt: "Wir sagen den Sparerinnen und Sparern, dass ihre Einlagen sicher sind. Auch dafür steht die Bundesregierung ein." Das war hoch gepokert, kaltblütig durchgeführt und vor allem erfolgreich.

Als Angela Merkel einmal gefragt wurde, warum sie in der DDR nicht zu den Oppositionellen gehört habe, führte sie als wichtigen Grund an, dass die Bürgerrechtler wegen des Reaktorunfalls von Tschernobyl gegen Atomenergie gewesen seien, sie selbst aber nur gedacht habe: Die Sowjetunion braucht eben bessere Atomkraftwerke. Diese biografisch-naturwissenschaftliche Sympathie für die Atomkraft hielt sie auch im vereinigten Deutschland durch. In ihrer zweiten Amtszeit plante sie den Ausstieg aus dem rot-grünen Ausstieg aus der Atomkraft. Gegen konstante Umfragemehrheiten und trotz der ungelösten Endlagerfrage.

Am 11. März 2011 um 14.47 Uhr japanischer Zeit setzten jene Erdbeben und Flutwellen ein, die kurze Zeit später die Reaktoren von Fukushima schmelzen ließen. Am 12. März erklärte die Bundeskanzlerin Atomkraft für nach wie vor "verantwortbar und vertretbar". Zwei Tage später verkündete die Regierung ein Moratorium für den Betrieb deutscher Atomkraftwerke. Der Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg aus der Atomenergie hatte begonnen. Und eine Energiewende, die das Land verändern würde, eines der größten Infrastrukturprojekte in der Geschichte der Republik.

Fukushima war die erste schöpferische Krise der Kanzlerin, hier erlebte sie die gestalterische Kraft, die für sie in einer solchen Zuspitzung liegen kann. Ein Paradox: Die systematische, vorsichtige, Schritt für Schritt vorgehende Angela Merkel funktioniert am besten in Kombination mit ein bisschen Chaos, Angst und Wende-Euphorie. Diese Mischung wird uns noch beschäftigen.

Das Richtige tun

Für die Deutschen hielt das offenkundige Umfallen der Kanzlerin eine wichtige Erfahrung bereit: Sie will nicht recht haben, sondern das Richtige tun. Wenn ein Fehler gemacht wird, dann korrigiert sie ihn. Auch so kann sich Vertrauen aufbauen. Dieses Vertrauen setzt Merkel jetzt ein und strapaziert es zugleich wie nie zuvor. Denn auch das ist in der Flüchtlingskrise anders: Wenn es ein Fehler gewesen sein sollte, wie Merkel auf sie reagiert hat, dann lässt er sich diesmal nicht so leicht korrigieren. Atomkraftwerke kann man an- und ausschalten. Syrer nicht.

Oft wurde ihr zum Vorwurf gemacht, ihre stummstockige Art des pragmatischen Na-und-Regierens entpolitisiere die Menschen, ja gefährde die Demokratie. Tatsächlich, bevor die Geschichte zum Dauergast im Kanzleramt wurde, gab es immer wieder Phasen der Stagnation, freundlicher gesagt: des Verwaltens. Meist wirkten Merkels jeweilige Koalitionspartner als treibende (und sich darin verbrauchende) Kraft, mal die aufgekratzte FDP, mal die SPD auf ihrer ewigen Suche nach dem verlorenen Sozialen. Man könnte sagen: Als Nichtkrisen-Kanzlerin macht Merkel keine sonderlich gute Figur.

Nur, wann war eigentlich die letzte Nichtkrise? Erinnert sich noch jemand an das letzte Sommerloch, an die gepflegte Gelangweiltheit einer saturierten Republik? Seit einer Weile befinden sich Deutschland und auch Europa nicht nur andauernd in einer Krise, sondern in mehreren. Merkel braucht keine Visionen mehr zu haben, die Visionen kommen zu ihr, die Albträume auch.

