Hätte der Himmel ein Dachgeschoss – so könnte es aussehen: Durchs Heilig-Geist-Kloster im Augsburger Stadtkern geht man rauf ins kollektive Gedächtnis aller Nachkriegsgenerationen. Ein schummrig beleuchteter Schaukasten beherbergt das Sams samt Herrn Taschenbier. Ein paar Schritte weiter reitet Lord Schmetterhemd durch die Wüste. Don Blech, Kater Mikesch, Urmel, hier hängen sie alle an Fäden, als käme das Fernsehen weiter aus Röhrengeräten. Da drüben, in voller Pappmascheepracht: das Lummerland, Lukas, Jim Knopf. Kindheitsträume hinter Glas. Ein Stockwerk voller Erinnerungen.

Klaus Marschall ist schon oft hinaufgestiegen, ins hauseigene Museum des berühmtesten Puppentheaters der Republik. Er kennt jeden Holzkopf, jede Requisite, jedes noch so kleine Detail. Und doch kriegt auch der Theaterdirektor hier oben das Kinderstrahlen kaum aus seinem grauen Fünftagebart. "Des ist ja ned nur die Geschichte unseres Hauses", schwärmt er im bauchigen Ton seiner Heimatstadt, "es ist auch meine eigene." Schließlich weiß wahrscheinlich niemand mehr über die Augsburger Puppenkiste als ihr Geschäftsführer. Und das will was heißen, bei einer Bühne, deren handgeschnitztes Personal mehr Bürger über 40 vor Augen haben dürften als die aktuelle Kabinettsliste.

Er gibt heute Gastspiele in Japan und in der arabischen Wüste

Marschall wird 1961 hineingeboren in die Zeit des aufstrebenden Provinztheaters, das nach der Zerstörung im Krieg gerade mit der Muminfamilie den Durchbruch im Fernsehen gefeiert hatte. Es war der Beginn eines Goldenen Zeitalters, das es aber nur geben konnte, weil sich die Puppenkiste schon damals künstlerisch und ökonomisch ein paar Eigenheiten leistete.

Zum Beispiel die Produktion von Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer. Die fegte nicht nur bei der Erstausstrahlung die Straßen leer, sie gilt bis heute als Meilenstein zeitloser Familienunterhaltung. Wer niemals Emma im Frischhaltefolienmeer gesehen hat, ist entweder im Funkloch aufgewachsen oder bei Technikhassern. Noch heute verkauft sich die Marionettenversion von Michael Endes Bestseller gut – das Fernsehen spart nicht an Wiederholungen. Nur an einem Ort hat sie keiner je gesehen: in der Augsburger Puppenkiste.

Die nämlich trennt Bühne und Kamera seit schwarz-weißen Zeiten strikt. Da das pittoreske Kreuzgewölbe im Herzen der nordbayrischen Stadt fürs raumgreifende TV-Format ungeeignet war, wurde schon das weit simplere Peter und der Wolf 1953 aus einem Hamburger Luftschutzbunker gesendet. Umgekehrt taugen die üppig ausstaffierten Serien nicht für den Saal. "Statt mit 40 verschiedenen Kulissen wie am Bildschirm müsste Jim Knopf live mit drei bis vier auskommen", meint Klaus Marschall, "da wären die Zuschauer zu Recht enttäuscht." Dramaturgisch lassen sich Film und Theater kaum vereinbaren.

Wirtschaftlich sieht das ein wenig anders aus.Nicht zuletzt dank jahrzehntelanger Präsenz im Hessischen Rundfunk ist aus dem berühmten, aber winzigen Bretterverschlag eine Großbühne globaler Kleinkunst geworden. Und obwohl nicht mehr jedes Jahr ein neues Holzensemble zu nationaler Bekanntheit gelangt, sprudeln solide Einnahmen aus Ticketverkauf, Merchandising, Gastronomie ins denkmalgeschützte Haus. Meist rauschen sie jedoch auch gleich wieder hinaus. Heute wie damals. "Wenn mein Vater Anschaffungen machte", erinnert Marschall sich an die Zeit des Generationenwechsels, "ging er zur Sekretärin und fragte, ob noch Geld da ist." Beschauliche Zeiten. Ohne Spielkonsolen und Privatfernsehkonkurrenz.

Heute dagegen – ein Internet, 200 TV-Kanäle und Millionen von Touchscreens später – könne sich ein rentabler Kulturbetrieb mit 26 Vollzeitkräften und zwei Millionen Euro Umsatz so kreative Buchhaltung nicht mehr leisten. Deshalb hat der gelernte Dekorateur ohne betriebswirtschaftliche Ausbildung schon als einfacher Mitarbeiter "nächtelang Vierjahrespläne erstellt". 1992 dann, frisch mit der Leitung betraut, hat er rasch Abläufe gestrafft, Investitionen strukturiert, Löhne erhöht, also auch am Arbeitsmarkt für Konkurrenzfähigkeit gesorgt und zudem Tourneen organisiert, "um die Marke international bekannt zu machen und Kapazitäten auszulasten".

Gab es bei Vater Hanns-Joachim 350 Vorstellungen im Jahr, inszeniert der Filius ein Drittel mehr – 120 Gastspiele von Japan über Amerika bis in Arabiens Wüste inklusive. Die Zahl der Sitzplätze ist auf 212 gestiegen und damit Einnahmen, Personalgröße, Sponsorengelder, Fördermittel. Dafür arbeitet Marschall sechs, manchmal sieben Tage die Woche, oft bis in die Nacht. Wenn er danach mal mit seiner Frau essen gehe, "besprechen wir geschäftliche Dinge, für die vorher keine Zeit war". Ganze zwei Sommerwochen, wenn sich das Paar in ein italienisches Bergdorf zurückzieht, ist er mal unerreichbar.