Wer diese Frage beantworten will, muss diese Krise durch vorangegangene Krisen in Merkels Leben sehen, muss verstehen, dass Merkel die deutsche Krisenkanzlerin par excellence ist, mehr sogar als Helmut Schmidt mit Hamburg-Flut, Ölkrise, Schleyer-Entführung, Mogadischu.

Merkel ist krisengeboren im doppelten Sinne. Als Flüchtlingskind kam sie, die gebürtige Hamburgerin, in die DDR. Eine ungewöhnliche Flucht, falsch herum gewissermaßen, aber aus Überzeugung. Für den Pfarrer Horst Kasner, ihren Vater, war die DDR der bessere, weil antifaschistische Staat. Auch daher hat Merkel ihre unverbrüchliche Treue zu Israel, ihre Kompromisslosigkeit, wenn es um alles geht, was zu weit rechts ist.

Der Zusammenbruch der DDR, deren wirtschaftliches, kommunikatives, moralisches Versagen, brachte Merkel in die Politik und wurde zu ihrem ersten großen Lehrmeister. Daher hat sie diese Lust am Funktionieren, das Pragmatische ist für sie nicht Nebensache des Politischen, sondern dessen Wahrheitstest. Besonders habe sie an der DDR gestört, dass man nicht an die Grenzen der eigenen Leistungsfähigkeit habe gehen können, immer sei die Limitierung von außen gekommen. An ihre Grenzen zu gehen und darüber hinaus, empfinde sie noch heute als "schönes Gefühl". Das hat Merkel 2010 gesagt. Nun testet sie nicht nur die eigenen Grenzen. Auch unsere.

Mit einer Krise begann auch Merkels politischer Aufstieg. Die Spendenaffäre 1999 stürzte die CDU in einen Identitätskonflikt. Helmut Kohl hatte Merkel zur Ministerin gemacht, er wurde ihr zweiter politischer Lehrmeister. Doch anders als die vielen, die Teil des Systems Kohl waren, erkannte Merkel als Außenseiterin, dass die Partei Kohl nicht nur hinter sich lassen, sondern sich von ihm trennen musste. Mit ihrem berühmten Brief in der FAZ forderte sie die CDU auf, sich von Kohl zu emanzipieren. Wusste Merkel, dass dieser Moment zu ihrem Aufstieg führen würde? Jedenfalls war es dann so.

Merkel hatte die Entscheidung autonom getroffen, ohne Absprache mit den Gremien, ohne Wolfgang Schäuble, der damals Parteivorsitzender war. Und sie hatte zum ersten Mal die Erfahrung gemacht: Es klappt. Wenn der Moment stimmt.

Holprig ging es weiter. Merkel vergriff sich im Ton, in den Maßnahmen, oft schien sie quer zu liegen zur Republik und zu ihrer Partei. Als Merkel 2002 erklärte, sie wolle Kanzlerkandidatin werden, mobilisierte sie damit binnen einer Woche einen so gewaltigen Widerstand unter den Ministerpräsidenten ihrer Partei, dass die CDU-Vorsitzende am 11. Januar nach Wolfratshausen fuhr, um ihrem Konkurrenten Edmund Stoiber die Kandidatur anzutragen. Machterhaltung durch Machtverzicht.

Das war eine politische Nahtod-Erfahrung. Und sie lernte zugleich: So kann ich überleben.

Stoiber verlor. Merkel bekam ihre Chance. Und gleich die Quittung dafür, dass sie sich an ihren Überzeugungen orientierte. Bei der vorgezogenen Wahl 2005 kam die CDU mit ihrem Turboreformanspruch auf nur 35,2 Prozent. In der sogenannten Elefantenrunde im Fernsehen saß die CDU-Vorsitzende einem elektrisierten Gerhard Schröder gegenüber und wirkte wie vom Laster überfahren. "Glauben Sie im Ernst, dass meine Partei auf ein Gesprächsangebot von Frau Merkel einginge, in dem sie sagt, sie möchte Bundeskanzlerin werden?", polterte Schröder.

Am kommenden Dienstag, exakt zehn Jahre nach Schröders trunkenem Angriff, wird Merkel seine Biografie vorstellen, "im Beisein des Bundeskanzlers a. D.", wie es in der Ankündigung heißt. Es ist ihre persönliche Rückrunde. Und ungeahnt schließt sich noch ein zweiter Kreis: Schröder hatte einst seine Kanzlerschaft an die Agenda 2010 geknüpft, Merkel bindet sie in diesen Tagen immer fester an ihr Ja zu den Flüchtlingen.