Tibetische Mönche schlagen ihre Schüler manchmal mit einem Stock auf die Schulter, nicht um sie zu bestrafen, sondern damit sie sich konzentrieren. Eine ähnliche Wirkung hat es auf Merkel, wenn auf sie eingedroschen wird. Das schärft ihre Sinne, ändert aber selten ihre Politik. Während der Griechenland-Krise dieses Sommers hat praktisch die gesamte Weltöffentlichkeit auf sie eingedroschen, dennoch hat die Kanzlerin ihre Linie – sei sie nun richtig oder falsch – mit wenigen Abweichungen durchgezogen, sie hat erfahren, dass das auch international geht. Das Prinzip, das sie schon bei ihrer Fukushima-Wende angewendet hatte, dass man nämlich stärker aus einer Krise herausgehen sollte, als man in sie hineingeriet, wendet sie nun auf die Euro-Krise an; sie soll die EU stärker machen. Krisenenergie als Gestaltungskraft. Wobei, das muss man sich mit Blick auf die Gegenwart merken: Merkel saß in der Griechenland-Krise an einem sehr langen Hebel, denn ohne Deutschland ging da gar nichts.

Und noch etwas ist geschehen: Angela Merkel hat sich in der Euro-Krise endgültig emanzipiert von einer der großen Autoritäten ihres Lebens – von Helmut Kohl. Als Parteivorsitzender stellte der für sie schon seit der Spendenaffäre keine Instanz mehr dar, spätestens seit der Euro- und der Ukraine-Krise auch nicht mehr als großer Europäer. Öffentlich stellte er sich gegen sie, warnte sie davor, sie solle Europa nicht zerstören. Das hatte ihr gerade noch gefehlt. Wenn sie heute den Helmut Kohl in ihrem Kopf befragt, erhält sie auf die Krisen, in denen sie steht, keine Antworten.

Ähnliches gilt für die USA, deren Regierungspolitik zu widersprechen ihr noch beim Irakkrieg 2002 schwerfiel. Seitdem hat es Invasionen der Amerikaner gegeben, denen sie sich verweigerte. Vor allem jedoch gibt es die Ukraine-Krise, in der die Kanzlerin zur Verhandlungsführerin des Westens wurde und bis heute die Wahl der Mittel bestimmt. Auch das haben die Krisen mit sich gebracht: Sie lässt sich beraten, belehren lässt sie sich nicht mehr. Der Himmel über dem Kanzleramt ist leer.

Das also war die Merkelsche Ausgangslage dieses Sommers, noch bevor die Zahl der Flüchtlinge sprunghaft anstieg: Sie hat in der Krise ihre politische Form gefunden, sie fürchtet sie nicht, sie umarmt sie. All die Krisen, die Europa nun durchlebt, kommen einer Neu- oder zumindest Umgründung der EU nahe, ökonomisch, sicherheitspolitisch, fiskalisch, menschlich, eine Metamorphose, die Merkel mitgestaltet, mindestens so sehr wie einst Jacques Delors oder eben Helmut Kohl. Mit solchen Gedanken wird sie nicht morgens aufstehen, das ist ihr alles zu viel, aber wissen tut sie es doch. Dabei fühlt sich Angela Merkel frei, frei von alten Männern und fernen Mächten, frei auch von der Notwendigkeit der Machterhaltung. Ein beneidenswerter Zustand. Auch ein riskanter?

Die Regierung habe das Thema Flüchtlinge unterschätzt, sie habe es verpennt, kritisieren Grüne und Linke. Die Wahrheit ist: Sie hat es unterschätzt, aber sie hat es nicht verpennt. Sie musste es fast unterschätzen, weil es sich pausenlos steigert, nicht linear, sondern exponentiell. Merkels Entscheidung vor zehn Tagen war nicht die Ursache einer Eskalation, sondern die Reaktion darauf. Wenn sie es auch seither mit den Öffnungssignalen womöglich etwas übertrieben hat.

