Die Zukunft des Wohnens, sie wird in Pankow erdacht, ausgerechnet in einem Freizeitheim für Senioren. Das Heim in der Stillen Straße sieht recht unscheinbar aus, 1927 erbaut, grau verputzt, gepflegter Garten. Pankow ist – wie fast alle anderen Viertel von Berlin – sehr beliebt geworden, allein in den vergangenen sechs Jahren sind die Warmmieten um dreißig Prozent gestiegen. Nicht mehr nur in München oder Hamburg, sondern auch hier suchen nun viele verzweifelt nach günstigem Wohnraum – und die Politik hat das inzwischen sogar erkannt. Nicht erst seit den neuesten Flüchtlingsbewegungen steht fest: Es soll wieder Sozialwohnungen geben!

Doch wie werden sie aussehen? Immer mehr klotzige Mietskasernen, wie sie vielerorts noch in den achtziger Jahren errichtet wurden? Darf die Immobilienwirtschaft, die nicht einmal bei Luxuswohnungen auf neue, sinnvolle und schöne Ideen kommt, beim Bau von günstigen Wohnungen einfach so trostlos weitermachen wie bisher?

Diese Frage hat man im Seniorenfreizeitheim in Pankow beackert. Es ist eine recht ungewöhnlich zusammengewürfelte, inzwischen aber gut eingespielte Gruppe von Zukunftsforschern, die sich hier in den vergangenen Monaten die Köpfe heiß diskutierte. Und die sich auf ein Experiment einließ, das man sich kaum exotischer vorstellen kann.

Hausgemeinschaften, die mit ihren Bewohnern wachsen, aber auch wieder schrumpfen können

Zu den Senioren, die sich in der Stillen Straße normalerweise zum Schachspielen oder Singen treffen, kamen Leute vom Berliner Haus der Kulturen der Welt und vor allem eine Delegation des Architekturkollektivs Assemble aus London. Da trafen ältere Damen mit adretten, ins Lila changierenden Kurzhaarfrisuren auf die hippe Avantgarde des internationalen Bauens. Und obwohl manche anfangs dachten, die beiden Welten würde sich gewiss nichts zu sagen haben, kam am Ende etwas heraus, was Furore machen könnte: eine Hausgemeinschaft mit wundersamen Wohnungen, die mit ihren Bewohnern wachsen, aber auch wieder schrumpfen können.

Von Ende Oktober an wird man ein Modell dieser von Assemble und der Stillen Straße ausgeheckten Bleibe in der Ausstellung Wohnungsfrage in Berlin besichtigen können. Aus Holz im Maßstab eins zu eins gebaut, mit Waschbecken und Klosett, komplett begehbar. Dieses Modell, so hoffen die Ausstellungsmacher, könnte wie ein kleiner Sprengsatz in der Diskussion um Wohnungsnot und Gentrifizierung wirken. Zusammen mit drei anderen für die Ausstellung entworfenen Modellen, die sich Architekturbüros aus Tokio, Brüssel und San Diego mit weiteren Berliner Initiativen wie der Gruppe Kotti & Co ausgedacht haben, könnte es die Baupolitik ordentlich durchrütteln. Günstige, große Häuser für die Massen müssen, das beweisen die Modelle, keine starren Betonburgen mit den immer gleichen Grundrissen sein. Wenn man nur die zukünftigen Bewohner in die Planung einbezieht, entstehen ganz ungeahnte, pragmatische Lösungen.

Übrigens war es kein Zufall, dass die Londoner Architekten von Assemble auf die resoluten Senioren in der Stillen Straßen trafen. Ausgedacht haben sich dieses Experiment die Architekten und Kuratoren Jesko Fezer, Nikolaus Hirsch, Wilfried Kühn und Hila Peleg. Parallel zu der Ausstellung werden sie jetzt auch eine Akademie zur Wohnungsfrage veranstalten und eine ganze Reihe von Büchern publizieren. Immer weniger Menschen, prangern sie an, könnten selbstbestimmt über bezahlbaren Wohnraum verfügen. Das soll sich jetzt ändern.

Seit zwei Jahren haben sie an dem Programm der Ausstellung gearbeitet, haben zu alten Antworten auf die Wohnungsfrage geforscht und dann über die Zukunft nachgedacht. Sie wollten nicht schon wieder die hierzulande allseits bekannten Architekten und Theoretiker beauftragen, neue Konzepte des Wohnens vorzustellen. So entstand die Idee, Berliner Initiativen und Aktivisten, die sich schon seit Jahren auf lokaler Ebene mit den Themen Verdrängung, Mieterhöhung und Verlust des öffentlichen Raums beschäftigen, zu Auftraggebern zu machen. Und zwar von besonders experimentierfreudigen Architekturbüros aus dem Ausland. So kamen dann auch Doris Syrbe, Eveline Lämmer, Elli Pommerenke, Hermann Hering und Brigitte und Peter Klotsche aus Pankow ins Spiel.