Als sie im Herbst 2005 mit Ach und Krach ins Kanzleramt einzog, hätte sie ahnen können: Krisen kann sie gut, keine Krisen nicht so gut. Der programmatische Versuch, Deutschland umbauen und durchregieren zu wollen, hatte sie trotz einer glänzenden Ausgangsposition beinahe noch in die Wahlniederlage gegen Schröder geführt. Dennoch nahm sie sich fürs Regieren wieder etwas Programmatisches vor, eine große Gesundheitsreform – und verlief sich im Geflecht der Interessen.

Die Methode, die sie damals im Ringen mit Ärzten und Krankenkassen anwendete, gleicht auf den ersten Blick jener der Krisen-Kanzlerin von heute: systematische Durchdringung, Detailstudium bis hinein in die politische Mikroskopie. Was fehlte, waren starke Veränderungsenergien; es fehlten die Gegner, die früher oder später die Nerven verlieren, weil das Tempo zu hoch wird. Es fehlte kurzum: die Krise. Und so verhedderte sich ihre Reform. Noch war die junge Kanzlerin Angela Merkel nicht zu sich gekommen.

In den ersten Oktobertagen des Jahres 2008 erhielt die Führung der damaligen großen Koalition diskret eine beunruhigende Nachricht. Die Welt befand sich inmitten einer Finanzkrise, ausgelöst vom Kollaps einer amerikanischen Bank. Plötzlich fingen die Deutschen an, signifikant öfter zum Bankautomaten zu gehen als gewöhnlich. Was der einzelne Sparer noch nicht wissen konnte und auch nicht wissen sollte: Der befürchtete bank run, der binnen weniger Tage ein ganzes Finanzsystem kollabieren lassen kann, hatte schon begonnen.

Angela Merkel und ihr Finanzminister Peer Steinbrück sahen sich vor eine psychologisch hochriskante Ausgabe gestellt: Wie können wir die Deutschen mit einer dramatischen Geste beruhigen, ohne durch die Dramatik selbst neue Unruhe zu schaffen? Und wie können wir Sparer glauben machen, ihre Einlagen seien sicher, die aber nur dann sicher sind, wenn sie daran glauben? Heraus kam der richtige Satz zum richtigen Zeitpunkt: "Wir sagen den Sparerinnen und Sparern, dass ihre Einlagen sicher sind. Auch dafür steht die Bundesregierung ein." Das war hoch gepokert, kaltblütig durchgeführt und vor allem erfolgreich.

Als Angela Merkel einmal gefragt wurde, warum sie in der DDR nicht zu den Oppositionellen gehört habe, führte sie als wichtigen Grund an, dass die Bürgerrechtler wegen des Reaktorunfalls von Tschernobyl gegen Atomenergie gewesen seien, sie selbst aber nur gedacht habe: Die Sowjetunion braucht eben bessere Atomkraftwerke. Diese biografisch-naturwissenschaftliche Sympathie für die Atomkraft hielt sie auch im vereinigten Deutschland durch. In ihrer zweiten Amtszeit plante sie den Ausstieg aus dem rot-grünen Ausstieg aus der Atomkraft. Gegen konstante Umfragemehrheiten und trotz der ungelösten Endlagerfrage.

Am 11. März 2011 um 14.47 Uhr japanischer Zeit setzten jene Erdbeben und Flutwellen ein, die kurze Zeit später die Reaktoren von Fukushima schmelzen ließen. Am 12. März erklärte die Bundeskanzlerin Atomkraft für nach wie vor "verantwortbar und vertretbar". Zwei Tage später verkündete die Regierung ein Moratorium für den Betrieb deutscher Atomkraftwerke. Der Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg aus der Atomenergie hatte begonnen. Und eine Energiewende, die das Land verändern würde, eines der größten Infrastrukturprojekte in der Geschichte der Republik.

Fukushima war die erste schöpferische Krise der Kanzlerin, hier erlebte sie die gestalterische Kraft, die für sie in einer solchen Zuspitzung liegen kann. Ein Paradox: Die systematische, vorsichtige, Schritt für Schritt vorgehende Angela Merkel funktioniert am besten in Kombination mit ein bisschen Chaos, Angst und Wende-Euphorie. Diese Mischung wird uns noch beschäftigen.