"Wir schaffen das"

Seit Anfang Mai entspinnt sich eine neue Geschichte für Deutschland und für die Kanzlerin, nicht als großer Plan, sondern als eine rasende Folge von Aktion und Reaktion, beständig treiben die Ereignisse vom Aktuellen ins Prinzipielle:

7. Mai 2015: Bundesinnenminister Thomas de Maizière erklärt in Berlin, 450.000 Flüchtlinge würden dieses Jahr in Deutschland erwartet.

19. August 2015: Das Innenministerium korrigiert die Zahl steil nach oben: 800.000. Zwischen Mai und August liegen: eine dramatisch zugespitzte Lage in Syrien, im Nordirak, in Afghanistan, Hunderte toter Bootsflüchtlinge, ein Griechenland, das vollauf mit sich selbst beschäftigt ist, eine Türkei im Wahlkampf. Beide Länder winken die Flüchtlinge im großen Stil durch.

Knapp eine Woche später: Auf einem Treffen des Innenministeriums, der Bundesländer und des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) stellt jemand die Frage: "Was machen wir mit den Leuten, die kommen, sollen wir sie nach Ungarn zurückschicken?" Man einigt sich darauf: Nein, das können wir nicht machen.

25. August, 4.30 Uhr: Das BAMF bestätigt über Twitter: "#Dublin-Verfahren syrischer Staatsangehöriger werden zum gegenwärtigen Zeitpunkt von uns weitestgehend faktisch nicht weiter verfolgt." Der Tweet geht tausendfach um die Welt. Weder Angela Merkel noch ihr Kanzleramtsminister Peter Altmaier wissen davon.

25. August, zur Mittagszeit in Duisburg-Marxloh: Die Flüchtlinge würden als "Invasion" wahrgenommen, erklären Bürger der Kanzlerin auf einer Veranstaltung zum "guten Leben".

26. August 2015: Im sächsischen Heidenau wird Merkel von einem enthemmten Mob als "Volksverräterin" und "Hure" beschimpft.

31. August, Berlin: Merkel hält ihre Sommer-Pressekonferenz ab. Österreich und Ungarn haben Züge eingesetzt, um den Zustrom an Flüchtlingen nach Deutschland weiterzuleiten. "Wir leben in geordneten, sehr geordneten Verhältnissen", sagt die Kanzlerin, "die meisten von uns kennen das Gefühl völliger Erschöpfung, verbunden mit Angst nicht." Den Ausschreitungen werde der Staat mit aller Härte entgegentreten. Sie fügt hinzu: "Keine biografische Erfahrung rechtfertigt ein solches Verhalten." Die Journalisten stellen Fragen. Die Regierung wiederum fragt sich: Was machen wir mit den Zügen? Das Kanzleramt entscheidet, die Bedenken des Innenministeriums hinten anzustellen und die Züge nicht zurückzuweisen. Denn wie hätte das Abweisen der Flüchtlinge aus Ungarn konkret geschehen sollen?

1. September: Auf einem Budapester Bahnhof skandieren Syrer, Albaner und Iraker "Deutschland, Deutschland" und "Merkel, Merkel"; die Kanzlerin sieht es im Fernsehen, es berührt sie.

3. September 2015: Ungarn stoppt die Züge. Die Flüchtlinge machen sich zu Fuß auf den Weg. Sie laufen über Autobahnen, Bahngleise, Wiesen. Sie laufen nach Deutschland, zu Merkel.

4. September 2015: Die Bundesregierung rechnet damit, dass an diesem Wochenende der Höhepunkt des Flüchtlingsstroms erreicht wird. Dass man die Flüchtlinge nicht mehr aufhalten kann. Merkel ahnt, dass nun schlimme Bilder drohen. Bilder von überfahrenen Flüchtlingen, Bilder von Polizisten, die gegen verzweifelte Menschen vorgehen, womöglich Bilder von ungarischen Soldaten. Bilder, "mit denen Europa sich nicht hätte sehen lassen können", sagt ein Kabinettsmitglied.

5. September: Merkel telefoniert mit dem ungarischen Regierungschef Viktor Orbán und dem österreichischen Kanzler Werner Faymann. Die Lage sei nicht mehr unter Kontrolle, sagt Orbán. Merkel und Faymann beschließen, eine Ausreise der Flüchtlinge zuzulassen. Der deutsche Vizekanzler wird in die Entscheidung eingebunden, doch hat das Telefongespräch mehr "den Charakter einer Unterrichtung". Die Kanzlerin ist in Fahrt. Am späten Abend lässt Merkel den stellvertretenden Regierungssprecher Streiter erklären, Deutschland werde die Flüchtlinge nicht abweisen. "Wir haben jetzt eine akute Notlage bereinigt", sagt Streiter. Keine große Rede an die Nation, keine Inszenierung markiert diese Entscheidung, die womöglich die wichtigste ihrer Amtszeit sein könnte. Pragmatismus mit historischen Folgen.

Noch im Juli hatte Merkel dem palästinensischen Flüchtlingsmädchen Reem gesagt: "Wir können nicht alle aufnehmen." Was ist seitdem in Merkel gefahren? Die Antwort lautet: die Realität. Plus ein großer Schuss Weltgeschichte – die Krisen im Nahen und Mittleren Osten sind auch Folgen der europäischen Kolonialpolitik, die Umbrüche auch ein Echo auf den 11. September. Plus vielleicht ein Schuss Gefühle. Beinah stündlich kommen in der Woche danach Flüchtlinge in München an. "Wir schaffen das", sagt Merkel.

13. September 2015: Innenminister de Maizière kündigt an, Deutschland werde wieder Grenzkontrollen einführen. Es ist sein Vorschlag, er ist abgestimmt mit dem SPD-Vorsitzenden Gabriel und Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Einige Stunden lang herrscht Verwirrung: Heißt das, dass die Grenzen dichtgemacht werden? Rudert die Regierung zurück? Von vornherein sei klar gewesen, dass die Ausnahme begrenzt werden müsse, heißt es im Kanzleramt, dass man zu geordneten Verfahren zurückfinden müsse.

Offenheit, aber geordnet also. Kein Kurswechsel, aber ein Abbremsen. Allerdings eher ein symbolisches, das den europäischen Partnern zeigen soll: Wir können auch anders. Das Problem, das wissen alle, ist mit Grenzkontrollen nicht gelöst.

15. September 2015: Die Kanzlerin im trotzigen Verteidigungsmodus. Auf die Frage, ob sie selbst zur Eskalation beigetragen habe, sagt sie: "Es gibt Situationen, in denen man nicht zwölf Stunden nachdenken kann." Dann müsse man einfach entscheiden. Natürlich vermittelt ihr Umfeld nach Kräften den Eindruck, die Kanzlerin sei weder wütend über die Anfeindungen, die sie erlebt hat, noch gerührt über die Liebe, die ihr von den Flüchtlingen entgegenschlägt. Allenfalls dazu lässt man sich hinreißen: Die Kanzlerin sei "beeindruckt" von der Hilfsbereitschaft ihrer Landsleute, die den Drang nach Deutschland ebenso befeuern wie die Selfies der Kanzlerin.

Kanzlersein ist ein besonderer Zustand

Daran stimmt vermutlich so viel: Kanzlersein ist ein besonderer Zustand. Er bringt es mit sich, dass man nie wie der Kalif Harun al-Raschid unerkannt Erfahrungen machen kann. Man selbst verändert die Situation unauflösbar und damit auch die Erfahrungen, die man macht. Brutal gesagt: Ein Kanzler kann keine "echten" Erfahrungen mehr machen. Er kann das nur mehr oder weniger wissen. Kohl wusste es weniger, Merkel mehr. Nur ändern kann sie es nicht.

Deshalb ist Merkel so sparsam mit ihren Worten. Sie weiß: Wenn sie etwas sagt, ist es etwas anderes, als wenn jemand anderes es gesagt hätte. Dennoch ist sie immer wieder von der Wirkung ihrer Worte überrascht. Auch von der Wirkung dessen, was sie nicht sagt, sondern bloß ausrichten lässt, etwa von Herrn Streiter, den niemand kennt.

Merkel ist anders in dieser Krise. Vielleicht, weil bei ihr jetzt alles zusammenkommt: Es entspricht ihrer antifaschistischen Erziehung, wenn sie vor den Rechten warnt, die Asylbewerberheime anzünden; es berührt sie biografisch, wenn Menschen in Ungarn über Zäune klettern; als Christin, die sie ja auch noch ist, will sie nicht anders; sie spürt in sich die kumulierte Kraft der vorherigen Krisen.

Anders als in den anderen Krisen sitzt Merkel diesmal an einem kurzen Hebel. Denn während Europa in der Schuldenkrise nicht ohne die Deutschen konnte, kann nun Deutschland nicht ohne die Europäer. Wer Mitglieder der Bundesregierung fragt, wie man Druck aufbauen könnte in der EU, der bekommt von dem einen diese Antwort: gar nicht. Ein anderer mutmaßt: "Wenn wir die weiße Fahne hissen." Ein dritter: "Wenn wir finanziellen Druck machen." Das ist aber dann schon die Brechstange, ein Instrument, das den Deutschen nicht gut steht oder nur zu gut, wie man will.

Die Krise ist auch anders, weil die Kanzlerin diesmal voll aufs Volk vertraut. Ohne die Ehrenamtlichen wäre der Staat kollabiert. Sie muss sich aber auch darauf verlassen, dass die Emphase anhält. Merkel hatte immer das Gefühl, die Deutschen seien ein bisschen verwöhnt und quengelig, jetzt hat sie ihr größtes Projekt daran geknüpft, dass das doch nicht stimmt. Kann man da sicher sein? Jedenfalls arbeiten nun hierzulande und in Europa zwei bitter verfeindete Denkweisen gegeneinander. Wir öffnen die Arme, weil Menschen kommen (Merkel) vs: Weil wir die Arme öffnen, kommen Menschen (Seehofer). Christsein bedeutet, allen Menschen in Not zu helfen (Deutschland) vs: Christsein bedeutet, Muslime draußen zu halten (Ungarn).

Diese Krise ist aber auch deswegen anders, weil sie größer ist. Hier geht es weder um Geldströme noch um Solardächer, es geht nicht einmal nur um Schutz suchende Menschen, sondern um solche, die bleiben und damit die Identität dieses Landes verändern werden. Diversität, das glaubt Angela Merkel, die Frau, die in einer homogenen Gesellschaft aufwuchs und lange skeptisch gegen "multikulti" war, Diversität helfe den Deutschen, sich im globalen Wettbewerb durchzusetzen. Knapper gesagt: Lieber zu bunt als zu alt.

Die Kanzlerin wird auch in diesen Kampf nicht mit großen Reden eingreifen. Doch womit dann? Wenn man in ihrem Amt fragt, womit sie sich zurzeit beschäftigt, fällt immer auch das Wort "Betten": Gibt es genügend Schlafplätze für die Flüchtlinge? Die Grüne Antje Vollmer hat einmal die 68er-Männer kritisiert: Ihr immer mit euren großen Reden und euren "ewig ungemachten Betten"! Bei Merkel ist es genau umgekehrt, keine großen Reden, aber jeden Abend wird der Kanzleramtsminister gefragt, ob die Betten gemacht seien für die Fremden. Bei Merkel ist es im Jahre zehn ihrer Kanzlerschaft so: Pragmatismus gebiert Strategie, Strategie lebt im Pragmatismus.

Mit dieser Krise führt Angela Merkel die Deutschen ins Risiko und in eine Entscheidung, wieder fällt eine Mauer. Doch diesmal sitzt sie nicht in der Sauna wie beim Mauerfall. Sie sitzt in der Waschmaschine. Ist das besser? Mal sehen.